Eine Freiburgerin in Istanbul: Zwischen Volksfeststimmung und Angst

Katrina

Seit zwei Wochen demonstrieren Aktivistinnen und Aktivisten im Istanbuler Gezi-Park. Der türkische Regierungschef Tayyip Erdogan hat am Freitag erneut ein sofortiges Ende der Proteste gefordert. Türkische Medien vermuten, dass ein Polizeieinsatz in Istanbul bevorsteht. Mittendrin: Katrina, 25, aus Freiburg. Wie sie die Demonstrationen erlebt:



14. Juni 2013, 13:12 Es ist ein verrücktes Spiel, das Erdogan hier mit uns treibt. Vorgestern setzte er ein Ultimatum, dass der Park in 24 Stunden geräumt werden soll, ansonsten würde er es veranlassen. Die 24 Stunden sind nahezu vorbei und der Park wurde von den Besetzern natürlich nicht geräumt. Challenge accepted!

Gestern Nachmittag verlasse ich also das Haus mit dem üblichen Inhalt im Rucksack: Gasmaske, Schwimmbrille, Tuch, Zitrone und Antazidum. Ich schließe alle Fenster, denn ich weiß nicht, wann ich wieder zurückkehren kann bzw. ob das Tränengas heute Nacht auch unsere Wohnung wieder erreicht. Ich checke nochmals den Livestream und lese die Nachricht, dass alle Geschäfte und Händler um den Taksim-Platz heute früher Feierabend machen sollen.

Ok, los geht’s! Aber denk daran: Benutze keine engen Straßen, da dort  die Polizei warten kann, um dich abzupassen, deinen Rucksack kontrolliert und wenn du Dinge mit dir führst, die auf eine Teilnahme am Protest hinweisen, werden sie dich inhaftieren.

Dort angekommen ist es ruhig. Ja, voll von Menschen, jedoch hält sich die Polizei im Hintergrund auf. Ein Wirrwarr von Ratschlägen und Prophezeiungen prasseln auf uns ein. „Die Polizei ist schon unterwegs!“, „Versteckt euch im Hotel um möglichen Verletzten zu helfen.“, „Denk daran, die 24 Stunden sind gleich vorbei!“

Ich beobachte die Situation eine Weile aus der Ferne und mein Gefühl sagt mir einerseits, dass es nun keinen Grund zur Panik gibt, doch andererseits sind die Warnungen noch nicht verhallt und die Erinnerungen an die zwei Attacken in den letzten 14 Tagen, die zeigten, wie schnell sich das Blatt wenden kann, stets präsent. Ich fühle mich schlecht einfach nur zu warten und die Lage zu beobachten und betrete den Park. Warum die Angst und die Zweifel?



Der Trubel dort gleicht einem Volksfest, einem Festival. Viele Mütter sind da, die vom Bürgermeister eigentlich dazu aufgerufen wurden, ihre Kinder aus dem Park zu holen, jedoch eine Menschenkette bildeten um die Courage und Solidarität ihrer Töchter und Söhne zu würdigen. Ich bin froh über den Frieden, aber auch verwirrt. Wie wird es weitergehen? Ungewissheit, pure Ungewissheit!I

Ich fühle mich wie am Faden eines Yo-yos. Jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse, weiß ich nicht, was passieren wird. Man kann sich auf die Aussagen der Regierung nicht verlassen. Es sollte eine Diskussion zur Einigung geben, jedoch folgte darauf eine Attackierung des Parks in den frühen Morgenstunden. Wird also eine friedliche Kooperation versprochen, muss gerannt werden. Wird Gewalt angedroht, wird gefeiert - und Erdogan gibt die Regeln dieses Spiels an.

Katrina (Name auf ihren Wunsch geändert) ist 25 Jahre und hat ein Auslandssemester in Instanbul verbracht. Sie wird voraussichtlich ihre Abschlussarbeit über die aktuellen Proteste schreiben.

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  [Fotos: dpa]