fudder-Interview

Eine 17-Jährige thematisiert in ihrem Theaterstück die NSU-Prozesse

Julia Stulberg

"Ist der Terror vorbei?" ist ein Theaterstück einer Freiburger Schülerin. In diesem dokumentiert sie am kommenden Wochenende die Leiden der Opferfamilien des NSU Prozesses. Im Interview spricht sie über ihre Intension.

Die 17-jährige Malika Scheller ist gebürtige Freiburgerin und besucht die Freie-Waldorfschule in Rieselfeld. Sie hat sich für die Jahresarbeit der 12. Klasse die NSU-Verbrechen und deren schwerwiegenden Folgen für Opfer und deren Angehörige ausgesucht. fudder hat mir ihr gesprochen.


Die NSU-Verbrechen sind ein sehr ausgefallenes Thema für eine Jahresarbeit in der Schule. Wieso hast Du gerade dieses gewählt, Malika?

Mein Vater hat, seitdem das Thema bekannt wurde, immer wieder mit mir darüber gesprochen. Zunächst hatte ich nicht verstanden, um was es genau geht. Aber als ich alt genug war, ist zum ersten Mal meine heile, kindliche Welt zusammengebrochen. Ich hatte immer das Gefühl gehabt, in Deutschland gäbe es keinen Krieg oder Terror. Es gibt doch die Polizei und den Rechtsstaat, es läuft doch alles gut? Mir wurde aber klar, dass es nicht so ist. Es läuft eigentlich sogar ziemlich viel schief hier.

Wie ging es dann weiter?

Ich fing an, mich mit Freunden über das Thema zu unterhalten und war schockiert, dass sich nur wenige von ihnen tatsächlich damit befassten oder darüber Bescheid wussten. Das hat mich erstaunt. Meine Generation muss sich im Klaren darüber sein, dass Rechtsextremismus noch immer in Deutschland vorhanden ist. Wir sind eventuell die Politiker von Morgen. Ich möchte mit meinem Theaterstück darauf aufmerksam machen, welche Gefahren durch Rechtsextremismus entstehen und dass man dieses Thema auf keinen Fall oberflächlich behandeln oder gar beiseite stellen darf.

Damit hast Du dir eine große Aufgabe aufgebürdet. Wie kamst Du darauf, ein Theaterstück zu schreiben?

Ich bin mit dem Thema auf jeden Fall aus dem System gefallen. Alle Schüler der Waldorfschule schreiben in der 12. Klasse eine Jahresarbeit. Man wählt ein Thema und fertigt dazu eine theoretische Arbeit an. Bei mir war es jedoch ein bisschen anders. Ich musste zwar auch eine theoretische Arbeit abgeben, aber mein Augenmerk lag auf dem Schreiben des Theaterstückes. Seit ich zehn bin, stehe ich auf der Bühne und seit einigen Jahren spiele ich beim Stadttheater. Jetzt wollte ich mal Erfahrungen hinter den Kulissen sammeln. Die Jahresarbeit war also die perfekte Möglichkeit, mich daran zu wagen.

Wie hast Du dich in dieses umfangreiche Thema eingearbeitet?

Das ganze letzte Jahr habe ich mich intensiv mit den NSU-Verbrechen, der Situation der Opfer und deren Angehörigen befasst. Ich habe unzählige Bücher und Prozessprotokolle gewälzt und Dokus angesehen. Außerdem habe ich mich mit den Ermittlungen der Polizei und dem Verfassungsschutz auseinandergesetzt. Bin drei mal zu den Prozessen nach München gefahren, um die Stimmung vor Ort zu erleben und einfangen zu können. Ein Nebenklageanwalt hat mir sogar die Powerpoint-Präsentation seines Plädoyers zu den Tätigkeiten des Verfassungsschutzes zur Verfügung gestellt. Diese wird in gekürzter Form auch auf der Bühne gezeigt.

Du warst sogar bei den Prozessen in München? Wie war es vor Ort?

Am Tag der Urteilsverkündung war ich auch da. Dieser Tag wird im Stück skizziert, denn ich war schockiert, was da passiert ist. Im Gerichtssaal saßen eine Menge Anhänger des NSU. Diese applaudierten nach der Urteilsverkündung. Ich fand es schrecklich, wie man sich so gegenüber den Angehörigen der Opfer positionieren konnte. Sie haben mir das Gefühl gegeben, als hätte der Rechtsextremismus gewonnen. Was ein Rückschlag! Die Opfer und deren Angehörige dürfen nicht vergessen werden.

Hast ausschließlich Du an diesem Stück gearbeitet?

Nein, ein paar Theaterpädagogen und Regisseure des Stadttheaters haben das Stück Korrektur gelesen. Sie gaben mir Impulse und Verbesserungsvorschläge. Da hatte ich wirklich Glück, denn das hat mir total geholfen. Außerdem habe ich noch eine Lehrerin, die mich bei diesem Projekt begleitet hat.

Wie wird dein Theaterstück umgesetzt? Was kann dein Publikum erwarten?

Ich möchte dem Rechtsextremismus keine Plattform geben. Es wird zwar um die Verbrechen des NSU und die dazugehörigen Prozesse gehen, aber mein Augenmerk liegt auf den Opferfamilien. Ich möchte die schwerwiegenden Folgen für die Angehörigen der Opfer darstellen, die diese durch die Taten der NSU erlitten haben. Es geht um die Erlebnisse von drei Familien. Diese stehen stellvertretend für alle Opfer der Verbrechen und deren Angehörige. Ich möchte ihrem Leid eine Stimme geben: Eine Plattform für die Lebensgeschichte dieser Menschen.

Der Titel des Stückes ist sehr reißerisch. Was möchtest du damit erreichen?

Ich habe extra eine Frage gewählt. Wenn man den Titel auf Plakaten liest, führt es direkt dazu, dass man sich mit dem Thema auseinander setzt. Was meint sie damit? Um was geht es da? Finde ich, dass der Terror vorbei ist? Ich will mit der Frage die Menschen zum Denken anregen. Deshalb bieten wir nach dem Stück eine Diskussionsrunde an. Man sollte mit so einem emotional belasteten Thema nicht allein gelassen werden. Ich würde mir wünschen, dass die Zuschauer somit für sich selbst eine Antwort auf die Frage finden können.

Dein Theaterstück ist keine One-Woman-Show. Wie ist dein Team so?

Die Crew ist wunderbar und wird das ganz super meistern. Wir haben sehr viel geprobt! Die Schauspieler sind alle Schüler. Manche aus meiner Schule, andere aus der Waldorfschule in Sankt Georgen. Ein paar Darsteller habe ich über die Statistenkartei des Stadttheaters gefunden. Alle haben sich unglaublich viel Zeit genommen, um mit mir dieses Projekt auf die Beine zu stellen und sich mit diesem speziellen Thema auseinanderzusetzen. Ich bin sehr dankbar und hoffe, dass sie nicht vor einem leeren Saal stehen werden.
  • Was: Das dokumentarische Theaterstück "Ist der Terror vorbei?"
  • Wann: Freitag, 5. April und Sonntag 7. April jeweils um 20 Uhr
  • Wo: Im Saal der Freien- Waldorfschule Freiburg- Rieselfeld (Ingeborg-Drewitz-Allee 1)
  • Kosten: Eintritt frei