Eine Freiburger Jungregisseurin schafft es mit ihrem Film zur Berlinale

Anna-Lena Gröner

Auf der diesjährigen Berlinale wird der erste Langspielfilm der Freiburger Jungregisseurin Jana Bürgelin in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" gezeigt. Im Interview spricht Jana über Probleme bei den Dreharbeiten und ihre Zukunft in der Filmbranche.

Jana Bürgelins Diplomfilm "Millennials" begleitet die beiden Protagonisten Anne und Leo bei ihrem neuen Leben in Berlin. Beide sind in die Stadt gekommen, um ihre Karriere als Regisseurin und Fotograf voranzubringen. Es ist ein Film über die Suche nach sich Selbst zwischen dem Zwang zur Individualisierung und der Sehnsucht nach Gemeinschaft. Am 17. Februar ist in Berlin auf der Berlinale die Premiere des Films. fudder hat mit der Regisseurin gesprochen


Erst einmal herzlichen Glückwunsch Jana. Im Februar wird dein Film auf der Berlinale gezeigt, wie kam es dazu?

Theoretisch kann sich jeder mit einem Film bei der Berlinale bewerben. Es kostet lediglich eine gewisse Aufnahmegebühr. Unser Film wurde von der Filmakademie ausgesucht und durfte damit umsonst eingereicht werden.

Wie ging es dann weiter?

Wir haben uns wirklich nicht viele Hoffnungen gemacht. Doch ein paar Wochen nachdem unser Film im Herbst 2016 eingereicht wurde, rief mich tatsächlich die Sektionsleiterin der Perspektive Deutsches Kino, Linda Söffker, an. Mir ist fast das Herz stehen geblieben, als es an der anderen Leitung hieß: 'Wir wollten mitteilen, dass wir euren Film sehr mögen. Aber für eine Zusage ist es noch zu früh.'

Ich habe gleich mein Team benachrichtigt und plötzlich haben wir uns doch Hoffnungen gemacht. Es folgten Monate des Wartens. Kurz vor Weihnachten habe ich schließlich von der Filmakademie erfahren, dass bereits zwei Filme von ihr angenommen wurden. Normalerweise ist es damit voll. Tatsächlich kam aber zwei Tage vor Weihnachten der Anruf: 'Wir wollten euch noch ein Weihnachtsgeschenk machen. Euer Film läuft bei der Berlinale.' Ich bin ausgeflippt!

Du hast Dokumentarfilm an der Filmakademie in Ludwigsburg studiert und bisher auch immer Dokumentarfilme gedreht. "Millennials" ist nun ein Spielfilm mit dokumentarischen Ansätzen. Wie kam es dazu?

Eigentlich hatte ich anfangs vor, einen Dokumentarfilm als Diplomfilm zu drehen. Zusammen mit INDI Film Produktion habe ich das Konzept beim SWR und der MFG-Filmförderung eingereicht, das ist eine Filmförderung in Baden-Württemberg. Der Film kam immerhin bis in die letzte Runde, wurde am Ende aber leider nicht finanziert. Da musste ich erst mal wieder von dieser Idee loskommen, zumal wir schon einige Drehtage im Kasten hatten.

Nach meinem Studium bin ich schließlich gemeinsam mit zwei Kommilitonen, Anne und Leo, nach Berlin gezogen. Wir haben dort anfangs alle zusammen in einer WG gewohnt und viel Zeit miteinander verbracht. An Leos Geburtstag habe ich den beiden aus einer anfänglichen Schnapslaune heraus vorgeschlagen, dass ich doch einen Film über sie machen könnte. Als die Idee dann konkreter wurde, habe ich beschlossen, daraus keinen Dokumentarfilm zu machen, weil ich den beiden Hauptdarstellern mehr Abstraktion verleihen wollte.

Wie ist die Idee des Films entstanden?

So ein Filmstudium geht recht lange. Und plötzlich merkt man, dass man Anfang 30 ist, fast alle alten Freunde Kinder haben und verheiratet sind. Man selber ist gerade erst wieder in eine neue Stadt gezogen, sucht sich eine Wohnung, einen Job, Liebe und alles was dazugehört. Da fragt man sich also, wo die ganze Zeit geblieben ist und wohin der eigene Weg gehen soll. Das ging mir und meinen beiden Mitbewohnern so, was uns sehr verbunden hat. Diese Situation, die wir alle gemeinsam hatten,war schließlich die Idee des Films.

Hast du das Drehbuch selber geschrieben?

Ja. Es ist ein Buch mit insgesamt 18 Seiten. Das sind sehr wenige, da es nämlich keine Dialoge enthält. Es ist lediglich ein Szenen-Drehbuch. Darin wird vorgegeben, was passiert, worauf die Szene hinausläuft, wie die Emotionen und Stimmungen sind, aber alles ganz ohne Dialogvorgabe. Es wurde also improvisiert, was mir sehr wichtig war.

Deine beiden Mitbewohner und Hauptdarsteller in "Millennials" spielen sich selbst. Sind sie denn Schauspieler?

Nein. Sie sind beide selber Regisseure und haben mit mir an der Filmakademie studiert. Für Anne war es das erste Mal vor der Kamera. Leo hatte vorher schon bei einem Film mitgespielt.

Wie viele Leute haben insgesamt zum Filmteam gehört?

Zwei Produzentinnen Cosima Maria Degler und Julia Golembiowski, der Kameramann Florian Mag, ein zweiter Kameramann Pierre Enz, mehrere Tonleute und viele mehr. Wir waren insgesamt mit allen bestimmt 30 Leute.

Habt ihr nur in Berlin gedreht?

Hauptsächlich in Berlin. Ein paar Tage in Potsdam und einen Dreh in Leipzig. Der Film ist nur bei Nacht gedreht worden. Das war ganz praktisch, denn wir haben im Winter gedreht und da wird es in Berlin gefühlt um drei Uhr mittags dunkel. Aber wir haben natürlich bis spät in die Nacht gearbeitet, denn ein Drehtag geht gerne mal 15 bis 16 Stunden.

Was war die größte Herausforderung?

Für mich persönlich war es schwierig, zwei Regisseure inszenieren zu müssen. Also die beiden Hauptdarsteller Anne Zohra Berrached und Leonel Dietsche. Anfänglich wollten sie sich, aus purer Gewohnheit, einmischen und auch Ansagen machen. Da musste erst mal die Rollenverteilung klar gemacht werden, was ein paar Drehtage gedauert hat.

Insgesamt war aber auch das geringe Budget eine große Herausforderung. Was zur Folge hatte, dass wir alle alles selber machen mussten und unsere Berliner WG voll war von unserem Filmteam. Da wurden Betten geteilt und Privatsphären durchbrochen. Zudem haben wir insgesamt 27 Tage mit nur einer Pause gedreht und das immer nachts. Das ist auch heftig.

27 Drehtage, das klingt überschaubar?

Das ist eigentlich recht viel. Ein Tatort fängt zum Beispiel bei 21 Drehtagen an.

Wie lange wurde insgesamt an dem Film gearbeitet?

Im Dezember 2014 hatten wir den ersten Drehblock. Schon im Juli 2014 hatte ich angefangen, das Projekt zu schreiben. Ein Jahr haben wir den Film anschließend geschnitten und hinzu kam wahnsinnig viel Postproduktion, Farbkorrekturen, Ton, Trailer und alles mögliche.

Die Mühe hat sich letztlich gelohnt. Was erhoffst du dir von der Berlinale?

Um ehrlich zu sein, haben sich schon ein paar Träumchen erfüllt. Wir haben vor wenigen Tagen einen Vertrag mit dem Weltvertrieb M-Appeal unterschrieben, was ziemlich schön ist. Die Firma vertreibt unseren Film jetzt für Filmfestivals auf der ganzen Welt. Wenn man so einen Weltvertrieb hat, ist der Weg zum Verleiher letztlich nicht mehr so weit. Falls wir auf der Berlinale also einen Verleiher finden würden, was unser großes Ziel ist, dann besteht die Chance in die Kinos zu kommen. Schön wäre außerdem, wenn wir noch einen Sender finden würden, der den Film später ins Fernsehen bringt.

Bisher sieht doch alles gut aus?

Ich bin sehr glücklich über die Wertschätzung, die unserer Arbeit gerade entgegengebracht wird. Trotz allem vergesse ich nicht, dass das Filmbusiness ein schnelllebiges Geschäft ist. Es kann ein Türöffner sein, es kann aber auch alles nach der Berlinale verpuffen.

Gibt es denn schon ein neues Projekt oder ruht man sich nach der ganzen Aufregung erst mal aus?

Die Idee für ein neues Filmprojekt steht schon. Es wird wahrscheinlich auch wieder in Berlin gedreht werden. Dazu muss ich noch vor der Berlinale etwas konkretes ausarbeiten. Ansonsten hoffe ich natürlich, dass wir mit "Millennials" ein bisschen herumreisen dürfen.
Zur Person

Jana Bürgelin wurde 1983 in Ludwigsburg geboren und ist in Freiburg aufgewachsen. Nach ihrem Abitur studierte sie zwei Semester Kunst und Grafikdesign und im Anschluss Angewandte Medienwirtschaft. Nach ihrem Bachelor-Abschluss absolvierte sie einige Praktika in der Filmbranche und reiste durch Australien, Nepal und Senegal. Danach folgte ein Regiestudium an der Filmakademie Baden-Württemberg und die ersten Kurzfilme. "Millenials" ist ihr erster Langspielfilm und gleichzeitig ihr Diplomfilm. Mehr zum Film und der Premiere auf der Berlinale auf der Facebookseite von "Millenials".