Eine Nacht mit Kate Moss

Dirk Philippi

Gestern zur Mitternacht haben Millionen Menschlinge ihren von billigem Sekt betäubten Schädel in Bowle-Schalen getunkt, "Prost Neujahr!" gegröhlt und versucht, aus kleinen verkrüppelten Bleiklumpen mit der Gestalt eines onanierenden Leguans die zu verkorksende Zukunft zu deuten. Und für ein paar Minuten haben sie sich ganz der Illusion hingegeben, mit dem Rauchen aufhören zu können oder dass das neue Anno vielleicht ja mal nicht ganz so beschissen werden könnte wie das letzte. Manchmal aber kann Silvester auch lehrreich sein.



Es ist immer gleich! Wenn der freundliche dicke Abreißkalender über dem Schreibtisch beginnt auszusehen wie Kate Moss nach einer Fastenkur, wird uns plötzlich gewahr, dass man ja mal wieder die Synapsen über sein Dasein knoten könnte. Gewöhnlich ist dies der Zeitpunkt, an dem die so genannte präsilvesterliche Depression bekämpft werden möchte. Manch einer begegnet dieser mit gesundheitlich bedenklichen Geschenke-Umtausch-Aktionen, postweihnachtlichen Besäufnissen, Raketen-in-Briefkästen- Installationen oder dem Kreieren neuer wahnwitziger Vorsätze, die häufig den verwegenen Zukunftsstrategien der Vorjahre nicht unähnlich sind.


Mein persönliches Silvester-Highlight feierte ich in einem Reihenhaus am Lörracher Busbahnhof: Ich verschlief es!

Die Belegschaft sowie das Inventar versprachen zuerst eine hübsch anständige Jugendorgie ohne Ziel und Grund - ein Silvester mit Ablaufplan gemäß Ablage "S". Pünktlich zum ‚Dinner For One’ begannen wir drei Zentner Rindfleisch in kochende Brühe zu tauchen, den Vorrat an Bier zu minimieren und Dinge zu spielen, die Amnesty International vergessen hatte, auf den Index zu setzen. Eigentlich war ich recht guter Dinge, blieb mir doch die elterliche Soirée dieses Mal erspart. Keine dicklichen Dauerwell-Damen mit aufgeschraubten Piccolos und Zwergpudel in ihren Achselhöhlen, kein Tischbomben-Massaker und auch keinerlei angetrocknete Zitronencremetorte in frivol schlabbernden Mundwinkeln.



Wir waren unter uns, und dennoch war mir nicht wohl zu Mute. Früh glaubte ich zu durchschauen, dass das hier kein wirklicher Spaß werden sollte und alle nur auf der verzweifelten Suche nach seelischem Heiterkeitsbeistand waren. Wir waren kein Streich besser als unsere Erzeuger und so verzog ich mich unbemerkt in das örtliche Schlafgemach des Gastgebers, das mit einem „Betreten verboten“-Schild förmlich nach Zutritt bettelte. Es war das erste und leider bis heute auch letzte Mal, dass ich am letzten Tag des Jahres das machte, was ich an den Tagen zuvor nicht schaffte: Ich war allein, schlief und träumte – geschlagene 16 Stunden!

Wie hinter einer Milchglasscheibe versteckt, hörte ich draußen die persönlichen Jahresrückblicke meiner Freunde: „Ach, war das lustig/traurig/geil/tragisch!“ Wer schon einen Schritt weiter, war bediente sich am Kommenden: „Ach, das wird bestimmt lustig/traurig/geil/tragisch!“ - Das Zimmer hatte angefangen, sich um mich zu drehen, und ich schlief schneller ein als dass mir hätte schlecht werden können. Dort vom Bett aus betrachtete ich den Moment und schwor mir, nur noch genau diesen, jeweils einzigen zu verehren. Was bitte sollte es denn Schöneres geben als dem Leben anderer zuzusehen, wie es durch den Sumpf der Vergangenheit oder die Untiefen der nicht erlebten Zukunft schlingert, und dabei sein eigenes dorthin treiben zu lassen, wo es unmittelbar ist? Kate Moss würde schon morgen ohnehin nicht mehr bei mir sein!



Doch natürlich ging das hehre Vorhaben furchtbar in die Hose! Es war Neujahrsmittag, als ich mich streckte und den Kopf zur Seite drehte. Bis heute habe ich diesen Traumtrip der Nacht in Überlänge gespeichert. Ich fühlte mich frei, wollte nie mehr darüber nachdenken, was war oder kommen wird. An alles kann ich mich erinnern, jedes einzelne, schräge Bild. Ich hatte die Silvesternacht zu meiner gemacht. Ich reiste durch die Welt, pfiff auf Luftschlangen und Knallfrösche und genoss das Alleinsein. Nur eines, das hatte ich vergessen, noch als der Moment gar nicht zu Ende war: den Namen des Mädchens, das neben mir lag, als ich aufwachte.

Zuhause angekommen war Kate Moss von meinem Schreibtisch jedenfalls längst wieder verschwunden.

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