Eine Freiburgerin hat ihre Bachelor-Arbeit über Sex im Altersheim geschrieben

Johanna Hasse

Nichts geht im Bett mit 60 plus? Von wegen! Unsere Bevölkerung wird zwar älter, die Lust aber nicht unbedingt weniger. Eine Freiburgerin hat sich mit dem Thema beschäftigt – und herausgefunden, wie sich Sexualität im Pflegeheim ausleben lässt.

"Hier, dein Stück Torte, Gerda. Erzähl, was läuft so im Bett mit Karl-Heinrich?" Na, kurz gestutzt? Aus irgendeinem Grund klingt das für uns nicht wirklich nach einer Alltagssituation. Aber warum eigentlich nicht? Tauschte Oma an ihrem siebzigsten Geburtstag Zärtlichkeit und Sex gegen Steppdeckchen und Stützstrümpfe? Schon das Bild von den eigenen Eltern im heimischen Schlafzimmer finden die meisten befremdlich, die Vorstellung der Großeltern bei der Bett-Gymnastik umso skurriler.


Sex im Alter – ein Thema, das nicht bei jedem Kaffee-und-Kuchen-Gespräch einfach von den Lippen geht. Eine Angelegenheit, über die jüngere Menschen eher selten nachdenken und ältere vielleicht nicht gern reden. Julia Nuhn (23) aus Freiburg hat genau diesem Thema ihre Bachelorarbeit gewidmet. Sie hat es nicht mit einem beschämten Lächeln abgetan, sie hat nachgeforscht und nachgefragt.

Sex ist ein Grundbedürfnis des Menschen

Julia sagt: Intimität, Zärtlichkeit, Erotik und Sex sind Grundbedürfnisse des Menschen und Bestandteile einer Partnerschaft – auch bis ins hohe Alter. "Viele junge Leute können sich nicht vorstellen, dass Menschen auch im Alter noch das Bedürfnis haben. Sie werden ja auch selten damit konfrontiert."

Dass im Herbst des Lebens nicht alles welk werden muss, wird daher oft verkannt. Wissenschaftler beweisen in verschiedenen Studien, dass sexuelle Bedürfnisse auch bis ins hohe Alter noch eine Rolle spielen. In den USA sei von den 65- bis 74-Jährigen noch rund die Hälfte sexuell aktiv, bei den 75- bis 85-Jährigen immerhin 26 Prozent. Die Ausdrucksformen der Sexualität würden sich im Alter gewiss ändern, die Lust bleibe aber bei den meisten bestehen.

Haben Sex und Intimität Platz zwischen Hygienevorschriften und Pflegeprotokoll?

Ab wann die sexuellen Fähigkeiten und die Kondition tatsächlich abnehmen, ist natürlich individuell. Und auch wie sich die Senioren mit dem Thema auseinandersetzen, welchen Raum sie sich dafür nehmen – oder welcher Raum ihnen gegeben wird, beeinflusst das Ausleben der Sexualität.

Diesem Problem wollte Julia in ihrer Bachelorarbeit auf den Grund gehen. Genauer: Sie hat sich mit der zwischenmenschlichen Intimität im Pflegeheim beschäftigt. Haben Sexualität und Intimität Platz zwischen Hygienevorschriften und Pflegeprotokoll? Wie kann sie im Raum des Pflegeheims ausgelebt werden?

Liebeszimmer in Heimen sorgen für Getuschel

Obwohl es in Pflegeheimen Raum für Rückzug und Ungestörtheit geben sollte, ist dies in der Realität nicht immer der Fall. Die "klinische Arbeitsatmosphäre" und die Kontrolle durch das Pflegepersonal würden die Trennung von privaten und öffentlichen Räumen erschweren. In manchen Heimen könne man die Türen nicht abschließen. Bleibt nicht zuletzt die Frage, wie das Pflegepersonal auf ein in flagranti Erlebnis reagieren würde.

In der Vergangenheit wurde oft über sogenannte "Liebeszimmer" diskutiert, in die sich Paare für intime Handlungen zurückziehen konnten. Für viele eine durchaus peinliche Angelegenheit, da sowohl Heimbewohner als auch Pflegepersonal mitbekamen, wer das Zimmer nutzte und das Getuschel seinen Lauf nahm. Derartige "Verlegenheitslösungen" wurden in den meisten Heimen mittlerweile wieder abgeschafft.

Wunsch nach Zärtlichkeit tritt an die Stelle des Geschlechtsaktes

Julias These lautet also: Die Institution Alten- und Pflegeheim schränkt das Ausleben von Sexualität und Intimität ein – zum Beispiel durch religiöse Werte einer kirchlichen Trägerschaft und den entsprechenden Wertvorstellungen der Heimleitung, durch räumliche Einschränkungen oder das Verhalten des Pflegepersonals.

Nicht alle von Julia befragten Seniorinnen sahen sich jedoch durch die Institution des Pflegeheims in ihrer Intimität zu ihrem Partner eingeschränkt. Oft liege der Grund schlichtweg in der gesundheitlich schlechten Verfassung des Partners. Bei Pflegebedürftigen tritt der Wunsch nach Zärtlichkeit und Geborgenheit stärker an die Stelle des reinen Geschlechtsaktes. "Ich nehm’ ihn höchschtens mal in Arm und so,(...) und ich krieg’ immer meine Küssle, immer noch, des isch also immer noch da", so beschrieb Frau L. die Intimität mit ihrem Mann einem Interview.

Aus dem Alter sind wir raus?

Oft wurde die Frage nach der Sexualität von den Befragten mit dem schlichten Fakt ihres kalendarischen Alters abgetan. "Nee. Aus dem Alter simmer raus."

Obwohl in den letzten Jahrzehnten eine deutliche Liberalisierung im Umgang mit der Sexualität stattgefunden hat, bleibt sie für viele ältere Menschen mit Scham und Hemmungen verbunden. Sex ist heute zwar weniger als Tabu gesehen, dafür aber mit einem Leistungs- und Anspruchsdenken besetzt.

Sex losgelöst von der Funktion der Fortpflanzung

Sexualität wird oft mit Jungsein assoziiert und die Vorstellung von Sex als sportliche Aktivität, die sich nur mit einem jungen, fitten Körper ausführen ließe, hängt in vielen Köpfen fest. "Vielen fällt es schwer, sich vorzustellen, dass sich alte Menschen noch attraktiv finden", sagt Julia. Dazu kommt: Im Alter hat man Sex völlig losgelöst von der Funktion der Fortpflanzung. Er befriedigt einzig und allein die Suche nach Nähe und Verbundenheit, auf der körperlichen und emotionalen Ebene.

Auch das Bild vom älteren Mensch als "asexuellem Wesen" spukt in vielen Vorstellungen. Die Angst eben diesem Bild nicht zu entsprechen und als "lüsterne Greise" stigmatisiert zu werden, sitzt vielleicht auch noch in manchen alten Knochen.

Das Bedürfnis nach körperlicher Nähe bleibt

Ob nun Sex für alte Menschen eine befreiende Normalität, eine körperliche Herausforderung oder ein beschämendes No-Go oder eher No-More ist, bleibe eine individuelle Frage. Die Antwort ergibt sich aus der jeweiligen körperlichen Konstitution, der Persönlichkeit, dem Lebensstil, der Religion, der Erziehung und Empfindsamkeit für gesellschaftliche Normen. Das Bedürfnis nach emotionaler und körperlicher Nähe bleibt bei den meisten jedoch ein Leben lang.

Im Angesicht des demographischen Wandels sollten wir mehr darüber reden, mehr aufklären, Tabus abschaffen. Julia sagt voraus: "Da wird sich in den Köpfen noch viel ändern." Wichtig ist ihr, dass Sexualität nicht ausschließlich als Geschlechtsakt gesehen wird, sondern als ganzheitliches Phänomen, das Wünsche, Vorstellungen und Phantasien mit einschließt.

Im Angesicht des nahenden Lebensendes noch einmal das zu kosten und genießen, was im Grunde ja der Gegenpol zum Tod ist – was spricht dagegen?

Sterben ist etwas menschliches, Sex auch.