Eine Bahnfahrer-Typologie

Christian Deker

Es sind schon wundersame Menschen, die einem beim Zugfahren begegnen. Am interessantesten sind eigentlich die Mitarbeiter der Deutschen Bahn AG. Wir wollen uns aber hier einmal den Passagieren nähern, die ihren Mitreisenden immer wieder Anlass zu Freude, Mitleid, Spott und Ärger geben. Was wäre eine Bahnreise ohne quengelnde Kinder, nervige Omas und gesprächsbedürftige Nebensitzer? 1. Die MutterDie leidgeplagte Mutter ist mit mindestens zwei Kindern unter sechs Jahren unterwegs. Schon das Verstauen der tonnenschweren Koffer und des Kinderwagens gelingt nur unter Mithilfe der Sitznachbarn. Dann wird unter Verweis auf die heulenden Kinder darum gebettelt, auf den Vierersitz mit Tisch sitzen zu dürfen. Nachdem die Kinder nicht mehr heulen, sondern nur noch quengeln, beginnt die Beschäftigungstherapie: Wahlweise “Pippi Langstrumpf” oder “Die Kinder von Bullerbü” in Lautsprecherlautstärke. Zwischendurch gibt es Apfelschnitzchen aus der Tupperdose. Sollten die Kinder wider Erwarten schon im schulpflichtigen Alter sein, werden für die nächste Klassenarbeit die Hauptstädte aller Bundesländer abgefragt. 2. Die MuttiDie Mutti reist am liebsten mit ihren Freundinnen vom Kegelclub ins Musical “We will rock you” nach Köln. Und weil man schon mal in der Domstadt ist, nimmt man gleich noch ein paar Kneipen mit. Schon auf der Hinfahrt morgens früh um sieben im Abteil fliegt der erste Sektkorken an die Decke. Im weiteren Verlauf der Rheinstrecke werden die Gaumen mit Ramazotti, Cidre und Kleiner Feigling befeuchtet. Der Aufenthalt in Köln ist entsprechend lustig. Auf der Rückfahrt ruft die Mutti vom Handy aus zuhause an, um zu testen, ob ihr Mann schon von der Arbeit zurück ist. Sie will nach Möglichkeit nämlich schon im Bett liegen, wenn der Göttergatte nach Hause kommt. Ihr ist es doch eher unangenehm, wenn er sie ausnahmsweise so erlebt, wie sie ihn sonst immer erlebt. 3. Die Oma Wenn lila getönte Haare das Abteil betreten, ist Arztsprechstunde angesagt. Entweder sind die neuesten Krampfadern oder die letzten Operationen Gesprächsthema, gerne auch der letzte Reha-Aufenthalt. Wenn alle Krankenakten (auch von Freundinnen und Verwandten) durchgekaut sind, geht es mit dem Wetter weiter. “Es wird Zeit, dass der Sommer kommt. Der Nebel macht mich so depressiv.”Eine halbe Stunde, bevor die Oma aussteigen muss, fängt sie hektisch an zu packen. Das “Goldene Blatt” muss sicher verstaut werden, ebenso wie Lesebrille und Pralinen. Dann steht sie die restlichen 20 Minuten im Gang und versperrt den Weg.

4. Der GeschäftsmannDer Geschäftsmann steigt typischerweise in Frankfurt Flughafen (Fernbahnhof) in den ICE ein. Er hat ein kleines Täschchen bei sich, in dem außer Laptop und Zweitkrawatte maximal noch eine Zahnbürste Platz hat. Kurz nach dem Einsteigen ruft er im Büro an, um sich zu erkundigen, ob sich bezüglich des Meetings morgen noch etwas getan hätte. Außerdem fragt er gleich noch die Kurse seiner Aktien ab. Während des Telefonats zeigt er dem freundlichen DB-Mitarbeiter mit der linken Hand lässig seine BahnCard 100. Dann arbeitet er noch ein paar Akten durch, um in einem zweiten Telefonat seiner Lebensgefährtin zu sagen: “Schatz, ich komme jetzt gleich nach Hause, mach doch das Essen schon mal fertig.”5. Der LeserDer Leser ist ein angenehmer Zeitgenosse. Er macht keinen Ärger und ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Es gibt nur eins, was ihn aus der Fassung bringt: Wenn dunkle Anzüge ihn von den bahn.comfort-Plätzen verjagen. Den Rest der Fahrt ist er in seine “ZEIT” vertieft, die er trotz des großen Formats durch jahrelange Übung gut umblättern und falten kann. In weiblicher Ausführung darf es statt einer Zeitung gerne auch mal Paolo Coelho oder Rosamunde Pilcher sein. Der Todfeind des Leser sind iPod-Hörer, deren Musik den ganzen Großraumwagen durchdringt. Da der Profi-Lese-Reisende aber stets mit Ohropax ausgerüstet ist, kann ihm auch diese Belästigung nichts anhaben. 6. Der GesprächsbedürftigeBesonders gefürchtet sind die gesprächsbedürftigen Nebensitzer. Über eine harmlose Einstiegsfrage (“Bis wohin fahren Sie denn?”) wird man in ein endloses Gespräch verwickelt, das meistens in einer episch breiten Lebensbeichte des Gegenübers endet. Man kann nur noch hoffen, dass der Zielbahnhof erreicht ist, sobald das Leben der Kinder und Enkel aufgerollt wird. Denn meistens geht es dann um Fehlgeburten, Krankheiten und Studienabbrüche. Komisch, dass die Menschen besonders gerne im Zug ihre Privatheiten ausplaudern.

7. Der UrlaubsankömmlingAn Bahnhöfen mit angeschlossenen Flughäfen steigen Mitte Februar Menschen mit T-Shirts und unglaublich großen Koffern ein. Sie kommen direkt aus der DomRep oder Thailand und müssen zum Abschluss ihrer Reise wieder ins kleine südbadische Dorf zurück. In dieser Situation würden sie zwar gerne durch den ganzen Zug tönen, wie toll der Urlaub und vor allem wie schön und warm das Wetter war. Dazu sind sie aber nicht mehr in der Lage, da der Jetlag kombiniert mit den beiden Whiskeys im Flieger doch zu einer deutlich stärkeren Ermattung geführt hat, als erhofft. Aber wenigstens mit ihrer Gesichtsbräune können sie auftrumpfen. 8. Die StudentinIm Übergang zwischen zwei Wagen kauert in einer Ecke auf dem Boden ein kleines Häufchen Elend. Für eine Platzreservierung hat das Geld nicht mehr gereicht, deshalb bleibt im überfüllten Zug am Sonntag Abend nur noch der Boden. Die arme Studentin, die auf dem Weg von der elterlichen Wochenendidylle zurück in die Universitätsstadt ist, knabbert an ungeschälten Karotten. Mit ihren Rasta-Locken macht sie einen ganz und gar unglücklichen Eindruck. Dummerweise merkt sie erst nach drei Stunden Fahrt, dass sie in den falschen Zug eingestiegen ist. In solchen Momenten wünscht sie sich ein eigenes Auto. Nach einer kleinen Odyssee durch Süddeutschland kommt sie nachts um zwei in Freiburg an ? noch immerhin fünf Stunden Schlaf bleiben ihr, bis sie in der Vorlesung sitzen muss. 9. Der SchwarzfahrerKurz vor Freiburg öffnet sich die Klotüre, vor der man mit unaushaltbarem Druck auf der Blase schon vor 20 Minuten kapituliert hat (in der Annahme, die Toilette sei mal wieder übergelaufen). Ein unscheinbares Männchen mit wirren Haaren schleicht heraus, es schaut kurz nach rechts und links. Nachdem kein Schaffner in Sicht ist, geht er unsicheren Schritts zur Tür und atmet hörbar erleichert aus, als er auf den Bahnsteig tritt. Er weiß, dass zwischen Freiburg und Basel Schwarzfahren auf dem Klo nahezu unmöglich ist. Der Zoll klopft unbarmherzig nämlich jeden aus dem Klo heraus.

10. Der WehrdienstleistendeEigentlich sind es bemitleidenswerte Geschöpfe. Sonntag Abend, 22 Uhr, mit schwerem Rucksack auf dem Weg in die Kaserne. Der Gesichtsausdruck variiert zwischen gelangweilt, unausgefüllt und unterfordert. Mit Uniform und schweren Stiefeln sitzen die 18-jährigen Milchbubis da, man kann sich aber nur schwer vorstellen, dass sie Deutschland einmal am Hindukusch verteidigen könnten. Im Gegenteil: Man hat eher den Eindruck, dass der Zug ein angemessener Übergang zwischen Mutters warmer Stube und dem rauem Alltag der Grundausbildung ist. Symptomatisch auch die Fahrkarte: Wie ein Führerschein von 1950 sieht der große Bundeswehr-Lappen aus, mit dem die Staatsdiener in Ausbildung auf Kosten des Steuerzahlers zwischen Ausbilder und Mutter pendeln. 11. Die SchulklasseManchmal hat man wirklich Pech. Die erste halbe Stunde ist zwar noch erträglich, nachdem die 7. Klasse auf der Fahrt an die Nordsee an Bord gegangen ist. Aber dann geht es los. Zuerst wird man über die neuesten “Dr. Sommer”-Probleme aus der Bravo aufgeklärt. Die Braven spielen noch “Stadt, Land, Scheidungsgrund”, dann beginnt die Dezibelzahl immer weiter zu steigen. Es fängt an mit lautem Wiehern der pubertierenden Mädchen, dann folgen Tränen (weil Lisa auch in Mark verliebt ist) und Geschrei (weil Jacqueline von Johannes an den Haaren gezogen wurde). Die beiden Lehrerinnen mit adretter Kurzhaarfrisur sitzen etwas abseits und tönen mit mahnender Stimme von Zeit zu Zeit durch den Wagen: “Wir sind hier nicht alleine im Zug” - “Jetzt hört doch mal auf” ? “Johannes, wenn Du das noch einmal machst, musst Du im Einzelzimmer schlafen”. Doch die Ermahnungen können weder die Verfolgungsjagden durch das BordBistro noch den krönenden Abschluss, die Chips-Schlacht, verhindern.