Eine Studentenjobber-Typologie

Johanna Schoener

Beinahe jeder hat es schon gemacht, sich entwürdigt beim ein oder anderen Nebenjob. Die wenigen, die noch drumrum gekommen sind, werden in Bälde dran glauben müssen, spätestens mit der Einführung der Studiengebühren im nächsten Sommersemester wird es auch euch erwischen. Passt auf, dass ihr dann nicht zu einem dieser Typen mutiert!


Der Hiwi

Diese Stufe auf der Karriereleiter beginnt am Kopiergerät, frei nach dem Motto: kopieren geht über studieren. Hat er tränenden Auges die Millionengrenze der wissenschaftlichen Vervielfältigung unter dem blendenden Lichtstrahl des Kopierers erreicht, wird der Prof unter Umständen zum Duzfreund. Wenn bei der nächsten Vorlesung statt der vom Hilfswissenschaftler vorbereiteten Power-Point-Präsentation der Trailer von “The man who copied” vom ordnungsgemäß verkabelten Beamer an die Wand geschmissen wird, war wohl ein neidischer Kommilitone am Werk. Doktorstelle ade.

Die Bürohilfe

Sie beherrscht das Zehnfingersystem aus dem Effeff. Auf ihrem Wollpulli, den sie aufgrund der unterkühlten Büroatmosphäre auch im Sommer trägt, zeichnet sich ein Film feinen Papierstaubs vom Schreddergerät ab. Nachdem sie erfolglos versucht hat, die neue Rechtschreibung mit zehn Jahren Verzögerung einem Haufen von ignoranten Bürohengsten beizubringen, hat sie den freundlichen Tipp ihres Chefs, “ wie wäre es, wenn Sie vor der Arbeit das Gehirn anschalten”, ins Gegenteil verkehrt. Wenn du auf deine Anfrage bezüglich eines Kaffeetrinkens eine SMS erhältst, die sie mit i.A. Rechtsanwalt Mayer unterzeichnet hat, Vorsicht! Neben dem finanziellen Aspekt bietet der Job ungeahnte Motivationshilfe, das Studium doch so schnell wie möglich durchzuziehen.

Der Barkeeper

Muscleshirt, Tattoo auf dem Oberarm, jeder Blick ein kurzer Flirt! Der Typ benimmt sich, als ob ihm nicht nur die Welt, sondern auch dieser Laden gehört. Ob Sex on the Beach, Caribbean Sunrise, Flying Kangaroo oder Hurricane, die Frisur sitzt! Mit Hilfe einer halben Tube Gel der Marke Drunken Cacadoo, kein Problem. Vorsicht Mädels, der Mann hat nach ein paar Semestern Jura beschlossen, euch statt mit dem Auslegen von Gesetzestexten lieber mit Unnahbarkeit hinterm Tresen zu beeindrucken. Solange er dabei den Mund hält, richtige Entscheidung!



Die Bedienung

Die “Gastro” folgt ihren eigenen Regeln, die ersten paar Wochen sind hart: Chef: “Du bist nicht fix genug”, Kollege: “Auf deinem Zettel stand süße Weinschorle, nicht saure”, Gast: “Ich warte jetzt schon seit einer halben Stunde auf die saure Weinschorle, ist wohl Ihr erster Tag, was?” 6-Stunden Schicht, Trinkgeld kassieren und ab nach Hause, so funzt das nicht! Nun sitzt sie auch in der Freizeit an der Theke, ist im Herzen der Stammgäste auf dem Vormarsch und das Team ist “voll die Ersatzfamilie” geworden. Ihre Freunde hat sie seit Beginn der Draußensaison genauso wenig gesehen, wie die Uni von innen.

Der Nachhilfelehrer

Als Lehramtskandidat kann man gar nicht früh genug anfangen, die frechen Blagen auf bessere Noten zu hieven. Interessantes Versuchsfeld übrigens auch für neue Unterrichtsmethoden, wären da nicht die ergebnisorientierten Eltern (Notensprung von 5 auf 2 per Vertrag zugesichert). Man erkennt ihn schon fünf Jahre vor Berufsstart am typischen Paukerhabitus ? besserwisserisch, belehrend und abgekämpft.

Die Babysitterin

Sie studiert häufig an der PH und wohnt in der familienfreundlichen Vauban. Der Job ist perfekt für sie, weil sie nach ihrem Au-Pair Jahr in Amerika unbedingt weiterhin mit Kindern zu tun haben wollte und abends eh nicht gern weggeht. Das Fernsehprogramm ab neun Uhr kennt sie in- und auswendig, denn spätestens dann liegen die lieben Kleinen friedlich schlummernd in der Kiste. Wenn sie nicht Desperate Housewifes guckt, unterstreicht sie ihre Pädagogik-Texte säuberlich mit Textmarkern in rosa, gelb und grün.



Die Hostess

Der zarte Nagellackduft umgibt sie ebenso dauerhaft wie ihre aufgesetzte Freundlichkeit. Ein Lächeln, das nichts verrät ? auch nicht die alltägliche Sorge, schon morgen nicht mehr in das Kostüm in Größe 36 reinzupassen. Dabei würden ihr auch ein paar Kilo mehr gut stehen. Apropos stehen: Schon in wenigen Jahren wird das Dauerstehen seinen Tribut in Form von hässlichen Krampfadern zollen, vorher möchte sie mit Hilfe ihres VWL-Studiums auf der Seite der Macht gelandet sein, selbstständig Hosenanzug und Pumps aussuchen und die Kontrolle der richtigen Lippenstiftfarbe an sich reißen.

Der Zeitungsausträger

Schon als 12-Jähriger hat er das Wahlprogramm der CDU ausgetragen und sich die evangelische Kirche zum Feind gemacht, wenn er den Gemeindebrief aus Gründen der Zeitersparnis in die Aldiwerbung eingelegt hat. Seine Fahrradreifen sind stets prall gefüllt und von seinem ersten Lohn hat er sich einen Doppelständer geleistet ? so aufgebockt, kollabiert das Fahrrad nur noch einmal pro Straße unter dem Gewicht der Zeitungen. Er hofft, dass das frühe Aufstehen ihm dabei hilft, sein Studium besser zu organisieren. Das Schlafen am Nachmittag muss er sich noch abgewöhnen.

Die Reinigungshilfe

Putzfrau darf man ja nicht mehr sagen. Wäre ihr allerdings egal, denn sie steht dazu, dass sie anderer Leute Dreck wegmacht. Für Kommilitonen, die sich auf Papis Geldbeutel ausruhen, hat sie nur ein abfälliges Lächeln übrig. “Ich war die Erste aus unserer Familie, die studiert hat und bin dafür sogar putzen gegangen”, wird sie später stolz erzählen, wenn sie ihr sozialwissenschaftliches Studium zu Ende gebracht hat, “vielleicht hab ich da sogar mehr gelernt als an der Uni.” Einzig gegen den beißenden Geruch von Plastikhandschuhen und Essigreiniger an den Händen hat sie noch kein Rezept.

Der Call-Center-Telefonist

Er ist wirklich ein armes Schwein. Im Rücken der Chef und zwei dutzend quasselnde Leidensgenossen, an der Strippe einen entnervten Mitbürger, dem er ein Gewinnspiel andrehen soll, an dem er sich selbst niemals beteiligen würde. Seine Soft-Skills, aufgrund derer er den Job einstmals bekam ? Kontaktfreude, Verkaufstalent und freundliches Wesen, sind zunehmend im Begriff zu verkümmern. Es gibt einfach kein Argument mehr, an diesem Job festzuhalten. Aber er ist jung und braucht das Geld.