Ein Stück Kultur in Freiburg stirbt: Bahnweg 6 wird abgerissen

Dominik Schmidt

Freiburg liebäugelt damit, sich als Kulturhauptstadt 2020 zu bewerben. Man möchte kulturell aufrüsten, dafür stehen größere Projekte zur Diskussion: Alte Lokhalle am Güterbahnhof, Renovierung des E-Werks, alte Stadthalle am Messplatz. Währenddessen stirbt eine kleine kulturelle Keimzelle am Bahnweg, weil die Breisgaumilch mehr Platz braucht.



Oft sind es verlassene Hinterhöfe, ehemalige Industriehallen oder leerstehende Bahnhofsgebäude, die das kreative Gesicht einer Stadt prägen. Kreative zieht es an solche Orte: Niedrige Mieten, niemand fühlt sich gestört, dabei meist zentral gelegen mit genügend Platz. Eine kreative Keimzelle, genau das was eine Stadt benötigt, wenn sie mit einem Auge in Richtung Kulturhauptstadt 2020 schielt.


Bahnweg 6, direkt an den Gleisen hinter dem Betriebsgelände der Breisgaumilch, ist solch ein Ort. Oder besser gesagt: er war es. Denn das Gebäude soll abgerissen werden.

Matthias Oberle ist ein Macher. Zwei Geschäfte leitet er in der Innenstadt (unter anderem das „Still Ill“), er will etwas bewegen und so nutzte er auch 2001 die Gelegenheit beim Bahnweg 6. Eine Heizungsfirma zog aus dem Gebäude aus. Das 1.200 Quadratmeter große Areal der Breisgaumilch suchte einen neuen Mieter und fand ihn mit Oberle.

„Es ist einfach ein hammer Gelände“, schwärmt Oberle, der die Miete gemeinsam mit verschiedenen Untermietern stemmt. Darunter die Schreinerei „Holzkantine“, verschiedene Bands, die Übungsräume anmieteten, Ateliers und ein Plattenladen für Reggaeliebhaber. Theateraufführungen, Streetart, Parties, all das fand Platz im Bahnweg.



2400 Euro Kaltmiete wurden jeden Monat an die Breisgaumilch überwiesen. Der Plan war, die Miete zu decken. Gewinn wurde keiner angestrebt, der Plan ging auf. „Wir hatten ein gutes Verhältnis mit dem Vermieter, es gab nie Probleme.“

Im April 2009 kündigte dann die Breisgaumilch den Mietvertrag wegen Eigenbedarf. Ein Jahr Zeit für die Mieter, eine neue Bleibe zu finden. „Es war immer im Hinterkopf, dass das passieren kann. Wir hatten eine Kündigungsfrist von einem Jahr im Vertrag stehen." Dennoch fällt es Oberle schwer, den Bahnweg abzuhaken. Besonders, weil seine Untermieter nicht ohne Weiteres eine Alternative finden werden.

Bandproberäume in der Innenstadt sind Mangelware. Mietraum wird knapper und die Preise steigen entsprechend. „Die Situation in Freiburg ist nicht gut“, bestätigt der stellvertretende Leiter des Kulturamts Freiburg, Udo Eichmeier. Es sei aber auch kein Problem, das nur in Freiburg bestehe. Allerdings verschärfen Ereignisse wie der Abriss des Bahnwegs die Notlage. Eichmeier fordert eine Gesamtstrategie der Stadt, denn alles, was die Stadt Freiburger Bands zum Proben anbieten kann, ist das Kunsthaus L6 in Zähringen und Räume im Kepler-Gymnasium. „Etwa 20 Bands können wir so unterbringen. Wir können uns die Proberäume aber auch nicht aus dem Ärmel schütteln“, konstatiert Eichmeier.



„Milch im Kreis fahren für rechts- und linksdrehende Milchkulturen, oder was?", so das erregte Statement von Peter Strobel, Schlagzeuger der Band „Pandora’s Ball“, als er erfährt, dass das Gelände eventuell als Rangierbereich von der Breisgaumilch genutzt werden soll und die Band den Proberaum aufgeben muss. Was genau mit dem Gelände passieren wird, ist noch nicht sicher. Sicher ist, dass der Abriss des Bahnwegs dem Wachstum und der logistischen Optimierung der Breisgaumilch geschuldet ist, bestätigt Heinz Kaiser, Prokurist für den Bereich Landwirtschaft und Logistik der Breisgaumilch, gegenüber fudder. „Primär wird die logistische Lagerfläche für Leergut erweitert.“

Man habe Verständnis für die Situation der Mieter, so Kaiser, „aber wir sind einfach eingeengt und haben kein alternatives Gelände mehr.“ Formal korrekt und mit Einhaltung der Kündigungsfrist wurde somit Oberle vor knapp einem Jahr gekündigt, nachdem eine externe Firma die logistischen Abläufe untersuchte und zu diesem Schritt riet. Die Konsequenz wird der Abriss des Gebäudes sein, die Arbeiten dafür haben bereits begonnen. Die Mieter müssen bis zum 31. Mai raus.



Die Schreinerei „Holzkantine“ hat bereits neue Räume gefunden. Auch für Ateliers sieht es allgemein gut aus, bestätigt Eichmeier vom Kulturamt: „Räume für Ateliers sind in Freiburg einige geschaffen worden, zum Beispiel im E-Werk oder in der KTS.“ Für Bands sieht es nicht gut aus, „es sind auch manchmal nicht gerade lukrative Mieter und hinzukommt die Lärmproblematik.“ Auch die hoffentlich baldige Wiedereröffnung des Jugendzentrums „Z“ wird nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein.

Im Juni soll im Kulturausschuss des Gemeinderats über die Problematik gesprochen werden, versichert Eichmeier. Er selbst bezweifelt aber, dass kleinere Projekte von den Bewerbungsfantasien für den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2020 profitieren können. Platz scheint in Freiburg immer mehr nur noch für die großen, repräsentativen Kulturprojekte zu sein.

All das wird dem Bahnweg 6 nicht mehr helfen, wenn Ende Mai die Lichter endgültig gelöscht werden und die Milchkulturen ihre Runden auf dem Gelände drehen.

Mehr dazu: