Eine Nacht im Heu-Hostel auf dem Kandel - bevor das Landratsamt es dicht gemacht hat

Laura Maria Drzymalla

Auf der Gummenhütte auf dem Kandel sind Andrea Fischer und Andy Beha die "Fensterliwirte". Auf 1133 Meter Höhe hatte das Paar auch ein Heu-Hostel eröffnet, wo man mit dem Schlafsack im Heu nächtigen konnte; fudder-Autorin Laura Drzymalla verbrachte dort eine beschauliche Nacht. Jetzt hat das Landratsamt die kultige Übernachtungsmöglichkeit geschlossen.



Meine Augen sind geschlossen, die Arme weit ausgebreitet. Mein Körper liegt flach und meine Oberschenkelmuskeln brennen. Ich atme sehr tief ein. Meine Nase kitzelt, der Geruch löst eine Welle von kindlichen Glücksgefühlen in mir aus. Meine Hände greifen neben mir fest in den Untergrund – zwei dicke Ballen Heu, weich und trocken. Um genau zu sein, eine ganze Koje aus Heu, mein Schlafplatz für die heutige Nacht. Ich bin  auf 1133 Höhenmeter des Kandels gestiegen, um genau dieses Gefühl zu bekommen.

Im Glottertal bin ich mittags losgelaufen, meinen dicken Schlafsack mit dem klemmenden Reißverschluss an den Rucksack gebunden. Meine Karte führt mich schnell mitten in den Wald, über den Luser in Richtung der Thomashütte, der Kande-Pyramide und letztendlich zur Gummenhütte, wo mich eine Nacht im Heu erwarten soll. Über mehrere Kilometer bin ich alleine in der absoluten Stille, nur ein paar behelmte Downhillbiker rasen über die Wurzeln so schnell an mir vorbei, dass ich bis auf deren in der Luft stehenbleibendes „Servus“ keine anderen Gesichter sehe. In den vier Stunden meines Aufstiegs sehe ich meterhohe Felsbrocken, Wurzelwege, kleine verschlungene Pfade nach oben.



Mit heroischem Gefühl erreiche ich dann die Gummenhütte, im Fenster sehe ich die Betreiberin Andrea Fischer, in einer rot gemusterten Schürze bewirtet sie zwei Biker. Mein Blick verschiebt sich etwas, denn ihr Kopf ist in etwa auf Höhe meiner Wanderstiefel. Ich setze mich schnaufend auf einen kleinen abgesägten Baumstamm vor das ebenerdige Fenster, die Küche der Hütte liegt durch die Hanglage quasi auf Kellerhöhe. Andrea bewirtet zusammen mit Andy Beha in „Fensterliwirt“-Manier wie ihre Vorgänger aus dem Fenster. Meine Augen wandern über die dunkelbraunen Fensterläden, mit Kreide stehen dort jetzt unter anderem Vesperplatten, Honigbrote und selbstgemachte Rhabarbersirupschorle angeschrieben.

Die Wanderstiefel in der Hand, tapse ich mit Andrea einmal um die Hütte herum, vorbei an der Wurzellounge aus Baumstämmen, vorbei an der großen Feuerstelle mit den langen Holzbänken, weiter Richtung der Stallungen, die einen Teil der Hütte bilden.



Andrea wuchtet die Stalltür auf, durch die Holzbalken leuchtet noch leicht die orangefarbene Abendsonne, rechts und links neben uns liegt das freudig erwartete Versprechen der „Gumme“ - die Heubetten. Der innere Huckleberry Finn in mir fühlt sich jung, wild und frei, möchte sich am liebsten quietschend mit einem Grashalm zwischen den Lippen ins Heu werfen, die Schiebermütze über die Augen ziehen und mit wippendem Fuß ein Lied pfeifen. Ich beschränke mich jedoch auf das Inspizieren der 34 Betten, ganz hinten rechts neben dem Fenster reserviere ich eins in deutscher Manier mit meinem ausgelegtem Handtuch. Heute scheint eine besondere Situation zu sein, Andrea hatte mich ehrlicherweise am Telefon vorgewarnt, dass im Laufe des Abends ein fünfzehnköpfiger Junggesellenabschied die Gumme erklimmen wird.

Bevor ich mir aber darüber Sorgen machen kann, höre ich meinen Namen aus dem kleinen Fenster rufen: Vesperzeit! Hurra! Gummenplatte mit Schinken, Schwarzwurst, Leberwurst, Glottertäler Bergkäse und dazu Brote mit selbstgemachtem Bärlauchpesto stehen auf der Theke. Ein milder Humpen Most ergänzt mein liebevoll auf Holzbrettern angerichtetes Vesper wunderbar, das Bärlauchpestobrot trägt kleine lila farbene Blüten, der Bärlauch ist angenehm scharf und das Brot frisch.

Während ich kauend mit Blick auf den Feldberg in Schwarzwaldträumereien vor mich hin sinniere, höre ich die ersten Stimmen der Junggesellen. „Wir sind die vier nüchternen Vorboten!“. Ich sehe meine Waldromantik schon jäh unterbrochen, tatsächlich aber halte ich kurze Zeit später meinen zweiten Most in der Hand, sitze schunkelnd am knisternden Lagerfeuer unter dem klaren Sternenhimmel und lausche den Burschen bei Gitarrenmusik und Parodien von Gerhard Polt.



Andrea (Bild oben links) setzt sich dazu, sie erzählt, dass ihr Freund Andy (Bild oben rechts) die ausgebüchsten Kühe wieder einfangen muss, die zur gepachteten Gumme gehören. "Wie schön und gleichzeitig anstrengend die Herdertätigkeit für neunzig Kühe auf den Sommerweiden sein kann, war uns bei der Neueröffnung der Hütte 2014 noch nicht klar," erzählt Andy kurze Zeit später, als er alle Kühe wieder zusammengetrieben hat. Damals saßen die beiden auf dem Startplatz der Gleitschirmflieger in der Nähe der Alm, seit drei Monaten ein Paar. Mit Blick auf die Heimat entstand der Gedanke, wie schön es doch wäre, die Gummenhütte samt Hirtentätigkeit zu übernehmen.

Kurz darauf suchte die Weidegenossenschaft Gummenbauern tatsächlich nach neuen Pächtern, Andy und Andrea machten ein Angebot. Das Paar bekam die Pacht und erneuerte das gesamte Konzept der Gumme, boten zum ersten Mal auch Übernachtungsmöglichkeiten an: „Die Wanderer können ja bei uns im Heu schlafen“, witzelte Andrea und so eröffneten sie noch im selben Sommer ihr Heu-Hostel.

Trotz der Veränderungen liegen den beiden die örtlichen Traditionen am Herzen. „Regionale, saisonale Produkte, so viel wie möglich selbstgemacht, glückliche Gäste vor dem Fenster, das ist uns wichtig.“, erzählt Andrea. Das Konzept geht auf, von den gegenwärtigen Problemen des Kandel-Tourismus ist an diesem Fleck Erde nicht viel zu merken. Das Problem sei allerdings die Anbindung, ergänzt das Paar. Die Busse fahren zu selten und es gibt keine direkte Verbindung nach Waldkirch oder Freiburg. „Rück dir das Heu ruhig zurecht, dass du's bequem hast!“, rät mir Andy, kurz bevor das Feuer ausgeht und ich müde wie ein Stein in meine Heu-Wolke falle.

Bis halb zehn Uhr am nächsten Morgen bleibe ich darin liegen, möchte nicht aufstehen. "Wie hast Du geschlafen?", fragt Andrea und macht mir einen Kaffee, der einen kleinen blumengarnierten Guglhupf auf der Untertasse hat. "Himmlisch weich!", kann ich da nur antworten und blicke am Esstisch wieder sinnierend in unseren wunderschönen Schwarzwald.



Warum ist das Heu-Hostel geschlossen?

Ende vergangener Woche erhielten Andrea Fischer und Andy Beha Post vom Landratsamt: Das Hostel mit 34 Schlafplätzen muss mit sofortiger Wirkung geschlossen werden, weil es den Betreibern an einer Konzession für Übernachtungsmöglichkeiten auf der Hütte fehlt. 

Fischer und Beha wollen sich nun mit ihrem Vepächter, der Glottertäler Weidegenossenschaft, über das weitere Vorgehen abstimmen. Andrea Fischer hofft, dass sie die Genehmigung für das Hostel nachträglich bekommen können: "Aus unserer Sicht gibt es am Kandel einen Riesenbedarf an Freizeit– aber vor allem auch an Übernachtungsmöglichkeiten."

Der Bewirtungsbetrieb geht aber normal weiter.

Die ganze Story:  

Gummenhütte/Fensterliwirt

Andrea Fischer und Andy Beha
Kandel 6
79183 Waldkirch
0173.9759250
07684.795
info@fensterliwirt.de
Öffnungszeiten

von April mit Ende Oktober

Montag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag
12 bis 19 Uhr

Samstag und Sonntag
10 bis 19 Uhr

Dienstag
Ruhetag 

Öffnungszeiten-Infotelefon
07684.9083090

[Fotos: Laura Drzymalla; Porträt: Privat]

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Fotos: Laura Drzymalla