fudder-Themenwoche

Eine 34-Jährige fotografiert Sternenkinder, um den Eltern eine Erinnerung zu geben

Jannis Jäger

Kommt ein Kind tot zur Welt, ist es ein Sternenkind. Christiane Cloete ist 34 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in Opfingen. Ehrenamtlich fotografiert sie solche Babys, um den Eltern etwas zum Festhalten zu geben.

Sternenkinder sind Babys, die während der Schwangerschaft, der Geburt oder kurz danach sterben. Das seit 2013 initiierte Projekt "Dein Sternenkind" bietet Eltern in einem solchen Fall die Möglichkeit einen Fotografen beziehungsweise eine Fotografin anzufordern, um ein erstes und gleichzeitig letztes Andenken zu schaffen.


Christiane Cloete lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im Freiburger Stadtteil Opfingen. Eine einzige ländliche Idylle. Blumen blühen auf begrünten Randstreifen, auf dem Kirchturm nisten Störche, überall spielen Kinder. Vor vier Jahren erfuhr sie von einem Kollegen, der selbst ein Kind verloren hat, von der Sternenkind-Organisation. Er hatte sich selbst dorthin gewandt. Wenige Wochen nach der Geburt sei er an einen Punkt gekommen, an dem er sich fragte, ob das alles tatsächlich passiert sei. Doch er konnte sich das Kind, das nicht hatte leben dürfen ansehen. Da waren diese Fotos. Die Möglichkeit zu haben, sie anzuschauen, half ihm in diesem Moment in seiner Trauer. Christiane Cloete fotografierte zu diesem Zeitpunkt bereits auf Hochzeiten. Ihr Kollege machte ihr Mut, sich dem Projekt anzuschließen. Seit 2015 ist sie eine von 620 aktiven Sternenkind-Fotografinnen.

"Auch Eltern von Sternenkindern sind so, dass sie schauen, hat es eigentlich deine oder meine Nase."

Christiane Cloete

Ein frisch verheiratetes Paar oder ein Sternenkind: In beiden Fällen steht die Dokumentation der Liebe und der Beziehung zwischen den Menschen im Vordergrund. "Es geht nicht darum zu sehen, das ist ein totes Baby. Dieses Kind hat existiert, da ist eine Beziehung vorhanden. Es geht darum, das zu würdigen und festzuhalten. Das Wichtigste ist, Erinnerungspunkte für die Zukunft zu schaffen", sagt sie. "Auch Eltern von Sternenkindern sind so, dass sie schauen, hat es eigentlich deine oder meine Nase."
Themenwoche

fudder beschäftigt sich in dieser Woche mit jungen Menschen, die sich beruflich oder ehrenamtlich mit dem Tod befassen. Damit möchte die Redaktion einem Thema, über das selten gesprochen wird, Raum geben. Von Montag bis Freitag stellen wir jeden Tag einen jungen Menschen vor, der auf eine bestimmte Art und Weise mit dem Sterben in Berührung kommt.

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Im Moment pausiert ihre Arbeit für das Sternenkind-Projekt, denn Christiane Cloete ist selbst schwanger. Aber bei den zwei Einsätzen, die sie bisher für das Projekt hatte, empfand sie die Eltern als gefasst. Vor allem die Mütter hätten oft ein Redebedürfnis. Wie war das Kind in der Schwangerschaft? "Einmal wollte die Mutter das Kind zuerst nicht anfassen", erzählt sie. "Aber ich hatte das Gefühl, es wäre wichtig, dass sie später ein Foto hat, wo nicht nur der Papa mit dem Kind abgebildet ist." Gedrängt werden die Eltern, in diesem vielleicht schlimmsten Moment, zu nichts. Christiane Cloete macht Vorschläge, sanft, ohne Nachdruck. "Man muss sich dabei vor Augen führen, selbst ein neugeborenes Baby hat normalerweise eine Körperspannung, das fühlt sich ganz anders an."

"Das Thema Tod ist einfach oft unangenehm und wühlt etwas in einem auf."Christiane Cloete


Die Herausforderung ist die Unmittelbarkeit. Die Fotografen vom Projekt Sternenkind treten in einer Situation auf, in der alles noch frisch ist. Ein Kind ist tot. Wie geht es den Eltern? Wie reagiert das Krankenhauspersonal auf sie? Es wird erlebt, was später vielleicht verdrängt wird oder als Trauma bleibt. Dazu kann Christiane Cloete nichts sagen. Wie die Eltern ihre Erfahrung verarbeiten bekommt sie nicht mehr mit. Sie kommt in einem brutalen Moment hinzu, für eine Stunde, um den Eltern etwas zu geben, woran sie sich festhalten können. Auf dass es sie tröstet und sie an einem anderen Tag vielleicht ein gesundes Kind bekommen können. Dem können sie dann das Foto zeigen und sagen: "Schau, du hattest einmal ein Geschwisterchen."

An ihren ersten Einsatz kann sich Christiane Cloete noch sehr genau erinnern. "Ich war sehr nervös und in der Klinik meinte das Personal nur: Wie, Sie wollen das Kind fotografieren?" Auf Unverständnis stößt die Arbeit als Sternenkind-Fotografin genauso oft wie auf Zuspruch. Allein die Möglichkeit, dass ein Baby tot zur Welt kommt, ist für viele Menschen schon so unrealistisch oder verdrängt, dass die Option, dieses Kind zu fotografieren, absurd erscheint. "Das Thema Tod ist oft unangenehm und wühlt etwas in einem auf. Es wäre Arbeit sich damit auseinanderzusetzen. Und wenn man das nicht möchte, sagt man vielleicht lieber: Oh, das ist aber makaber." Für einen solchen Selbstschutz hat sie aber Verständnis.
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Ihre Arbeit für das Sternenkind-Projekt wirkt sich auch auf ihr eigenes Leben aus. Manchmal sei es schwer das Besondere an Alltäglichem zu sehen. "Auch wenn der Kopf weiß, dass ein gesundes Baby keine Selbstverständlichkeit ist, kapiert das Herz es doch erst in der Situation des Mitfühlens purer Verzweiflung", sagt Christiane Cloete, "da geht man nach Hause und umarmt seine Kinder ein bisschen fester."

Für Christiane Cloete ist der Tot etwas Normales

Christiane Cloete ist eine gefestigte Persönlichkeit. Eine von natürlicher Leichtigkeit einfühlsame Stimme, der man zutraut mit der Situation nach der Geburt eines Sternenkindes umgehen zu können. Der Tod ist für sie etwas Normales. So wie man die Sonne dadurch zu schätzen weiß, dass sie nachts verschwindet, so ist es für sie auch mit Leben und Tod. Aber normal ist der Tod für sie auch noch auf eine andere, persönlichere Weise.

Der Tod war seit jeher eng mit ihrem Leben verbunden. Und es waren nicht nur in Würde gealterte Menschen, die gestorben sind. Christiane Cloete verlor vor wenigen Jahren eine Freundin durch Brustkrebs, ein Bekannter verstarb mit 44 Jahren ganz überraschend und als 16-Jährige beging ihr Freund Selbstmord. Bis heute hat sie eine Einstellung entwickelt, die ihr beim Gedanken an den Tod die Verzweiflung fern hält, ohne ihn zu banalisieren. "Ich kann sehen, was aus dieser Erfahrung für mich Gutes entstanden ist und habe meinen Frieden damit gemacht, dass dieser Teil zu meinem Leben gehört."

"Da geht man nach Hause und umarmt seine Kinder ein bisschen fester." Christiane Cloete

Ob ihre Arbeit als Sternenkind-Fotografin ihre eigene Einstellung zum Tod verändert hat? Nein, sagt sie. Der Tod ist für sie ein natürliches Element davon, lebendig zu sein. "Ich glaube an Gott und ein Leben nach dem Tod", sagt Christiane Cloete. Sie glaubt nicht, dass die Menschen in ein absolutes, unendliches, unbegreifliches Nichts hineinfallen. Sterben ist für sie ein Vorausgehen. Und ihre Arbeit als Fotografin von Sternenkindern hat nichts von Schaulustigkeit. Es ist das Festhalten der Beziehung zu einem Kind, dem man eines Tages folgen wird, sagt sie. So sieht sie in ihrer Arbeit die Liebe, nicht nur den Schmerz.
Das Projekt "Dein Sternenkind"

Das Sternenkind-Projekt wurde 2013 von dem Fotografen und Filmemacher Kai Gebel ins Leben gerufen. Über das Krankenhauspersonal oder direkt über die Homepage können Eltern von Sternenkindern einen Fotografen anfordern. Die Zeit, die durchschnittlich zwischen Einsatzanforderung und der Anmeldung des Fotografen im Krankenhaus vergeht beträgt 15 Minuten und In 2018 wurden 1842 Sternenkinder fotografiert, die Prognose für 2019 liegt bei 2500. Die Zahlen steigen also kräftig. Aktuell sind für das Sternenkind-Projekt 620 Fotografen und Fotografinnen aktiv. 365 Tage im Jahr und 24 Stunden täglich. Von den letzten 6000 Einsatzanforderungen konnten alle erfüllt werden, bis auf eine Ausnahme.

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