Eine Sekunde Prag oder sonst wo

Dirk Philippi

Ein stinknormales Leben ist voll gestopft von Chancen und ausgelassenen Möglichkeiten. Man hätte besser in der Schule sein können, dieses oder jenes Buch lesen sollen, damals nicht so feige sein brauchen oder gar nicht erst weglaufen müssen, als es ernst wurde. Es ist wie mit diesem Geschlechter-Paarungs-Ding. Alles hätte ganz anders kommen können. Dirk glaubt, dass man Gelegenheiten verpassen muss, um hübsch leben zu können.



Hiermit eröffne ich nun den aggressiv-romantischen Teil meiner possierlichen Lebensbetrachtung mit zwei Zitaten. Auf das später niemand sagt, ich hätte ihn nicht gewarnt!

„Wenn ich tief im Herzen der Angst eine befremdliche Absurdität leise wachrufe, öffnet sich in der Mitte meines Schädels ein Auge!“, oder wie es die Log-Lady aus ‚Twin Peaks’ formuliert: „Für alles, was geschieht, gibt es einen Grund. Die Gründe können sogar das Absurde erklären. Haben wir die Zeit, die Gründe zu erfahren, die dem menschlichen Verhalten zu Grunde liegen? Ich denke nicht! Manche nehmen sich die Zeit. Nennt man sie Detektive? Passen Sie auf und sehen Sie, was das Leben uns lehrt!“

[Normalerweise, liebe Schlafwandler, müssten diese Zeilen ausgereicht haben, um die bescheidene Zahl der Leser dieser Kolumne schneller gen Null zu treiben als den Zerfall der CSU unter der Führung von Huber-Beckstein. Wer dennoch bei mir bleibt, dem drohe ich mit der Arbeitsplatzsituation in Sachsen-Anhalt und biographischen Gedichten von Maren Gilzer.]



Immer noch da? Das ist mal wieder typisch! Bei jedem Mist, der um uns herum geschieht, bleiben wir stehen und spitzen unsere Ohren. Wir reden wichtig daher und spielen den Entdecker. Klassisches Goethe-Syndrom. Jeder Smalltalk wird mitexerziert („Und was machst Du so, was studierst Du denn, wie geht’s der Frau und den verzogenen Kindern?“) und niemand ist so gut in Neugier heucheln wie wir. Nur manchmal, ganz selten, da gibt es Momente, in denen wir einfach nichts tun. Da stehen wir dann da, irgendwie bescheuert, sind gefesselt vom Augenblick und halten einfach unseren Mund. Später dann bereuen wir es vielleicht und malen uns aus, was geschehen wäre, hätten wir nur ein Wort gesagt.

Ich für meinen Teil stand damals in der Hybernska, das liegt im Norden der Prager Neustadt, an der Abzweigung zur Havlickova und war unterwegs zum Cafe Arco. In Gedanken war ich zwischen Werfel, Brod und Tucholsky und hatte so recht gar keinen Sinn für das Treiben der tschechischen Studenten und der Schar knipsender Touristen um mich herum, als ich beinahe von der Straßenbahn erfasst wurde. Der Platz der Republik, auf dem es verkehrstechnisch ordentlich zur Sache geht, ist berühmt für seinen fortdauernden Baudenkmäler-Dreikampf („Sehen, Fotografieren, Vergessen“) und jede Menge hektische Betriebsamkeit. Ich lese „Náměstí Republiky“ auf dem Haltestellen-Schild, gegen das ich donnerte als ich der anquietschenden Bahn ausgewichen war. Was dann passiert, kennen alle. Der Schauplatz ist unerheblich, das Motiv auch. Aber jeder kennt diese eine Sekunde, die man einem hübschen Leben opfert. Jeder!

Keinen halben Meter vor mir kommt die Bahn zum Stillstand. Angeschwitzt vom Beinahe-Crash stehe ich da wie der Ochs vorm Berg und starre auf die Fensterscheibe über mir. Keine 20 Zentimeter sind jetzt noch zwischen meinen Augen, dem Glas und den riesengroßen tiefbraunen Telleraugen, in die ich blicke. Der Film beginnt.



Kasha kommt aus Polen, das sehe ich an ihrer Mundform – „aus Breslau“, wie sie es betonen würde. Sie ist 25, wunderschön und auf der Suche. Sie sitzt vor mir und sieht mich durch die verkratze durchsichtige Wand an. Nein, sie sieht mich nicht einfach nur an, sie sieht in mich hinein. Und sie lächelt. Und wie. Kasha hat dünne, sportliche Beine und Arme, die ich nicht sehe, aber die so begehrenswert sind wie alles an ihr. Ihre glatten, dunklen Haare treffen an mehreren Stellen ihres Gesichts auf leicht kantige Unebenheiten, die sie aber nur noch reizvoller machen. Es gibt Frauen, die man im Vorbeigehen betrachtet, für hübsch befindet und dann wars das aber auch. Kasha war keine von denen. Sie war nicht hübsch, sie war schön und für genau eine Sekunde mein.

Als die Bahn ihre Türen schließt, verfalle ich in Panik ohne mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Hinter der Scheibe bewegt Kasha ihre Lippen und blickt mich noch immer lächelnd an.

- „Hey, was sagst Du, Prinzessin?“, aber ich bekomme kein Wort heraus.

Die Räder beginnen sich zu drehen.

- „Scheiße.“
- „Was tun.“
- „Ich verstehe Dich nicht!“
- „Bleib hier!“
- „Komm raus!“
- „Ich bin es doch und gar nicht so schlimm, wie es mir mein Vater einreden wollte.“
- „Komm raus und ich helfe Dir!“
- „Ich bring Dich ans Theater.“
- „Mit Deinen Augen wirst Du sie alle sein.“
- „Du bist Antigone, Maria, Emilia und Marianne!“
- „Gib mir, nein, gib uns eine Chance!“
- „Hab wilden Sex mit mir!“
- „Lass uns alles tun.“
- „Sei mein!“
- „Kasha!“

Die Bahn fährt los und ich habe kein Wort gesagt. Kasha dreht ihren Kopf noch in meine Richtung und hebt die Schultern. Ich verliere ihren Anblick erst als sie in Richtung Dlouhá třída abbiegt.



Ich glaube, man nennt das „Sekundenliebe“. Man sieht sich, man liebt sich, man trennt sich. In einer Sekunde. Alles hätte anders kommen können, wenn man angehalten hätte. Vielleicht hätte ein Wort gereicht. Vielleicht. Aber erfahren wird man es nicht. Wie ein Flugschatten folgt uns diese Sekunde und lässt uns nicht mehr los. Was, wenn? Warum nicht? Weshalb so? Wie kann ich sie wieder sehen? - Ihr selbst seht sie in der Stadt, in der Disco, im Zug oder sonst wo. Was, wenn ihr in dieser Sekunde gehandelt hättet?

Im Cafe Arco bin ich bis heute nicht gewesen. Ich bin damals in Richtung Vitkov-Hügel gerannt, zum Reiter-Denkmal, vielleicht weil ich weg wollte. Wahrscheinlich aber, weil ich sie gesucht habe. Gefunden habe ich sie erst ein Jahr danach – vor der Mensa in Freiburg. Sie war noch immer so schön und begehrenswert, aber sie hieß nicht Kasha, war nicht aus Polen und auch nicht die Frau aus der Bahn. Aber ich habe angehalten und sie angesprochen.

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