Probenbesuch

Eine Oper in der Straßenbahn: So will diese Gruppe die Grenzen des herkömmlichen Opernbetriebs sprengen

Carla Bihl

Mit "Operation Breisgauland 2048" feiert die Community Oper Freiburg im November ihre Premiere – und das in einer Straßenbahn. Was noch besonders an dem Projekt ist? fudder-Autorin Carla Bihl war bei einer Probe dabei und hat es herausgefunden.

Die Bezeichnung Community Oper trifft es aufs Wort – gemeinschaftlich wird es hier nämlich in jedem Fall: "Yam, yam, yam, ooooh" hört man die Stimmübungen aus dem Probenraum des Communitychors erklingen. Menschen aller Altersklassen stehen im Kreis und machen Stimmübungen. Sie proben heute für eine Oper der besonderen Art – eine Oper, die in einer Freiburger Straßenbahn aufgeführt wird. Sie heißt: "Operation Breisgauland 2048".


Jan F. Kurth, ein großer Mann mit lockererem hellblauen T-Shirt und Shorts, steht in der Mitte des Probenraums. Seine Stimme ist stark. Seine Arme schwingen wie die eines Dirigenten: "Ganz wichtig für alle, wenn ihr dies Straßenbahnsirene hört, hört ihr auf wie vom Blitz getroffen." Kurth ist der musikalische Leiter der Community Oper.

Jeder kann bei der Community Oper mitmachen

Die Gruppe ist ein inklusives, interkulturelles und generationsübergreifendes Projekt – und damit eine wilde Mischung. In die Gruppe aufgenommen wird jeder: ganz ohne vorsingen. Dabei machen alle so mit, wie es für sie möglich ist: "Wir schreiben den Mitwirkenden quasi den Text auf den Leib", erklärt Thalia Kellmeyer. Sie ist die Regie- und Gesamtleiterin des Projekts. Insgesamt sind ungefähr 90 Personen involviert.

Das Projekt agiert als Schnittstelle zwischen Musikvermittlung und Kunst: "Wir wollen die Oper lebendig machen, um sie heute zu leben", erklärt die Regisseurin enthusiastisch. Es gehe darum, die Grenzen der bisherigen Oper zu sprengen und herauszufinden, was Oper heute ausmacht, was die heutige Opernsprache ist und wie offen Oper heute sein kann. Die individuelle Ausstrahlung der Mitwirkenden und das authentische Spiel gepaart mit Musik und Gesang schafft eine eigene Qualität, die im Bereich Oper die Grenzen auslotet.

Das Stück wurde gemeinschaftlich erarbeitet

Eine Frage, die sich auch ergebe, sei, so der musikalische Leiter Jan F. Kurth, ob man mit Mitgliedern der Stadtgesellschaft eine zeitgemäße, angemessene und ansprechende Opernform finden kann: "Ich bin auch selber sehr gespannt, wie das vom Publikum rezipiert wird, ob die Leute sagen, dass es eine Oper ist oder nicht, dass sie heutig ist, oder nicht."

Das Stück wurde gemeinsam von den Leitern und der Gruppe interaktiv gestaltet. Der Dramaturg und Stückschreiber Veit B. Arlt brachte "Operation Breisgauland 2048" dann endgültig in Textform. Der Komponist Jan. F. Kurth komponierte dazu Klangcollagen und Musik: "Wir haben auch ganz viel klanglich zum Thema Nahverkehr geforscht", erklärt der musikalische Leiter. "Das fließt mit ins Stück ein."

Die Gruppe gibt es erst seit einem Jahr

Die szenische Entwicklung wird von Thalia Kellmeyer angeleitet:"Ich weiß, wie die Gruppe zusammengesetzt ist, und füge von der Gruppe entwickelte Szenen und Improvisationen auf der Bühne zusammen und gehe manchmal noch einen Schritt weiter. Wichtig ist, dass sie authentisch und mit Freude bei der Sache sind – und das obwohl sie singen und sich gleichzeitig dazu bewegen." Mit zum Team gehören außerdem die Gesangssolisten Sarah Traubel und Maximilian Bischofberger, die Kostümbildnerin Yvonne Forster, ein Instrumentalensemble und noch einige mehr.

Die Probe der Community Oper geht weiter: Die Schauspieler bewegen sich wild durch den Raum, manche tanzen zusammen, andere liegen auf dem Boden, andere zappeln wild: "Wir gehen durch den Raum, gehen unseren eigenen Weg, versucht euch einen interessanten Weg zu bahnen", hört man als Übungsanweisung.

Erst vor einem Jahr gründete sich die Gruppe. Am Theater Freiburg aufgebaut, bestand das Ensemble allerdings schon drei Jahre: "Mit dem Intendantenwechsel haben wir uns jetzt frei in die Stadt bewegt", so Thalia Kellmeyer. Weitere Projekte sind schon geplant, Anträge schon gestellt: "Wir müssen schauen. Neben all den innovativen Ideen hat Oper auch seinen Preis", erklärt Kellmeyer.

Wenn alles klappt, gibt es jedes Jahr ein neues Stück

Aber auch Kurth möchte für das Projekt gerne eine Zukunft sehen: "Wir möchten jetzt eigentlich jedes Jahr ein Stück machen, wenn Partner und Förderer auch mitspielen." Vor allem sei es aber auch ein Projekt, was erst mal mehr Fragen aufwirft als Antworten, wie zum Beispiel, ob ein musikalischer Forschungsprozess so gebaut werden kann, dass am Ende wirklich eine Oper rauskommt. "Diese Prozesse möchten wir über längere Zeit weiterentwickeln."

Die Community Oper ist die erste ihrer Art in Deutschland. Darin sei ein deutlicher Grund zu sehen, wieso es dieses Projekt braucht, so Regisseurin Thalia Kellmeyer. Aber auch die Tatsache, dass begeistert mitgewirkt werde, unterstreiche dies. Kellmeyer sieht darin zudem eine Nische: "Aufgrund der theaterpolitischen Situation momentan in Deutschland, in der zunehmend Opernhäuser geschlossen werden, weil weniger Menschen in die Oper gehen und sich damit nicht mehr identifizieren, ist es total wichtig, dass man neue Formen und neue Modelle findet, die Hochkultur in die Stadt hineinzubringen und das gemeinsam und zeitgemäß zu leben."

Eine Aufführung in einer Straßenbahn ist eine Herausforderung

Der Community Opernchor probt einmal die Woche: "Legt den Text weg, vertraut drauf, wenn ihrs nicht wisst, wissen es die Nachbarn", sagt Thalia Kellmeyer zu den Schauspielern. Als der Chor erklingt braucht aber tatsächlich kaum noch einer einen Text. Bei den Proben wird die Geschichte direkt auf das Straßenbahnfahrzeug zugeschneidert: "So die Straßenbahn kommt", ruft die Regisseurin.

Dabei wird mit Gaffer Tape und Metermaß ans Werk gegangen – alles ist akribisch geplant – um genau zu wissen, wann wer wo steht. Trotzdem müsse von den Mitwirkenden eine gewisse Flexibilität gefordert werden: "Man weiß ja nicht, wie es funktioniert, welche Kurven die Straßenbahn gerade fährt, welche Zuschauer wo sitzen. Es ist also wirklich teilhabeorientiert, denn das Publikum ist Teil der Oper und gestaltet in dem Moment deren Ausgang mit ", meint Thalia Kellmeyer.

Wie viel Oper steckt überhaupt noch im Stück?

Im Stück geht es darum, dass Freiburg sich in der Zukunft befindet. Die Stadt ist ein technisch perfekt ausgerichteter Vergnügungspark, der historisch wie 2018 aufgebaut ist. Die Künstler von damals wurden verbannt. Jetzt aber besetzen diese letzten Exzellenzen der Oper die Straßenbahn und fahren zu einem Opernhaus der Zukunft, wo andere Künstler die im Untergrund lebten, auf sie warten.

Eine Frage, die die Opernmacher außerdem stellen wollen: Wie viel Oper steckt tatsächlich noch in dem Stück. Denn nach Oper würden einige der Stücke nicht klingen. Abba-Zitate, Inspirationen aus Arbeiterliedern oder auch "Hasta siempre, comandante Che Gueavara" seien genau so zu finden, wie Anleihen an Wagner oder Beethoven. "Das ist eben die Frage, wo müssen wir hin, wenn wir sagen, wir wollen Oper heutig denken – welche Musik braucht es?", so Kurth.

"Zusammen kriegen wir das gewuppt" sagt Thalia Kellmeyer am Ende der Probe freudig. Es wird geklatscht. Jeder schüttelt dem anderen noch mal die Hand. Dann ist die Finalprobe zu Ende.
Straßenbahnoper

Am 27. September und 8. November feiert die Community Oper Freiburg Premiere mit ihrer Straßenbahnoper. Damit ist es nicht nur die Uraufführung des Stücks "Operation Breisgauland 2048", sondern die erste Aufführung für die Gruppe insgesamt – Karten sind leider schon restlos ausverkauft. fudder berichtet über die Aufführung.

Im Rahmen des Projekts wurde außerdem ein Symposium organisiert:

Was: Symosium: Oper findet Stadt! Community Oper als Schnittstelle zwischen zeitgemäßer Musikvermittlung und Kunst
Wann: 27. September, 11-15.30 Uhr
Wo: Humboldtsaal Freiburg, Humboldtstraße 2
Web: community-oper.de