Eine Singlenacht-Besucher-Typologie

Dirk Philippi

"Wie man zu Singles steht, ist mehr geworden als eine Frage der intimen Diskussion. Singles sind so häufig geworden, dass Singles zur öffentlichen Angelegenheit geraten sind. Dadurch mehren sich die Gefahren einer vorurteilshaften Bewertung von Singles." (Stefan Hradil) - Gesagt, gehört, getan.



Die Naive

Sie hat das romantisch rote Rüschenoberteil, das ihr ihre Mutter vermacht hat, aus dem Schrank geholt und begibt sich alleine(!) auf die Suche nach ihrem Traumprinzen! Jeden noch so platten Anmachspruch deutet sie als tieferen Zuneigungsbeleg, sie verzettelt den etwas fülligen Versicherungsvertreter aus der March in ein Gespräch über den yogischen Flug und - falls es zum Kuss kommt - denkt sie noch in der Nacht an Zusammenziehen, Kinder kriegen und das Auflösen des Bausparvertrags.


Der Inkonsequente

Er ist eitel, voyeuristisch veranlagt und einen Tick zu sehr verkrampft. Mit der Authentizität eines falschen Fünfzigers lehnt er eine Flirtnummer zwar strikt ab, aber mit seinen Jungs dennoch an den Theken der Stadt. Er reißt einen schmutzig-schäbigen Spruch nach dem anderen und wenn es regnet, läuft es ihm ungebremst in die Nase. Vom ? aus seiner Sicht ? Treiben der niederen Bedürfnisse distanziert er sich zu oft und zu lautstark, um glaubwürdig zu bleiben, und lässt sich demnach von Flirtattacken nichts als sein Ego streicheln. Der Abend endet für ihn onanierend alleine im Bett.

Die Triebgesteuerte

Sie war am Vormittag nochmals beim Friseur, um sich ihre rausgewachsene Dauerwelle pimpen zu lassen, und hat bei Schlecker eine Packung Banane-Kondome besorgt. Zusammen mit ihrer besten Freundin (Arbeitskollegin!) wird zunächst über eine wirksame Platzierung des Nummernschilds diskutiert ehe man sich spätestens um kurz vor elf Uhr das erste Mal um einen Typ streitet. Letztendlich einigt man sich auf “gleiches Recht für alle” und vollzieht eine bemühte Dreiernummer im Kombi des Schlipsträgers, der dafür extra aus Lörrach angereist ist.

Die Singlemacher

Er ist eigentlich gar kein Single - eher das Gegenteil davon. Seine Freundin sitzt angeblich beim langweiligen DVD-Abend mit ihrer Freundin und hat keinen Schimmer, welch ausgeheckten Plan ihr Küsser für diese Nacht entworfen hat. Nachdem per Telefon erstmal abgecheckt ist, dass auch keiner seiner Freiburger Freunde auf diese "unmögliche Veranstaltung" geht und er seiner "Liebsten" die Mär vom müden Mann erzählt hat, wirft er sich in Schale und balzt, dass sich die Balken biegen. Beim Blind-Date im Funpark dann passiert, was passieren muss: Freund und Freundin sitzen sich verdutzt gegenüber und machen das Abendmotto zum Zukunftsprogramm.

Die Flirtjobberin

Sie ist Flirtengel, sieht verdammt gut aus und hat sich mit ihrem Freund darauf geeinigt, dass das ja nur “ein Job wie jeder andere auch” sei, und sie ja ohnehin “nur zum Arbeiten unterwegs” sein wird. Nach der aufgeheizten Stimmung der Nacht aber, landet sie mit ihrem männlichen Flirtengel-Pendant im Cafe Ruef und von dort in seinem Bett. Ihren Partner verlässt sie mit den Worten: "So schöne Komplimente wie heute Abend habe ich von Dir noch nie bekommen!"

Der krasse Liebemacher

Er isch total der Gangschter-Rapper-Mann, hat sich die zerrissene Gucci-Jeans und das Juventus-Turin-Trikot mit Nummern getagt und geht voll steil auf das blonde Gerät, das sich in Wirklichkeit einen Scheiß um ihn kümmert. Zusammen mit Dj Buster-Hustler und MC Pornostar vollzieht er dennoch sein “Lass-uns-derbe-Liebe-machen-Ritual”, weisch was ich mein, und fragt sie, ob sie mal konkret das Sonnenlischt sehen will. Doch bevor sie das kann, gehen bei den drei Jungs voll die Lischter aus, weil es zum verdammt ernsten Auf-die-Fresse-kloppen mitten auf der Tanzfläche kommt. Dem Wachtmeischter vom Revier Süd erzählen die drei dann, wie voll scharf die blonde Maus auf sie gewesen sei.

Die Ballermann-Abiturientin

Sie ist jung, attraktiv und nicht nur dem Alkohol nicht abgeneigt. Jeder Kontaktversuch (sie selbst startet selbstredend keinen einzigen!) wird ungehemmt angenommen, von dem Begleitheer an Freundinnen kichernd besungen und von allen zusammen kräftig begossen. Ihre Promille geschwängerte Flirtspur zieht sich von Damentoilette zu Damentoilette und am nächsten Morgen grüßt Sokrates: Alles, was sie weiß, ist, dass sie nichts (mehr) weiß.

Der Reste-Esser

Wäre er nur nicht so verdammt schüchtern und so verdammt spitz. Seinen ersten und bislang einzigen Beischlaf hatte er mit einem lebensgroßen Jessica-Schwarz-Poster, was ihm aber auch nicht die für heute notwendige Selbstsicherheit vermitteln kann. Unentwegt nestelt er an seiner Flirtnummer herum, sucht sich stets die Unerreichbarste aller Weiblichkeiten heraus und schreibt eine Flirtnachricht nach der anderen, die allesamt wieder ungesehen in seiner Hosentasche verschwinden. In den frühen Morgenstunden dann springt der Hemmschuh über seinen Schatten und verschwindet mit einer 14 Jahre älteren Frau, die einsam und barfuß über die Tanzfläche eierte.

Der Dauerknutscher

Er ist Wellenreiter, Gleitschirmflieger, Snowboardlehrer und Berufssingle. Nichts liebt er mehr als seine Freizeit und seinen Spaß. Die Nummer mit den Strichlisten kennt er aus seiner Zeit als Surfcoach im Club Med und so kommt es auch heute nicht zum Sex - dafür bleibt einfach keine Zeit, denn nach dem Kuss ist vor dem Kuss. So tingelt der naturgebräunte Herzensbrecher in sportlicher Wettkampf-Manier von Club zu Club und von Knutschopfer zu Knutschopfer. Den Stapel an Telefonnummern klebt er zuhause in sein Trophäenalbum.

Die Glückliche

Eigentlich ist sie nicht der Typ für solche Veranstaltungen, zumal sie noch mit der Trennung von ihrem Partner zu kämpfen hat. Ihre besten Kumpelinen haben sie aber überredet, um sie auf andere Gedanken zu bringen und tatsächlich lernt sie - ganz ohne Nummernschmarrn und Engelshilfe - einen sympathischen Waschbärbauch kennen, der sie als Elton-Double herzhaft zum Lachen bringt. Nach einer durchgetanzten und durcherzählten Nacht wird geküsst und sich mit einem Kribbeln im Bauch zum Frühstück verabredet.