Eine Koreanerin lebt für Kirchenmusik

Sebastian Klaus

Üben für die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule: Myeongjin Yeo (27) aus Südkorea lebt für Kirchenmusik und will dieses Fach ab dem Sommersemester 2011 in Freiburg studieren. Bis zu sechs Stunden übt sie täglich, Alltag der fleißigen Musikstudenten aus Asien, von denen es in Freiburg einige gibt. Wir haben Myeongjin einen Nachmittag lang zugehört.



Wie immer wechselt Myeongjin Yeo (27) zunächst die Schuhe. Mit den hohen Absätzen kann sie unmöglich spielen. Die Noten liegen auf dem Schrank bereit, gleich neben dem Instrument. Draußen ist es noch hell. Trotzdem muss sie die kleine Lampe unter den Tasten anschalten, da durch die bunten Kirchenfenster nicht genügend Sonnenlicht kommt, dass es ihr zum Notenlesen ausreichen würde.


Es riecht nach Weihrauch und es ist kalt. Da Myeongjins warme Herbstjacke beim Spielen stört, zieht sie sie trotz der Kälte aus. Nächste Woche wird der Mesner ihr einen kleinen Heizkörper hinstellen. Vielleicht auch erst in zwei Wochen, denn gefragt hat sie ihn aus Scheu noch nicht.

Vor der massigen Orgel in der großen, leeren Kirche wirkt Myeongjin noch kleiner, als sie ist. Sie zieht die Ärmel ihres dünnen Pullis hoch, blättert durch ihr Notenheft, bis sie die richtige Seite findet und zu Spielen beginnt. Mendelssohns Orgelsonate in c-Moll op. 65,2, die Musik klingt erhaben und mächtig. Ihre Finger sind schnell und zeugen von solide erlernter Technik. Ihre Füße haben weniger zu tun, die Pedale tritt sie nur selten. Sie spielt immer nur Teilstücke, nie das ganze Werk in einem Rutsch. Übungsalltag.



Bis übermorgen muss das Stück sitzen. Am Samstagabend wird die Kirche voll sein, beim Gottesdienst in der St. Albert-Gemeinde.

Jeden Tag übt Myeongjin drei bis vier Stunden. Bei schwierigen Stücken auch mal länger, bis zu sechs Stunden am Tag. Sie spielt Brahms, Mendelssohn und Bach. Sie liebt Bach und hat viele seiner Biographien gelesen. Durch ihn und mit seiner Musik will sie Kirchenmusikerin werden.

Dieses Vorhaben begann vor neun Jahren zu reifen. Da lebte sie noch in Korea, in Daegu, der viertgrößten Stadt des Landes, im Südosten. Damals spielte sie noch Klavier. Ein Freund, Kirchenmusiker, bittet sie, ihn beim Gottesdienst zu vertreten. Da es wenige Experten für die Wartung von Pfeifenorgeln in Korea gibt, besitzen die meisten Kirchen im Land lediglich elektronische Orgeln. Keine große Umstellung zum Klavier. Myeongjin spielt Bach. Welches Stück, weiß sie nicht mehr. Aber sie erinnert sich an das Gefühl, vor Publikum zu spielen, an die satte Akustik und die Atmosphäre der Andacht. Sie fängt an, regelmäßig in der Kirche zu spielen und entscheidet sich dafür, nach Deutschland zu gehen, um Orgel zu studieren.



Myeongjin fühlte sich in Kirchen schon immer wohl. Sie ist katholisch, genau wie ihre Eltern, ihre vier Geschwister und wie etwa 3,5 Millionen andere Südkoreaner auch. Eine Nonne gibt ihr bei der Geburt den Taufnamen Christina, was „Anhängerin Christi“ bedeutet.

2007 fliegt sie nach Bremen, wo sie Deutsch lernt und sich durch Privatunterricht ein Jahr lang auf die Aufnahmeprüfungen im Fach Kirchenmusik an den Musikhochschulen vorbereitet. Myeonggjin bewirbt sich im ganzen Land. In Bremen und Freiburg wird sie genommen. Obwohl sie die Stadt mag, entscheidet sie sich gegen Bremen. Es ist ihr zu protestantisch. Vom katholischen Süden erhofft sie sich eine größere Chance auf eine spätere Anstellung.

Was das Essen anbelangt, ist sie Bremen treu geblieben: in ihren Übungspausen isst sie bei Nordsee. Das Essen erinnert sie nicht nur an Weser und Deiche, sondern auch an ihre Heimat. In Südkorea gibt es Fischgerichte in allen Variationen.



In Freiburg studiert sie bei Klemens Schnorr Gesang, Violine und die Grundlagen des Orgelspiels. Sie gilt als begabt, fleißig und sie lernt schnell. Nach einem Jahr übernimmt sie von einem koreanischen Bekannten den Posten als Orgelspielerin in der St. Albert-Kirche in Betzenhausen. Zweimal pro Woche spielt sie dort, normalerweise sind die Bänke voll. Auch an die mächtige Marienorgel im Freiburger Münster darf sie sich setzen. Beim ersten Mal kommen ihr die Tränen: Sie ist die zeitversetzte Akustik in der großen Kirche nicht gewohnt und bekommt Panik. Schnell gewöhnt sie sich jedoch daran, wird immer besser und gewinnt im Mai 2010 bei einem Wettbewerb in Süditalien den Giovanni Morandi Publikumspreis.

Im Februar 2011 hat sie ihre Aufnahmeprüfung für den Studiengang Kirchenmusik. Myeongjin ist zuversichtlich, zu bestehen. Sie freut sich auf weitere vier Jahre Studium. Das bedeutet: Vier Jahre lang üben, üben, üben. Nach drei Stunden ist sie für heute fertig. Sie zieht schnell ihre Jacke an, wechselt die Schuhe, packt die Noten fein säuberlich zurück aufs Regal und löscht das Licht. Inzwischen ist es fast düster in der Kirche. Sie verschließt das eiserne Tor auf der Empore, geht die Wendeltreppe hinab und verlässt das Gotteshaus. Leise summt sie eine Melodie von Mendelsohns Orgelsonate vor sich hin.

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