Eine Schicht mit der Altenpflegerin

Jonas Nonnenmann

Das ist Nadine Schindler. Die 18-Jährige arbeitet als Altenpflegerin im Waldkircher Pflegeheim Sankt Nikolai. Wir haben sie bei der Arbeit begleitet und gesehen, wie es ist, demenzkranke Menschen zu versorgen.



„Kommt Krieg?“ Frau Ansberger* drückt ihre dürren Händchen noch fester an die Griffe ihres Rollstuhls. Den Kopf hält sie gesenkt, vielleicht aus Angst, vielleicht, weil das Alter ihr die Kraft geraubt hat. Nadine Schindler (18) legt ihre Hand auf die Schulter der zarten Frau. „Nein, Fräulein Lisbeth - es kommt kein Krieg“, sagt sie.


Vielen im Waldkircher Pflegeheim St. Nikolai geht es wie Frau Ansberger. Während die Zeit den Verstand auffrisst, brechen alte Ängste durch: Der eine fürchtet sich vorm Krieg, die andere ist unruhig, weil sie Angst hat, dass der Herd noch an ist. Obwohl sie seit Jahren keinen Herd mehr gesehen hat. Mit solchen Fällen fertig zu werden, ist Teil von Nadines Job.

Ihre Ausbildung als Altenpflegerin hat die 18-Jährige im Sommer diesen Jahres begonnen. Neu ist sie trotzdem nicht, weil sie schon vorher jedes zweite Wochenende im selben Haus gejobbt hat. Die Arbeit gefiel ihr gut – so gut, dass sie beschloss, ihren WG-Lehrern nach der 12. Klasse Adieu zu sagen.



Geduldig zieht Nadine Frau Ansberger den Pullover aus und tauscht ihn gegen ein Nachthemd. „Wie heißt ihr Mann, Fräulein Lisbeth?“ Frau Ansberger schaut konzentriert, sucht, und findet die Antwort doch nicht. Nadine rät: Franz? Michael? Keine Reaktion. Auf dem Nachttisch steht ein einsames Bild von dem Gesuchten. Ansonsten ist es auffallend kahl, nur ein paar Plastikblumen bieten Abwechslung zur weißen Wand.

Für Nadine sind solche Momente Alltag. 85 Jahre alt sind die betreuten Seniorinnen im Schnitt. Männer sind dort die Ausnahme. Mehr als die Hälfte der Bewohnerinnen hat Probleme mit Demenz. Hart sein müsse man nicht für den Job, findet Nadine, aber das Abschalten nach Feierabend sei wichtig: „Wer das alles mit nach Hause nimmt, hat kein schönes Leben mehr“, sagt sie. Andererseits erlebe sie auch viele schöne Momente. „Man lernt hier wirklich interessante Menschen kennen“, sagt Nadine.



Es ist 18 Uhr, das Abendessen duftet schon. Nadine rennt hin und her, deckt hier noch einen Tisch und hilft dort einer Frau auf die Toilette. Weil ihre Kollegin kurz etwas erledigen muss, ist sie für die 38 Bewohnerinnen des Wohnbereichs alleine verantwortlich. An den Tischen warten viele schon auf ihr Essen, stumm, den Blick ins Leere gerichtet. Eine Frau bewegt gemächlich den Mund. Das Gebiss rutscht mit.

Nicht immer ist die Stimmung so gedrückt: Auch 90-Jährige reißen Witze, lästern oder lachen los, weil der Tag schön ist. „Die eingefahrene Vorstellung, dass sich die Menschen hier ins Bett legen und aufs Sterben warten, stimmt nicht“, sagt Heimleiter Wolfgang Ruf. Ruf zählt die Aktivitäten auf, an denen die Bewohnerinnen Woche für Woche teilnehmen: Gedächtnistraining, Kochen und Backen, Vorlesen. Meistens machen Freiwillige diese Arbeit, Menschen wie Dieter Hartung. Der ist selbst schon pensioniert und noch voller Energie. „Es ist schön, hier zu erfahren, dass man noch gebraucht wird“, sagt Hartung.

Der Rentner kommt immer donnerstags, um die Volkslieder-Gruppe auf dem Klavier zu begleiten. Dort stimmt er Klassiker an wie „Hoch auf dem gelben Wagen“ und gibt den Spaßvogel in einem Raum, in dem sonst nur Frauen sitzen. Sogar an Weihnachten ist Dieter Hartung da, und wenn er einmal nicht mehr kann, will er selbst ins Heim ziehen.

Im Zimmer von Frau Ansberger ist es still, zu still. Nur die Uhr tickt unnatürlich laut und Frau Ansberger murmelt vor sich hin wie eine Autistin. Das Murmeln ebbt nicht ab. Nadine fängt an, "Hänschen klein" zu singen. Frau Ansberger verstummt, für einen Moment deutet sie ein Lächeln an. Dann klingelt es, ein Notfall. Nadine muss eine andere Bewohnerin versorgen.

Auch das gehört zum Job einer Altenpflegerin: Wenn es klingelt, muss man verfügbar sein, Pause hin oder her. Mindestens zwei Tage die Woche kann sich Nadine davon erholen. An diesen Tagen geht sie zur Schule, das gehört zum theoretischen Teil ihrer Ausbildung.



Nadine packt mit der einen Hand die Beine, mit der anderen Hand fasst sie unter den gekrümmten Oberkörper von Frau Ansberger. Eins, zwei, drei: Sanft landet der zarte Körper auf dem Bett. Kaum hat Nadine sie zugedeckt, schließt Frau Ansberger die Augen. Es ist 19 Uhr. Für Nadine fängt der Abend erst an. Heute will sie eine Nachtschicht einlegen, in der gleichnamigen Freiburger Disko.

*Name von der Redaktion geändert

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