Eine Konzert-Geheimoperation: The Keytones im Picc

Matthias Cromm

Neulich hing im Grossen Räng Teng Teng ein Plakat: "The Keytones, Mittwoch, 4. Feburar 2009 im The Picc". Keytones? Doch nicht etwa DIE Keytones aus England, DIE legendäre 80er Jahre Rockabilly/Doo Wop-Combo? Was machen die denn im Picc? Oder einfach nur, andere Band, gleicher Name? Matze hat das Konzert abgecheckt.



Recherchen im Internet ergeben, dass es sich tatsächlich um die echten Keytones handelt (siehe Bild unten). Gegründet 1983 von James “Jim” Knowler (Gitarre, Vocals), Cliff Marshall (Schlagzeug, Vocals) und Jarrod Coombes (Kontrabass, Vocals), wurden die drei Teenager innerhalb kürzester Zeit zu einer gefeierten Szenegröße.


Das Trio entwickelt sich schnell weg vom harten Rockabilly hin zu eher jazzigem Jive, Doo Wop trifft Rockabilly. Jarrods unverwechselbare Stimme führt den dreistimmigen Gesang an, es gibt diverse Platten – in Deutschland ist wahrscheinlich "Götz Alsmann meet the Keytones" die bekannteste Veröffentlichung. Der junge Alsmann zählte zu den glühenden Verehrern der Briten und so nahm man Ende der 80er zusammen auf. Letztes Jahr gab es übrigens ein Re-Release der Scheibe auf BFS-Records.

Also nichts wie hin!



Meine anfängliche Vermutung, das winzige Picc würde aus allen Nähten platzen, war natürlich falsch. Das Konzert war eher sowas wie ein ungewolltes Geheimprojekt – kaum Werbung, und Myspace kann eben nicht alles richten.

Ich komme zu spät – oder genau richtig, das kann man sehen wie man will: die Support Band Rocking Carbonara ist soeben fertig, es ist 21 Uhr. Das zum Teil extra angereiste Fachpublikum erwartet mit Spannung was da kommen mag, die Gespräche sind überall die Selben, auf welchem mysteriösen, verschlungenen Wege man von der Show erfahren habe, wie lange man gerätselt habe ob es sich um DIE Keytones handele undsoweiter.

Ich befinde mich in guter Gesellschaft. Der kleine Nick, der aus Bully sucht die starken Männer (oder besser, aus Bully Herbigs Talentshow, kleiner Youtube-Tipp) kündigt die Band an, als seine Jugendidole, ich glaube er hat sogar das Wort Liebe verwendet.

Auftritt The Keytones, Sänger Jarrod sieht auf den ersten Blick eher aus wie der Frontmann irgendeiner NYC-Hardcorekapelle, klein, polierte Glatze, eher würfelförmige Figur, volltätowiert, er trägt Cargo Armypants und Armeestiefel.

Schon beim ersten Song wird klar, die Band braucht sich nicht zu Verkleiden, Frisieren oder hinter irgendeiner Szeneattitüde zu verstecken, perfekt tickt das Uhrwerk, die drei Gesänge laufen perfekt ineinander, die Band ist eingespielt wie ein siamesischer Drilling. Vollblutmusiker die, bis auf den zwischenzeitlich ausgewechselten Drummer (Shaun O’Keeffe ist allerdings auch schon seit den 80ern dabei) seit Ihrer frühesten Jugend zusammenspielen.



Beim dritten Song raunt mit Willi von der Wellenkapelle zu: “Scheisse, jetzt weiss ich auch wieder warum ich zwei Platten von denen habe”. Ich nicke nur, ich weiss Bescheid. Seit ich das Plakat gesehen habe, laufen bei mir die alten Keytonesscheiben wieder hoch und runter.

Das einstündige Programm ist eine Melange aus grandiosen alten Keytones-Schinken, dem ein oder anderen Song von der neuesten LP, die gerade zur Tour erschienen ist und diversen Interpretationen alter Rock'n'Roll-Nummern.

Hier und da wird getanzt, das Publikum zeigt sich erstaunlich textsicher sowie hocherfreut ob der gelungenen musikalischen Darbietung und ulkingen Ansagen in schwer verständlichem Arbeiterenglisch. Der Applaus ist euphorisch, es gibt eine kleine Zugabe, um 22:30 ist leider Schluss – wegen der Nachbarn.

Das Publikum in den vorderen Reihen grinst sich gegenseitig beseelt an, weiter hinten stehen diejenigen die eher für die härteren Gangarten von Rockmusik plädieren, nicht entäuscht, aber das Keytones-Doo-Wop-Schalala-Ouaha-Lala ist natürlich nicht unbedingt Sache für eingefleischte Slayer Fans. Zumindest über die absolute Perfektion herrscht Einigkeit.

Bleibt die vieldiskutierte Frage weshalb nur circa 50 Gäste dem Vergnügen beigewohnt haben, Geheimoperation The Picc sollte nicht geheim bleiben! Ich werde jedenfalls schön die Augen offen halten was da 150 Meter vor meiner Haustür plötzlich alles geboten wird.

Heute Mittag klingelt das Telefon und Willi ist dran. “Du, die Show hat mir gestern echt den Tag gerettet. Du wolltest doch am Sonntag nach Stuttgart ins Zwölfzehn zu den Keytones? Ich glaub ich komm mit...”

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