Eine Nacht im Freiburger Discotaxi

David Weigend

Ahmad Javanshir hat es sich zum Ziel gesetzt, die Taxifahrt zur Party so zu gestalten, dass die Feierei schon auf dem Weg zur Disco beginnt. Wie diese Geschäftsidee funktioniert und was man in einer Samstagnacht im Discotaxi alles erlebt? Steigt ein!



Die Geschäftsidee des 56-jährigen Persers Ahmad Javanshir basiert auf einer kleinen Discokugel aus dem Baumarkt, Katalogbezeichnung „Mini-Light-Ball“, 11,5 Zentimeter Durchmesser, 12,95 Euro. Die Kugel hat Javanshir mit Sekundenkleber am Himmel seines Siebensitzers befestigt, daneben zwei Blitzer. „Die Taxizentrale Freiburg hat mich nicht aufgenommen, zu viele Mitglieder“, sagt Ahmad, während er seinen Wagen in einer Samstagnacht durch den schneebedeckten Freiburger Westen steuert. „Also machte ich mich selbstständig. Irgendwie muss man sich ja abheben von der Konkurrenz.“


Um 22.35 Uhr biegt der Mann mit der blauen Schirmmütze in die Rieselfeldallee. Vor einem Sonnenstudio hält er. Zwei aufgekratzte Pärchen steigen ein, sie wollen in die Stadt. Es ist der Moment, in dem das normale Taxi zum Discotaxi wird: Die Kugel surrt und Ahmad legt eine CD mit der Aufschrift „Future Trance Vol. 2“ ein. Eine blecherne Roboterstimme sagt etwas wie: „Are you ready for an experimental journey through space and time? Then let’s go.“

Ein unheilschwangerer Synthesizer-Akkord kündigt die Reise an. Nicht nach Goa, sondern zur Adelhauserstraße. Dann ein zackiges Hi-Hat. Erneut die Roboterstimme, diesmal mit Echo-Effekt: „Fofofofo…Force“ Congas werden hörbar und die ersten Johler aus der Fahrgastzelle. Ein Lächeln zeichnet sich ab unter Ahmads grauem Schnauzbart. Der alte Fuchs. Denn die Explosion in Form der krachenden Bassdrum kommt erst noch.

Jetzt! Die Betreiberin des Sonnenstudios schreit begeistert im Fond, während draußen die Hochhäuser von Weingarten vorbeiziehen. Es ist so laut im Auto, dass Ahmad sogar den orientalischen Klingelton seines Handys überhört, das er mit einem Klettverschluss über der Hupe fixiert hat. Es wird noch oft bimmeln heute Nacht.



Ahmad Javanshir kam 1988 mit Frau und drei Kindern als Asylsuchender aus dem Iran nach Deutschland. Er ist eigentlich Elektroingenieur, doch fand er in dieser Branche im Badischen keinen Job. Seit 1995 fährt er Taxi. Vor vier Monaten rüstete er es mit der Discokugel auf und stellte einen Laptop mit Internetanschluss in den Wagen. So will er junge Menschen und Partygänger als Kunden gewinnen.

Vorm Martinstor lässt Ahmad die Sonnenbank-Clique heraus. Sie wird jetzt in eine Bar gehen, Cosmopolitan bestellen und sich fühlen wie „Sex and the City“.

Ahmad nimmt lieber einen Schluck aus der Wasserflasche, lässt die automatischen Fensterscheiben herunter und fährt im Schritttempo an den Kneipen am Holzmarkt vorbei. Bei Leerfahrten durch die Innenstadt lässt er die Discokugel strahlen, „Dance U Up Volume 1“ routieren und den Bass pumpen. Ein Schaulauf. Tatsächlich findet sich der ein oder andere Nachtschwärmer, der anerkennend den Daumen hebt, als er das lustige Taxi sieht. Ahmad reicht ein paar Visitenkarten heraus und fährt zum nächsten Kunden. Telefonieren, Termine im Notizblock koordinieren, schalten, CDs einlegen, alles gleichzeitig: „Ich lass’ einmal klingeln auf dieser Nummer, dann könnt ihr runterkommen. Ciao-Ciao!“



Eine Samstagnacht im Taxi, das ist auch ein Spiegel des Freiburger Nachtlebens und der Menschen, die daran teilnehmen: Ein blasses, verwirrtes Mädchen, das zweimal ihr Fahrtziel umformuliert und leise den Namen „Sven, oh Sven!“ vor sich her murmelt. DJ Tim D. aus dem „Othello“, der verrät, dass man dieser Tage mit dem Titel „Sexy Bitch“ von David Guetta wirklich jeden auf die Tanzfläche kriegt. Die entfesselte Technotruppe, die die Fahrt zum Güterbahnhof damit überbrückt, Ahmad schmutzige Witze zu erzählen. Die drei Strizzis, die sich „Frank Sinatra oder so was Funkiges“ wünschen, behaupten: „Das Discotaxi ist hier in Weingarten ein bekannter Name!“



In Landwasser steigen Claudio, Maxim und Maxim ein. Sie wollen in die Diskothek Xerox. 18 seien sie und erfahren im Umgang mit Alkoholika. Sie empfehlen, beim Wodkakauf nicht aufs Geld zu schauen, das würde sich nur rächen am Morgen danach. Lieber die teure Sorte wählen und dafür keinen Kater haben. Im Xerox allerdings sei Wodka sowieso nicht angesagt, sondern „Jacky Cola“ und es sei ein Gerücht, dass alle Russen nur Wodka tränken. Die „geilsten Weiber“ würden sich auf dem House-Floor aufhalten. Ahmad trommelt mit den Fingern aufs Lenkrad und nickt altersmilde. Die drei Jungs könnten seine Söhne sein. Sie geben großzügiges Trinkgeld.

In einer ruhigen Minute, als Ahmad keine feierwilligen Jünglinge, sondern müde Heimkehrer befördert, sagt er: „Die Leute glühen vor, dann wollen sie in den Club. Dazwischen liegt die Taxifahrt. Ich schaue, dass die Gäste da nicht in ein Stimmungsloch fallen.“ Der Fahrgast, ein ironischer Mittvierziger, bemerkt: „Unfassbar, diese Discokugel. Da wird einem ja schwindelig, wenn man nicht besoffen ist. Ich kenne einen Taxifahrer, bei dem laufen nur die Stooges. Hat ’nen ähnlichen Effekt.“



350 Kilometer legt Ahmad in dieser Nacht zurück. Jedes Mal, wenn er das Taxameter zurückstellt, beginnt eine neue Kurzgeschichte, die etwa zwölf Minuten dauert, so lang, wie eine Fahrt in die Stadt. Zum Beispiel die vom jungen Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, weil er gerade Freigang hat und am nächsten Tag zurück muss ins Gefängnis. Er ist mit einer sechsköpfigen, vogelwilden Partycrew unterwegs ins Schneerot und sagt: „Ich schwör’ bei Gott, ich genieße meine Nacht in Freiheit. Gutes Essen, Party und ein schönes Bett zum Schlafen.“ Den Rest versteht man wieder nicht, weil Ahmad das Lied mit der Roboterstimme aufdreht.



An einer roten Ampel macht der Taxifahrer Faxen, rudert mit den Armen, imitiert John Travoltas Bewegungen aus der „Pulp Fiction“-Szene mit dem Tanzwettbewerb. Die Fahrgäste gackern. Ungewollt demonstriert der Disco-Taxler einen grundsätzlichen Widerspruch, nämlich, dass es sich in einem Taxi nur schwerlich tanzen lässt. Vor dem Schneerot am Münsterplatz hält Ahmad und fragt: „War ich gut?“

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