Eine Stunde Münsterturm: Orientierungsloser Overview

David Weigend

Sie ist immer noch ein Magnet für Freiburgbesucher: Die Aussichtsplattform im Münsterturm. Wir sind auch mal hochgestiegen und haben viel Seltsames aufgeschnappt, etwa die Frage, "ob dieser Dom original oder nachgebaut" sei. Das alles. Und noch viel mehr:



„Von den geschilderten Vorzügen reicht doch noch keiner aus, den besonderen Ruhm des Münsters zu begründen. Dieser wird dem Turm verdankt und reicht weit über Deutschlands Grenzen heraus.“


Das schrieb der inzwischen verstorbene Kunsthistoriker Martin Gosebruch im Merianheft über Freiburg in der Ausgabe vom März 1963. Gosebruchs Feststellung ist auch heute noch von Belang. Täglich besteigen etwa 700 Menschen den Münsterturm, er ist eine von Freiburgs Hauptattraktionen. Auch wir wollen die 70 begehbaren Höhenmeter des 116 Meter hohen Turms überwinden und erfahren, was Besucher der Stadt bei der Betrachtung selbiger über Freiburg und seine Umgebung zu wissen glauben.



Im Treppenturm ist es eng. Die einzige Regel, die hier gilt, heißt: Innen hoch, außen runter. Eine Anweisung, die von den meisten Besuchern beflissentlich missachtet wird, so dass es immer wieder zu "Sorrys!" und peinlichen Beinahe-Zusammenstößen kommt.

Außerdem fragt man sich, ob es ein Kind gibt auf dieser Welt, das keine Stufen in nervtötendem Singsang mitzählt, wenn es einen Turm besteigt. Die Eltern trotten meist schnaufend hinterher und sagen Sachen wie „So, jetzt wird die Sahnetorte abgearbeitet.“ 93, 94, 95. Vor der Aussichtsplattform kommt, 1 Euro 50 bitte, die Kasse.



Nach dem Bezahlen kommt ein weiterer Aufgang, der wieder so geräumig ist wie ein Cornichonsglas. Großbusige Französinnen zwischen 50 und 60 bringen jeden Gentleman in Verlegenheit. Die Damen quetschen sich mit einem verschwitzen „Uh lala“ vorbei und einige Stufen später hat man es geschafft.

Erster Eindruck: Der Dattler sieht aus wie ein Raumschiff, das dem ersten Zyklus der Perry Rhodan-Serie entnommen wurde, ein weißes Ungetüm, das am Schlossberg gelandet ist. Aber: ist das überhaupt der Schlossberg? Hinter uns schwäbelt einer, auf den Dattler zeigend: „Des isch de Schwarzwald, also Nord. Dahinder kommt Waldkirch.“ Ah ja. Ha ja.



Noch verwirrender wirds, wenn man sich zum Schönberg wendet. „Und hier, das ist der Feldberch, ne?“, fragt die Rheinländerin eine Frau mit weißen Haaren, die hier schon länger herumsteht und gedankenverloren in die Ferne schaut. Die Greisin macht vage Handbewegungen, ganz sicher scheint sie sich auch nicht zu sein. Nach längerer Überlegung sagt sie: „Nee, der Feldberg müsste weiter links liegen.“ Von unten schallt das unerträgliche La Bamba dreier Straßenmusikanten herauf. Nicht mal hier hat man seine Ruhe.

Zwischendurch immer das Pi-Piiep einer Fotokamera, die der Tourist, durchschnittliche Verweildauer auf der Plattform: acht Minuten, behände durch die dünnen Stäbe der Bauabsperrung schiebt, um keinen Zaun auf dem Bild zu haben. Der Westwind pfeifft ordentlich, die Sicht ist gut, auch aufs verhüllte Dach der Baustelle Augustinerkloster und auf die imposante Dachterasse des Hauses gegenüber an der Salzstraße.



Der Balkonneid weicht abrupt einem großen Fragezeichen im Kopf des Betrachters, als er Ohrenzeuge folgender Konversation wird: „Sach ma, is der Dom hier eigentlich original?“, fragt eine Erstbesteigerin ihren Mann. Der sagt: „Also, ich glaub, nee. Freiburg wurd doch im Krieg komplett zerstört.“

Irgendwie fühlt man sich wieder an Perry Rhodan erinnert, genauer an Band 1830, "Der IQ-Dimmer“, in dem sich die terranische Schachmeisterin Agnes Figor freiwillig verdummen lässt. Münster Unserer Lieben Frau, willkommen in Disneyland. Wollen wir nicht gleich den güldenen Wetterhahn durch eine Mickymaus ersetzen?



Aber es gibt noch mehr lustige Kommentatoren auf dem „schönsten Turm auf Erden“. Kinder zum Beispiel. Die kümmern sich weniger um Historisches denn um Gegenwärtiges. Den Blick auf die winzigen, gelben Tischdecken des Rappenhotels gerichtet, schmieden sie Pläne wie: „Da müsste man jetzt ne Wasserbombe runterwerfen!“ „Nee, gleich ne Atombombe!“, kontert ein Mädchen mit Streifenhemd. Jugend forscht. Weiter so.



Zum Schwabentor hat jeder sein Anekdötchen zu erzählen. Immerhin, der einheimische Student, der dem japanischen Gast die Legende vom Schwaben mit den Sandsäcken erzählt, überliefert selbige ohne eigene Hinzudichtungen. Der Japaner grinst sich eins und schaut sich das Tor durchs Fernglas an. Immerhin überwacht ihn dabei das Erzbistum Freiburg noch nicht per Videokamera.



Wer ein Auge fürs Grobe hat, wird hier oben selbstredend auch bedient: die verrottete Banane hinterm Bauzaun, die vielen halbherzig geschmissenen Münzen, die anbetungswürdige Hässlichkeit des Karlsbaus, der klotzige Charme der Galeria Kaufhof und so weiter.

„Mama, was ist des für ne Kugel da hinten?“, fragt ein Knirps seine Mutter und zeigt auf die Gaskugel in Betzenhausen. Die Mutter mutmaßt: „Hm, ist wahrscheinlich von irgendner Firma. Oder ein Atomkraftwerk.“ Schöne Vorstellung. Wie beruhigend, dass Fessenheim gar nicht viel weiter weg ist, wie man von hier aus komfortabel feststellen kann.



Unverhofft klingelt sogar der Amateurfußball-Promialarm. Micha Renner, Kopf und Schienbein des SV Munzingen, wird mit junger Begleitung am Turmhelm gesichtet. Fachkundig erklärt er die neue Schlossbergbahn. Endlich mal einer, der sich auskennt – und sehr enttäuscht ist, dass man wegen Renovierungsarbeiten nicht noch weiter hoch kann.



Während die mittlerweile missmutigen Kids herumnörgeln (Antwort der Omma: „Jetzt macht hier ma kein Menetekel!“), wenden wir uns zum Abstieg, der einmal mehr im Menschenstau mündet. Auch hier wieder Top-Dialoge der Marke: „Geht das mit den Tüten, Gustav?“ „Nein.“ „Soll ich sie dir abnehmen?“ „Nein.“ So macht der Drehwurm Spaß.

Um 16 Uhr gibt’s als Krönung die volle Dröhnung von der Hosannaglocke, gefühlter Hall: 40 Sekunden. Wir treiben uns ein wenig im Tourishop herum. Ein 10-Jähriger will eine Postkarte haben, die mit dem Nasentrompeter. Das Motiv wird vom Vater abgelehnt mit der Bemerkung: „Nein, lieber was Schönes.“

Das letzte, was wir sehen, ist ein Graffito von 2002, mit Edding an die Wand des Aufgangs gekritzelt: „Familie Lütjen war hier! Anstrengend!“

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