Eine Ode an die alte VAG-Ansagestimme

Damian Correa

Bis vor Kurzem war die Stimme des Schauspielers Peter Haug-Lamersdorf noch in Freiburger Bussen und Bahnen zu hören. Seit Oktober 2018 hat die VAG eine neue, digitalisierte Ansagestimme. fudder-Autor Damian Correa macht das traurig.

Mein persönlicher Tiefschlag im Jahr 2018: Zum 25. Oktober 2018 hat die Freiburger Verkehrs-AG ihre alte Ansagestimme, Peter Haug-Lamersdorf, durch eine neue ersetzt. 13 Jahre lang begleitete die Stimme des Schauspielers die Freiburgerinnen und Freiburger im öffentlichen Nahverkehr. Ein Nachruf.

Lieber Peter,

als ich auf den Hügeln des Dreisamtals auf die bunten Feuerwerke über den Dachzinnen Freiburgs blickte und das vergangene Jahr Revue passieren ließ, waren meine Gedanken vor allem bei dir. In der einen Hand wehmütig das Sektglas schwenkend, mit der anderen die feuchten Tränen aus den Augenwinkeln wischend, nahm ich endgültig Abschied von dir.

All die hochemotionalen Ereignisse des vergangenen Jahres, die blitzsaubere 1,0 in der Statistik-Prüfung, die dazugewonnen Instagram-Follower, der 6-fache Wurf meines Misch-Dalmatiners "Bello" - sie gerieten in diesem Moment in den Hintergrund. 13 Jahre lange sagtest du die Stationen in den Bahnen und Bussen der VAG durch – von A wie Alter Messplatz bis Z wie Zartener Straße.

Tiefe Sehnsucht nach der Stimme von Peter

Noch immer überkommt mich tiefe Sehnsucht, wenn ich in die Bahn steige – in der vergeblichen Erwartung, dass du die nächste Station ansagen mögest. Ach, Peter. Du wirst uns Freiburgerinnen und Freiburgern in Erinnerung bleiben als der, der mit Rosenwasser auf den Stimmlippen das ABC des örtlichen Haltestellenreichtums durchdeklinierte. Stets wiesest du unseren sehbehinderten Mitbügerinnen und Mitbürgernden Weg; du standest der orientierungslosen Touristin aus dem Elsass ebenso zur Seite wie der defekten Haltestellen-Anzeige.

Der optimistische Klang deiner Stimme und deine klare Artikulation massierten gleichsam meinen Ohrenschmalz. Du konntest auf dem Weg zur 8.15- Uhr-Vorlesung den verschütteten Kaffee und das penetrante Piepen des Weckers vergessen machen, der warme Atem deiner Stimme trocknete mir schon auf dem Weg zu so manchem WG-Casting den Schweiß. Du beherrschtest das komplexe Wechselspiel zwischen der Ansage der Station und der Übergangsmöglichkeit wie kein anderer. Mit deiner ausgeglichenen Art warst du der verlässliche Kontrapart zum Bitte-machen-Sie-endlich-die-Türen-frei-Busfahrer. Selbst in den SC-Sonderzügen bewahrtest du Ruhe.

Soundtrack unserer Stadt

Mit den Verweisen auf Ausstiegsmöglichkeiten zu Augustinermuseum oder Konzerthaus und deiner angenehmen Stimme wurdest du gleichermaßen Stadtführer und Soundtrack unserer Stadt. Und auch wenn es mal nichts zu sehen gab: Du konntest mich sogar über die Joghurtbecher der Schwarzwaldmilch hinwegtrösten, die einem auf den Werbefolie der Straßenbahnen keck tanzend die Sicht versperren.

Manch einen begleitetest du gar durch die Stationen des Lebens: Ein Pendler aus dem Schwarzwald, der in Gundelfingen arbeitete, stieg beispielsweise "Auf der Höhe" ein, kreuzte mit der Linie 5 den "Hauptfriedhof" bis er schließlich am Hauptbahnhof Umsteigemöglichkeit zum Regionalzug nach Höllental und Himmelreich hatte – und sich in seiner Mid-Life-Crisis bestätigt sah.

Doch so viel Persönlichkeit weiß die VAG nicht zu schätzen - mit der scharfen Schere der schonungslosen Modernisierung wurden dir nun auf ewig die Stimmenbänder durchtrennt. Du bist jetzt durch eine technisch zusammengeschnittene Ansage ersetzt worden, einer Stimme, die dem Trend der sich immer stärker rationalisierenden Gesellschaft folgt, eine Stimme, die zweifelsohne mit dem Bösen im Bunde steht. Soweit ist es gekommen: Jetzt muss der gemeine deutsche Fahrgast nicht nur die anderen Fahrgäste in der Bahn krampfhaft ignorieren, sondern auch noch die neue Durchsagestimme.

Einer der letzten Märtyrer für Freundlichkeit

Schnell magst du nun in Vergessenheit geraten, wie all die anderen ausgemusterten Mailbox- und Warteschleifen-Stimmen, die von den Alexas und Siris unserer Zeit verdrängt worden sind. Mir aber wirst du in Erinnerung bleiben. Für mich bleibst du einer der letzten Märtyrer für Freundlichkeit und Nächstenliebe im Alltag. Rest in Peace, Peter. Möge deine Stimme auf dem tristen phonetischen Friedhof der Ansagestimmen ihren Frieden finden. Die ganze Stadt Freiburg dankt dir für 13 Jahre Treue. Rest in Peace, Peter. Rest in Peace.

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