Anwohner und junge Menschen

Eine Samstagnacht auf dem Lederleplatz in Freiburg

Valentin Heneka

Seit im Stühlinger Freiburgs erster Spätkauf eröffnete, ist der Lederleplatz beliebter Treffpunkt unter jungen Leuten geworden. Manche Anwohner beschweren sich, die Stadt hat Maßnahmen ergriffen. Eine Bestandsaufnahme.

Im warmen Licht der Straßenlaternen sitzen am Samstagabend etwa 30 junge Menschen in Pärchen und kleinen Gruppen über den Platz verteilt umher, die meisten auf dem Boden. Sie sind im Durchschnitt Mitte 20, unterhalten sich über die Uni, Politik oder Fitnessstudios und trinken Bier. Sofern nicht gerade der Höllentäler durch den Stühlinger zieht, ist es eine Stunde vor Mitternacht noch angenehm warm. Der Himmel ist sternenklar und die Atmosphäre entspannt.


"Ich bin Anwohner und ich finde, ihr seid leise genug" ruft ein junger Mann in die Runde, als er den Platz passiert. Einige Anwesende lachen verhalten. Dass der Platz als nächster Schauplatz des Interessenkonflikts zwischen ruhebedürftigen Anwohnern und nachtaktiven jungen Menschen gilt, scheint ihnen bewusst zu sein. Allerdings ist außer dem Murmeln mehrerer gedämpfter Gespräche höchstens vereinzeltes lautes Auflachen, eine umfallende Bierflasche oder eine freudige Begrüßung zu vernehmen.

Seit der Späti-Eröffnung kommt es zu Lärmbeschwerden

Viel zu bieten hat der Lederleplatz nicht: zwei Bänke, eine Mauer in Sitzhöhe, ein Brunnen ohne Wasser und viel Betonpflaster. Aber seine neue Popularität verdankt er weniger seiner Gestaltung als einer Neueröffnung in der näheren Umgebung. Bei "Bis Späti", Freiburgs erstem Spätkauf, gibt es seit Ende Juni Getränke, Snacks und Dinge für den täglichen Bedarf. Der Andrang ist groß, vor allem unter jungen Menschen ist der von einem ehrenamtlichen Kollektiv betriebene Späti ein beliebter Treffpunkt. Geöffnet hat er an den Wochenenden bis vier, unter der Woche bis zwei Uhr.

Nachdem in den ersten Wochen unmittelbare Anwohner über nächtlichem Lärm vor dem Späti klagten, sorgt das Kiosk-Kollektiv dort nach 22 Uhr für Ruhe. Die Kundschaft wird gebeten weiterzuziehen. Während es manche ohnehin nur nach einer nächtlichen Tiefkühlpizza oder einem Bier für Zuhause oder den Weg in die Innenstadt gelüstet, landen andere auf dem 100 Meter entfernten Lederleplatz – wiederum zum Unmut einiger
Anwohner. Laut Stadtsprecherin Martina Schickle gingen seit der Späti-Eröffnung 21 Beschwerden wegen Ruhestörungen am Lederleplatz sowie sechs Beschwerden wegen nächtlichem Aufenthalts vor dem Späti beim Amt für öffentliche Ordnung ein.
"Man sollte nicht vergessen, dass man auch mal jung war." Gerda Wagner, Anwohnerin
"Dreck machen und wildes Urinieren muss nicht sein", findet Gerda Wagner, die seit sieben Jahren direkt am Lederleplatz wohnt. Aber dass sich junge Menschen auf dem Platz treffen und unterhalten, stört die Rentnerin nicht. "Man sollte nicht vergessen, dass man auch mal jung war. Außerdem sind öffentliche Plätze für alle da". Dass sich Familien
mit Kindern oder Menschen, die früh aufstehen müssen, durch die jungen Menschen gestört fühlen, kann sich Wagner aber vorstellen. Es sei aber schon wieder deutlich ruhiger geworden als noch vor einigen Wochen.

Ruhig sitzen auch Penelope und Moritz in der Nacht auf Sonntag auf dem Lederleplatz und unterhalten sich. Auf dem Boden vor ihnen ein Bier. "Der Späti ist eine Bereicherung", sagt Penelope. "Vorher konnte man sich nur zwischen Zuhause bleiben oder einer Bar entscheiden". Dass man jetzt auch in Freiburg entspannt "cornern" könne, begrüßt sie. Die Uhr zeigt mittlerweile zehn vor zwölf. Ob Moritz und Penelope wissen, was gleich passiert? "Gleich kommt die Polizei", sagt Moritz. Sie sind nicht zum ersten Mal hier. Und andere Anwesende auch nicht: Noch bevor die Ordnungshüter den Platz betreten, steht die größte Gruppe auf und geht.

Kontrollen finden jede Nacht statt – unabhängig von Beschwerden

"Der Lederleplatz wird, unabhängig von konkreten Beschwerden und aufgrund der Gesamtbeschwerdelage, am Wochenende vom kommunalen Vollzugsdienst mindestens zwei Mal am Abend kontrolliert," so Stadtsprecherin Schickle. "Die Tage unter der Woche werden vom Polizeivollzugsdienst abgedeckt". Seitdem die Gruppen aufgefordert werden, den Platz zu verlassen, sei immerhin die Beschwerdeintensität zurückgegangen. Die Stadtverwaltung führt das neben den Einsätzen auch auf den Dialog zwischen Amt für öffentliche Ordnung und den Anwohnern sowie den Kontakt zum Bürgerverein Stühlinger zurück.

Fünf vor zwölf ist es am Samstagabend soweit: "Wir bitten Sie, den Platz aus Rücksicht auf die Anwohner zu verlassen und ihren Müll mitzunehmen", sagt ein freundlicher Mitarbeiter des kommunalen Vollzugsdiensts, der mit einem Kollegen alle Gruppen anspricht. Er empfiehlt den Platz am Rathaus im Stühlinger: "Dort fühlt sich niemand gestört, es gibt mehr Bänke und wir kommen da nicht hin", verspricht der Uniformierte. Den beworbenen Platz, direkt vor der Tür des Amts für öffentliche Ordnung und ebenfalls in der Nähe von Wohnhäusern, wird von den Anwesenden niemand aufsuchen. Aber alle stehen innerhalb der nächsten Minuten umstandslos auf und gehen. Auch Penelope und Moritz stellen ihr Leergut für die Flaschensammler neben einen Mülleimer und brechen Richtung Beat Bar auf.

Kurz nach Mitternacht ist der Lederleplatz menschenleer. Müll liegt keiner herum und Ruhestörungen wurden heute auch keine gemeldet.

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