Ein Tag im Aufzug

Felix & Markus Berger

Was erlebt man, wenn man einen Tag lang Liftboy ist? Rauf und runter, in Weingarten, im Kaganturm, im KG III, am Greiffenegg Schlössle? Wie verhalten sich Menschen in den winzigen Fahrkabinen? Felix Lampe mit einer vertikalen Reportage. Fotos: Markus Berger



Weingarten, Krozingerstrasse 78

Mit zwanzig Stockwerken gehört dieser Wohnklotz wohl zu den höchsten Häusern Freiburgs. Gleich zwei Fahrstühle warten hier auf treppenfaule Beine. Ich öffne eine der Stahltüren, die an Kühlhäuser erinnern und beginne meinen Tag im Fahrstuhl mit einer Fahrt in den zwanzigsten Stock. Ich hatte eine Kabine voller Tags erwartet, kann aber keine Eddingspuren entdecken.

Gemächlich klettern die roten Leuchtziffern auf dem Display über der Tür. Oben angekommen erschreckt der unvermittelte Ausblick über Freiburg. Ein Gitter hinter einer Glastür unterstreicht die Höhe: offensichtlich eine Suizidverhinderungsvorrichtung.

Ein älterer Mann kommt aus einer Wohnung, man nickt sich zu und ich nutze die Chance zu einer gemeinsamen Fahrt. Sein scharfes Eau de Toilette füllt den Fahrstuhl, es raubt mir fast den Atem. Bei zwanzig Stockwerken ist Luftanhalten zwecklos. Ich grinse verkrampft, seine Miene bleibt reglos. Im Erdgeschoss nehme ich den anderen Aufzug mit einer Mutter und ihrem Sohn wieder nach oben.

Sie wollen in den neunten Stock, wo eine Frau mit Kopftuch zusteigt. Sie fährt mit mir hoch, anscheinend kennt sie da jemanden. Ganz so anonym kann es hier also nicht zugehen. Wir sind alleine im Aufzug und blicken betreten zu Boden. Im Geist notiere ich: die Schwere des Schweigens steigt proportional zu der Zahl der erklommenen Stockwerke.



Bei meiner nächsten Fahrt hinab steigen auf der sechzehnten Etage zwei Jungs ein, etwa vierzehn Jahre alt. Sie haben Basketbälle unterm Arm. Plötzlich fängt einer der beiden an, seinen Ball zu tippen. Die Kabine scheppert. Das gefällt dem anderen, der gleich mitmacht. Sofort habe ich Bilder eines abstürzenden Aufzugs vor Augen. Aber ich sage nichts, täusche Coolness vor.

Der Aufzug schleicht. Die Lüftung muss alt sein, ich schwitze.



Kagan-Tower, Bismarckallee 9

Hier, am Bahnhof, habe ich ein ähnlich hohes Gebäude vor mir. Jetzt ohne Wohnungen, dafür voller Büros. Ganz oben, im letzten Stock befindet sich das Kagan, halb Disco, halb Lounge. Auch hier zwei Aufzüge, von denen einer eine Glaswand aufweist. Sie gewährt dem Fahrstuhlfahrer einen aufsteigenden Blick über die Dächer Freiburgs. Ideal für Klaustrophobiker. Der andere, geschlossene Aufzug steht den Menschen mit Höhenangst zur Verfügung. Deutlich spürt man die Beschleunigung des Fahrstuhls. So schnell ist er, dass ich Druck auf den Ohren bekomme. Es handelt sich eben um ein Geschäftsgebäude, in dem Zeit vermutlich Geld sein soll.

Im achtzehnten Stock werfe ich durch die Glastür einen Blick ins Kagan. Keine Party, nichts los. Also wieder runter. Im siebzehnten Stock steigt eine Frau im Business-Outfit ein. Auch bei den nächsten drei Etagen kommen Leute hinzu. Anscheinend geht es der Frau nicht schnell genug. Jedes mal drückt sie auf eine Taste, woraufhin sich die Fahrstuhltür sofort schließt. Ihre Zeitersparnis beträgt pro Schließvorgang ungefähr eine Sekunde.



Als alle ausgestiegen sind, entdecke ich ein Schild: Videoüberwachung. Ich suche die Decke ab, aber eine Kamera ist nirgends zu sehen. Die Tür ist im Begriff, sich zu schließen, da betritt eine hübsche junge Frau das Gebäude. Reflexartig stecke ich meine Hand in den Türspalt. Obwohl die Lichtschranke die erneute Öffnung veranlasst, tue ich so, als schöbe ich die schwere Stahltür beiseite. Sie bedankt sich für meinen Einsatz und lächelt. Um anzugeben, drücke ich auf den Knopf für den achtzehnten Stock. Ich stelle mir vor, dass der Aufzug stecken bleibt. Ich würde dann ganz locker bleiben, ihr eine Zigarette anbieten. Dann würde ich die Decke öffnen, wie man das aus Filmen kennt, und heldenhaft in den Fahrstuhlschacht klettern, um uns zu retten.

Es ruckt. Ich schaue aus meiner Phantasie auf. Da ist sie schon ausgestiegen und hinter einer Bürotür verschwunden.



KG III, Werthmannplatz 3

Das KG III der Universität hält für lächerliche fünf Stockwerke ganze drei Aufzüge parat. In den Türen vor den eigentlichen Fahrstuhltüren befinden sich runde Fenster, die an Bullaugen eines Unterseeboots erinnern. Mit einer Gruppe Studierender, die sich angeregt unterhält, warte ich auf den nächsten Aufzug.

Schlagartig verstummt das Gespräch, als wir einsteigen. Erst im zweiten Stock beginnt einer der vier wieder zu reden. Aber langsam und stockend, so als bräche er ein Gesetz. Beim Aussteigen verschafft er sich Luft mit ausholenden Gebärden, um einige Augenblicke später seine vormals
angeregte Sprechweise wieder aufzunehmen.



Die nächsten beiden Male fahre ich allein. Dann steigt auf einmal einer meiner Professoren ein. Aus unerfindlichen Gründen war er nie sonderlich gut auf mich zu sprechen. Der objektive Blick des Feldforschers, dem meine Fahrstuhlbeklemmung im Laufe des Tages gewichen ist, ist mit einem Mal weg.

Ich grüße, er knurrt. Als sich nach zwei entsetzlich langsamen Stockwerken die Fahrstuhltür öffnet, ist das wie ein Aufatmen nachdem man lange getaucht ist.



Greiffenegg Schlössle, Schlossbergring 3

Ein Aufzug für nur ein Stockwerk, ein ungefähr drei normale Stockwerke hohes Stockwerk, das ist der Aufzug am Schlossberg zum Greifenegg Schlössle. Wer
ihn benutzt, ist entweder invalide oder faul. Führt doch ein zwar steiler, aber kurzer Fußweg zum Restaurant. Ich überlasse einer Gruppe Rentner den
Vortritt. Dann fahre ich mit zwei jungen Männern, die Sixpacks dabei haben,
hoch.

Der Aufzug rumpelt. Die Kabine ist eng und dunkel. Der Zustand der Sprechanlage beunruhigend. Auf einem kleinen Schild lese ich die zulässige Traglast ab: 600 Kg oder acht Personen. Nach einigen umständlichen Rechenoperationen komme ich zu dem Ergebnis, dass der Deutsche im Durchschnitt 75 Kg wiegt. Das ist nicht wenig.

Unten warten zwei Pärchen, offensichtlich Schüler. Der eine Junge hat sein Handy laut gestellt, irgendein scheppernder Hip-Hop Song. Keine konventionelle Fahrstuhlmusik, denke ich, aber immerhin. Runter geht’s mit einem Mann mit Kinderwagen.



Jetzt erst fällt mir der Spiegel auf, der der optischen Vergrößerung des Raumes dient. Oder der Überprüfung der Frisur. Gleichzeitig aber erschwert er das Ausweichen vor dem Blick des Anderen, den er verdoppelt. Er macht einem die peinliche Situation, in der man ohnehin schon steckt, noch einmal auf schamlose Weise bewusst. Da hilft nur der Blick zu Boden.

Die nächste Fahrt wird wieder von Rentnern bestritten. Einer von ihnen spricht mich an. In meinem Alter müsste man doch usw. Ich nicke schuldvoll, habe ich diesen Aufzug doch schon immer gerne in Anspruch genommen.