Ein Tag als ZMF-Roadie

Felix Lüttge

Kein Konzert läuft ohne sie und jeder Konzertbesucher bekommt sie vor der Band zu sehen. Sie sagen "One-two-one-two" ins Mikrophon und wenn sie besonders kreativ sind, auch schon mal "Starfucker". Sie stimmen die Gitarren und schleppen die Verstärker. Sie staubsaugen aber auch mal die Bühne. Die Roadies. Felix durfte gestern auf dem ZMF mitschleppen und hat auch noch etwas über den Stuhlgang von Stars gelernt.


Heute darf ich auf dem ZMF der Crew vom Actionzelt behilflich sein. Karola, Backstage-Manager des Actionzelts, heißt mich willkommen und führt mich in den Backstagebereich. Klingt gut, oder? Tatsächlich ist der Backstage-Bereich der Actionbühne ein Garten-Pavillon, der mit grünem Rasenteppich ausgelegt ist.

Auf einem grau-lila Sofa dort liegt Lukas, der Stage-Manager. Auf einem Sessel sitzt Martin, der fürs Licht zuständig ist. Lars, der Tontechniker, kommt aus dem Zelt und setzt sich ebenfalls. Karola nimmt auf einem Kanapee Platz, das mit einem rosa Pornofell überzogen ist. In der Mitte steht ein türkiser Tisch mit Aschenbecher. Lukas und Martin tragen blonde Ziegenbärte, einer beschwert sich beim andern, dass seine Füße stinken.



Lukas werde ich heute bei seiner Arbeit unterstützen. Als Stage-Manager ist er dafür zuständig, dass auf der Bühne alles funktioniert. Nix mit Schreibtisch und so, Lukas ist ein Anpack-Manager.
Da die Stagecrew des Actionzeltes so klein ist, machen aber sowieso alle von allem ein bisschen. Nur Lars lässt sich in seinen Sound nicht hineinreden. Das versucht aber auch keiner.

Im Zelt läuft eine CD, ich glaube Billy Talent erkennen zu können, Lukas hätte es gern ein wenig lauter. Wie ist das denn mit dem Kinderprogramm? Karola fragt über Funk nach. Antwort: "Ab 14.30 Uhr haben wir auf dem Gelände no noise." Zwanzig Minuten haben wir also noch.
So lange dauert aber die Pause nicht mehr. Lukas verschwindet im Container neben dem Pavillon und sagt dabei: "Ich bin jetzt mal ganz asozial zu dir und sag: Hier ist der Staubsauger." Das gehört auch zu den Pflichten der Actionzelt-Crew: den Backstagebereich und die Bühne sauber halten. Ich sauge also den Pavillon und die beiden Container, in denen auch noch mal je ein Sofa stehen und die Raum zum Entspannen für Crew und Band bieten, und die Bühne.

Der Drumriser auf der Bühne, das ist das Podest auf dem das Schlagzeug steht, ist auch mit grünem Rasenteppich belegt und mit weißem Tape hat jemand die Linien eines Fußballfeldes darauf geklebt.



Nachdem die Bühne sauber ist, wird aus dem Spiegelzeit ein Schlagzeug für die Band Finckh besorgt, denn die können keines mitbringen. Danach sagt Lukas: "Ich leg mich jetzt mal dahin und pass auf, dass ich die Band nicht verpass." Warten im Pavillon auf Rahel Kraska und Band. "So ist das mit den Stars", sagt Martin, als klar ist, dass die Band nicht wie verabredet um drei, sondern erst um halb vier kommt.

Auf unserem Plan steht: Soundcheck mit der Kraska-Band, die PA-Anlage, das sind die Lautsprecher und die Verstärker, von der Bühne im Zelt auf die Bühne vor dem Zelt umabauen, Soundcheck mit Finckh, Konzert von Finckh, die PA-Anlage von der Bühne vor dem Zelt auf die Bühne im Zelt umbauen, DJ-Pult Backstage aufbauen, Konzert von Rahel Kraska, DJ-Pult auf die Bühne tragen, Konzert vom DJ, DJ-Pult abbauen.



Puh.

"Der Ablauf des Soundchecks ist genau andersrum als der der Konzerte", erklärt mir Lukas, "damit die zweite Band gleich alles stehen lassen kann." Ich erinnere mich, das schon mal gehört zu habe, hatte es aber längst wieder vergessen.
Beim Soundcheck für Rahel Kraska darf ich einige Sachen verkabeln – und verkabele natürlich prompt falsch. Der Fehler ist nicht groß und schnell behoben, aber ich habe fortan Sorge, dass irgendwann, mitten im Konzert der Band, ein GAU passiert und ich daran schuld bin.



Lars ärgert sich beim Soundcheck über die schlechte Akustik im Zelt und die Band will mehr Zeit, als sie haben kann. Wir müssen ja noch umbauen und eine weitere Band checken.
Auch während der Konzerte ist Lars nie mit dem Sound zufrieden. Das Zelt wirft zu viel Hall zurück, ein Keyboarder hat irgendwas mitgebracht, das irgendeinen Sound vermatscht. Den Hall kann ich noch wahrnehmen, aber der Rest sind Feinheiten, für die mein Ohr nicht geschult ist.

Nach Rahels Soundcheck bauen wir die Bühne vor dem Zelt auf, auf der Finckh spielen sollen. Zu dritt werden die beiden Boxentürme ab- und wieder aufgebaut. Beim Schieben der Boxen durch den Kies vor dem Zelt wundere ich mich, wieso das Martin so viel leichter fällt als mir.



Beim Abendessen  im Catering-Zelt drehen sich die Gespräche zwischen Lars und Lukas auch nur um Sound. Ein ScanCommander, die Stand-Tom kriegt nachher auch ein SM-57. Whatever, ich versteh jedenfalls kein Wort.

Die Bühne ist aufgebaut, der Soundcheck mit Finckh unkomplizierter als der mit der Kraska-Band über die Bühne gegangen. Ich habe wieder etwas gut gemeint, aber leider zu früh verkabelt.
"Warten wa ma wieder", sagt Lukas und wir fläzen uns wieder in die Sessel und Sofas. Einer von der Zirkuszelt-Crew kommt vorbei und hat "ganz großes Kino" zu berichten: "Die Crew von Jan Delay will nicht auf unseren Klos scheißen. Der Busfahrer ist sauer, weil die jetzt alle in den Tourbus kacken."

"Ist das immer so entspannt?", frage ich Lukas und meine die Roadie-Arbeit. "So entspannt ist es eigentlich gerade gar nicht", sagt er. Von Hektik kann ich aber nichts bemerken. "Ja klar, wir sind immer ruhig" sagt Lukas.



Vom Stress bekomme ich erst nach dem Auftritt von Rahel Kraska und Band etwas mit. Der DJ soll so schnell wie möglich anfangen, denn der tanzenden Menge muss Nachschlag geboten werden. Die Pause darf gerade mal zu Erholung des Publikums reichen, langweilig darf ihm nicht werden. Also schnell das DJ-Pult auf die Bühne und den letzten Rest verkabeln, dieses Mal mache ich keinen Fehler. Der DJ beginnt schon, während Lukas, Lars und ich noch Kabel kreisen und die Bühne von Mirkophonstativen befreien.

Dann heißt es im FOH (das steht für Front of House und ist das, wo Licht- und Tontechnik untergebracht sind, gegenüber der Bühne) präsent sein, für den Fall, dass etwas schief läuft oder die Leute sich nicht zu benehmen wissen. Dafür haben wir zwar Security, aber den müssen wir auch erst bescheid sagen.
Währenddessen kommt Lukas mit vier Bier in der Hand aus dem Backstage-Bereich. Auch Karola holt, kurz vor Ende des Sets, nochmal ein Bier für jeden.

Um zwei Uhr morgens wird der DJ seine Platten einpacken und die Zuschauer werden ins Spiegelzelt geschickt werden, wo noch aufgelegt wird. Das erlebe ich aber nicht mehr, denn um zehn vor zwei setze ich mich in ein Taxi und lasse mich heimfahren. Karola und ihre Crew werden bestimmt nicht vor drei ins Bett kommen. Ich wünsche Ihnen, dass sie morgen später anfangen müssen zu arbeiten, als ich.

Was habe ich heute bei der Actioncrew gelernt? Zum Beispiel, dass man Squashbälle zwischen die Tischplatte und die Platte, auf der das DJ-Pult liegt, legt, um Vibrationen abzufedern. Oder das man eine Anlage am besten zu Within Temptation einstellt. „Die klingen so matschig, wenn man damit ne Anlage einstellt, stimmt’s." Oder dass es Stecker gibt, die Männchen heißen "Weil: schon klar, Schwänzchen, Männchen." Aber ob ich das so richtig verstanden habe, weiß ich nicht.