"Buurtzorg"-Konzept

Eine Pflegerin über ihren Beruf: "Für mich bedeutet Pflege Begegnung"

Lisa Petrich

Viele junge Leute ziehen ein Studium einer Ausbildung vor – doch für Lucia Stump war früh klar, dass sie Krankenpflegerin werden möchte. Hier ist die Geschichte einer jungen Pflegerin, die ihren Job liebt.

"Ich könnte jetzt sagen, dass ich mich für den Beruf entschieden habe, weil ich gerne Menschen helfe, aber das trifft es nicht ganz", sagt Lucia Stump schmunzelnd. "Ich habe einfach gerne Leute um mich herum." Schon als Kind war es ihr Traum, Krankenschwester zu werden. Deshalb hat Lucia nach dem Abitur eine Ausbildung in Freiburg zur Gesundheits- und Krankenpflegerin gemacht.


Zwar habe sie überlegt zu studieren, aber die praktische Arbeit liege ihr mehr, erzählt die 30-Jährige. Nach der Ausbildung arbeitet sie fünf Jahre auf einer Intensivstation – oft unterbesetzt, mit langen Nachtschichten und ohne richtigen Kontakt zu den Patienten. Lucia schätzt ihr Team sehr, aber im Sommer 2018 wird ihr klar, dass sie eine Veränderung in ihr Leben bringen möchte: "Ich war zunehmend unzufrieden mit dem System 'Krankenhaus'. Das hat mich dazu bewegt, etwas Neues auszuprobieren."

"Wir haben auch Kontakt zu den Familien."
Auf Vorschlag ihrer Nachbarn wird sie auf den ambulanten Pflegedienst "Ich & Du" aufmerksam, der sich 2017 in Freiburg gegründet hat. Irgendwas ist dort anders: Lucia entscheidet sich, zu hospitieren – und bleibt. "Ich genieße es sehr, dass ich hier Beziehungen zu den Kunden aufbauen und mehr über sie erfahren kann", sagt Lucia. "Wir kommen nicht nur zum Pflegen, sondern haben zum Beispiel Kontakt zu den Familien oder auch zur Physiotherapeutin." Da bleibt auch mal Zeit, sich gemeinsam hinzusetzen und bei einem Kaffee am Morgen über Alltägliches zu reden.

Anfang des Jahres geht Lucia den nächsten Schritt und gründet mit einem Kollegen ein eigenes Team von "Ich & Du" in Münstertal, das bis heute nur aus den beiden Pflegekräften besteht. "Wenn wir noch neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hätten, würde es die Arbeit aber deutlich einfacher machen", sagt Lucia.

Der etwas andere Pflegedienst

Der Pflegedienst "Ich & Du" arbeitet nach dem niederländischen "Buurtzorg"-Konzept, was so viel heißt wie "Nachbarschaftshilfe". Es gibt keinen Chef oder Vorgesetzte, sondern kleine Teams, in denen die Dienstpläne und Touren selbst geschrieben werden. So trägt jede Pflegekraft mehr Verantwortung, hat aber auch mehr Freiheiten.

Der nachbarschaftliche Ansatz kommt daher, dass die Teams ein Netzwerk um die Patienten bilden und damit auch Kontakt zur Familie, Nachbarn und Ärzten aufbauen wollen. "So sehe ich, wie es dem Klienten geht und was es Neues gibt, um dementsprechend auch die Ressourcen zu fördern", erklärt Lucia. Der Mensch steht beim "Buurtzorg"-Konzept im Zentrum, und dafür nehmen sich die Pflegekräfte auch mehr Zeit als bei herkömmlichen ambulanten Pflegediensten.

Diese ganzheitliche Beschäftigung mit den Kunden – nicht nur als Patienten, sondern auch als Menschen – hat Lucia gesucht. "Meistens komme ich nach der Arbeit sehr zufrieden nach Hause und bin froh, dass ich mir die Zeit nehmen konnte, die meine Kunden gebraucht haben", sagt die 30-Jährige. Dieses Gefühl hatte sie bei ihrer Arbeit in der Klinik nur selten: "Da war ich eher froh, wenn meine Patienten die Schicht überlebt haben."

Pflegekräfte sind keine Blitzableiter

Mit ihrer fröhlichen und persönlichen Art versucht Lucia, die Kunden aufzuheitern und zu motivieren. Sie lacht und scherzt mit ihnen, nimmt fast alles mit Humor und bleibt geduldig, wenn die Patienten mal einen schlechten Tag haben. Aber wenn ihr etwas zu viel wird, nimmt die quirlige Pflegekraft kein Blatt vor den Mund: "Jeder ist mal griesgrämig. Aber wenn sich das über Wochen hinwegzieht, muss ich auch mal Konter geben", sagt Lucia. "Man muss sich immer wieder vor Augen halten, dass man kein Blitzableiter ist. Ich bin nicht nur die Pflegekraft, ich bin Lucia, und ich möchte auch ein gewisses Interesse an mir als Person."

Zu ihren Aufgaben gehört jetzt beispielsweise, ihren Kunden aus dem Bett zu helfen, sie zu duschen, Medikamente zu geben, beim Zähneputzen oder rasieren zu helfen. Das hängt allerdings stark vom jeweiligen Bedarf der Kunden ab. Aber für Lucia macht ihr Job gerade das Zwischenmenschliche zu etwas Schönem: "Für mich bedeutet Pflege Begegnung. Das klingt zwar ganz theatralisch, aber so ist es einfach."

Nebenjob in der Gastronomie

Bei "Ich & Du" verdient Lucia etwas weniger als zuvor im Krankenhaus, weil ihr im ambulanten Pflegedienst die Nachtschichten fehlen, die das Gehalt schnell erhöhen können. "Aber ich kann davon gut leben", sagt die 30-Jährige. "Ich habe damals ja aus emotionalen Gründen gewechselt. Das ist es mir also wert."

Neben ihrer 80-Prozent-Stelle bei "Ich & Du" arbeitet Lucia außerdem noch im Service in der Gastronomie. Das macht sie nach eigenen Angaben aber nicht des Geldes wegen, sondern eher als "Ausgleich" und weil es ihr Spaß macht.

Mit ihrem Job bei "Ich & Du" hat Lucia wieder das Gefühl, dass sie für die Kunden etwas erreichen kann, erzählt sie: "Ich fühle mich nicht mehr nur wie der Hamster im Rad, der kein Ziel in Sicht hat."

Personalmangel in der Pflege

Nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch im ambulanten Pflegebereich herrscht großer Personalmangel. Für Lucia liegt der Grund dafür aber nicht nur im Verdienst: "Es ist kein Geheimnis, dass das Gehalt für Pflegekräfte nicht sehr attraktiv ist, aber der Beruf sollte auch generell attraktiver gestaltet werden." Auch der Ruf des Jobs müsse sich verbessern, findet Lucia. Viele Leute hätten den Beruf schon in einer Schublade: "Wenn ich von meinem Beruf erzähle, sagen die meisten: "Oh krass, das könnte ich nicht", obwohl sie gar nicht wissen, was ich den ganzen Tag lang mache", erzählt sie. "Dafür könnte ich aber niemals acht Stunden am Tag im Büro sitzen und auf einen Computer starren, das wäre für mich eine Strafe." 

Lucia wünscht sich, andere junge Menschen für ihren Beruf zu begeistern. "Die Arbeit ist sehr facettenreich. Kein Patient gleicht dem anderen", sagt sie. "Insgesamt würde ich mir für den Pflegeberuf wünschen, dass wir mehr Wertschätzung und Anerkennung von der Gesellschaft bekommen für das, was wir tun."

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