Eine Liebeserklärung an meine Nachbarin

Bernhard Amelung

Die Hölle sind immer die Nachbarn, findet fudder-Redakteur Bernhard Amelung. Die Ausnahme: Seine Nachbarin. Denn sie ist der herzensbeste, verständnisvollste Mensch der Welt.

Die Hölle sind immer die Nachbarn. Sie hören laute Musik, ihre Kinder schreien. Sie machen Kohlsuppendiät und lüften ihre Wohnung ins Treppenhaus aus. Die Brombeerhecken aus ihrem Garten wachsen direkt in den Weg.


Diversen statistischen Erhebungen zufolge liegt ein Drittel der über 40 Millionen Privathaushalte in Deutschland mit einem Nachbarn im Streit. Anders ausgedrückt: Rund 27 Millionen Menschen streiten in Deutschland miteinander. Sie verhandeln ihre Konflikte vor einer Schiedsstelle oder zerren sich gegenseitig vor ein Gericht. Zum Leidwesen der Richter und Rechtsanwälte. Der Streitwert dieser Rechtsstreitigkeiten liegt oft unter 100 Euro. Sofern er sich überhaupt beziffern lässt. Wie im Fall einer Froschfamilie, die sich über Nacht in einem frisch angelegten Gartenteich angesiedelt hat und mit ihrem Paarungsruf den Nachbarn fortan um den Schlaf bringt.

In solche Niederungen des Alltags müssten sich Rechtsanwälte und Richter nicht mehr begeben, wäre meine Nachbarin der Maßstab für ein Zusammenleben. An einem der letzten warmen Spätsommerabende hatte ich Freunde eingeladen. Das Bier war eiskalt, der Weißwein gut gekühlt. Beides floss in Strömen. Weit nach Mitternacht spielten wir uns, vom Leben berauscht und übermütig geworden, unsere Lieblingssongs vor. Musikalisch Hochstehendes genauso wie guilty pleasures, für die wir uns so gar nicht schämen. Das Maß der Zimmerlautstärke hatten wir schnell überschritten.

"Du bist jung, lebe dein Leben. Lebe es wirklich und genieße diese Momente. Genieße sie!"Bernhards Nachbarin

Am darauffolgenden Tag schrieb ich meiner Nachbarin eine kurze Nachricht auf einen Zettel. Ich bat sie darin vielmals um Entschuldigung, falls unsere Gespräche, Gelächter und die Musik sie um den Schlaf gebracht hätten. Diese Nachricht legte ich ihr vor die Haustüre. Am selben Abend begegnete ich ihr im Treppenhaus. "So einen Zettel brauchst Du mir nicht noch einmal schreiben", sagte sie und schaute mich eindringlich an. Ich nickte, schaute zu Boden, wohl wissend, dass wir zu laut waren. "War laut gestern, oder?", fragte ich. Es tue mir wirklich leid, schob ich kleinlaut nach.

"Das meine ich nicht. Du brauchst doch für so etwas nicht um Entschuldigung bitten. Du bist jung, lebe dein Leben. Lebe es wirklich und genieße diese Momente. Genieße sie", sagte sie und schloss die Tür zu ihrer Wohnung auf. Ich war sprachlos, konnte nichts mehr sagen. "Vielen Dank, hab einen schönen Abend", stammelte ich, immer noch verwundert. "Ich meine es ernst. Genieße dein Leben", sagte sie, verschwand in der Wohnung und schloss die Tür hinter sich ab.

Die Hölle sind immer die Nachbarn? Meine Nachbarin nicht. Sie ist Rentnerin, weit in ihren Siebzigern und vielleicht der herzensbeste, verständnisvollste Mensch der Welt. So geht gelebtes, harmonisches Miteinander. Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn es mehr Menschen wie sie gäbe.