Ein schwangerer Teenie und eine kleinwüchsige Nutte: Interview mit Dries Verhoeven, Erfinder der provozierenden Kunst-Box

Martin Herceg

Ein schwangerer Teenie, eine kleinwüchsige Hure und ein schwarzer Mann in Fesseln: Mit dem Performance-Projekt Ceci n’est pas hat der niederländische Künstler Dries Verhoeven in Freiburg provoziert. Welche Idee hinter der Box steckt, erklärt er im Interview:



Seit einer Woche steht deine Performance-Box in der Freiburger Innenstadt – und sie ist zum Stadtgespräch geworden. Ist das was du willst, dass die Leute darüber sprechen?

Ja, ich glaube meine Kunst hat das Potential die Menschen einer Stadt in Kontakt miteinander zu bringen, sie dazu zu bringen über Missstände in der heutigen Gesellschaft zu diskutieren. Die Box ist vergleichbar mit einem Baum auf einem mittelalterlichen Marktplatz, an dem sich alle Bevölkerungsschichten versammeln. Ich hoffe, mit dem Projekt nicht nur die kunstvertraute Freiburger Mittelschicht zu erreichen, sondern auch Menschen, die nicht regelmäßig mit Kunst und Theater konfrontiert werden – Leute eben von der Straße.

Das kann durchaus zu Missverständnissen führen, oder?

Natürlich, das ist mir bewusst. Aber es ist mir wichtig Performance-Kunst aus ihrem hermetisch abgeriegelten Raum zu befreien und zurück in die Mitte der Gesellschaft zu bringen.

Helsinki, Freiburg, Vancouver: Ceci n’est pas ist in vielen Städten auf der Welt zu sehen. Gibt es einen Unterschied bei den Reaktionen zwischen den Menschen aus einer Weltmetropole und einer verhältnismäßig kleinen Stadt wie Freiburg?

Klar, die Menschen in Weltstädten reagieren oft gleichgültiger. In kleineren Städten sorgen man sich viel mehr um das, was im Kasten zu sehen ist. Da entsteht dann viel mehr das Bedürfnis beim Publikum seine Gedanken auszudrücken und über das Gesehene zu sprechen. In Freiburg kommen viele Menschen sogar täglich gezielt zur Box, um zu sehen was heute ansteht, das ist wirklich außerordentlich.

Nachdem am Sonntag ein Schwarzer gefesselt an einer Leine in der Box akrobatische Übungen vollführt hat, gab es Applaus. Eine angemessene Reaktion?

Ich will ja nicht meine Weltsicht darstellen. Es geht mir viel mehr darum den Zuschauer in Kontakt mit sich selbst zu bringen. Bei Ceci n’est pas geht es in erster Linie um den Betrachter selbst, um seine Reaktion. Durch die harte und spontane  Konfrontation mit verwirrenden Bildern, will ich beim Zuschauer eine Mitschuld wecken. Und ihn vor die Frage stellen: Bleibe ich jetzt hier stehen, applaudiere ich für eine menschenunwürdige Performance oder gehe ich einfach weiter?

Wie kamst du auf die Idee zur Kunst-Box?

Mir fiel irgendwann auf, dass wir öffentliche Plätze immer steriler und sauberer machen. Das, was wir auf der Straße sehen, hat nichts mehr damit zu tun, was wir eigentlich sind. Öffentlich ist das, was wir für normal halten. Dazu kommt das Internet: Seitdem wir online extreme Versionen von uns selbst austoben können, wird es auf den Straßen in der realen Welt immer spießiger und prüder. Indem ich extreme Ausnahmen von der Regel zeige, wie schwangere Teenager oder körperlichen Kontakt zwischen Vater und Tochter, will ich die Regel in Frage stellen.

… und provozieren. Wurdest du schon dazu gezwungen deine Performance zu stoppen?

Nein, bislang habe ich Ceci n’est pas überall durchziehen können, trotz teilweise großer Proteste.

In Freiburg haben in den vergangenen Tagen viele Menschen bei der Polizei angerufen wegen der Box, kommt das öfter vor?

Ja, das ist schon ein paar Mal vorgekommen. Wenn Menschen von dem was sie sehen verwirrt sind, versuchen sie oft diese Verwirrung zu unterdrücken und rufen dann eben beispielsweise die Polizei an. Ich glaube, das ist ein Verteidigungsmechanismus. Nach ein paar Tagen legt sich das aber meistens wieder und die Menschen werden zugänglicher für das, was da in der Box passiert.

Bezahlst du deine Künstler für ihren Fünf-Stunden-Auftritt  in der Box eigentlich vernünftig?

Vernünftig ist relativ. Die Performer bekommen pro Auftritt 300 Euro. Das ist allerdings nur eine kleine Aufwandsentschädigung. Viele der Performer machen das, weil es ihnen ein besonders Anliegen ist, auf ihre angebliche Anormalität aufmerksam zu machen.

Wie steht‘s um die Technik in der Box. Es ist Winter – gibt’s seine Heizung?

Die Box ist mit einer Menge High-Tech ausgestattet. Der Bau alleine hat mehr als sechs Wochen gedauert. Es gibt sowohl eine Heizung, als auch eine Klimaanlage. Das ist auch dringend notwendig: Wenn du beispielsweise im Winter in Skandinavien stehst, wäre das anders gar nicht möglich. Außerdem ist auch eine Toilette mit an Bord.

Was verdienst du als Künstler und Ideengeber bei so einer Performance?

Ich werde nicht dafür bezahlt. Nur die Leute, die wirklich körperlich anwesend sind erhalten Geld. Bei mir geht’s um Ruhm und Ehre.

 

Zur Person


Dries Verhoeven
wurde 1976 in der 50.000 Einwohner-Stadt Oosterhout in den Niederlanden geboren und lebt heute in Amsterdam. Er ist ein Theater-Regisseur, Bühnenbildner und Visual-Artist. Er entwirft seit 2002 eigene Installationen und experimentelle Inszenierungen, die auf internationalen Festivals gezeigt werden. 2009 erhielt er für seine Hotel-Installation YOU ARE HERE den "Young Directors Award" der Salzburger Festspiele. Seine Performing-Box "Ceci n'est pas..."  stellt Verhoeven seit 2013 an öffentlichen Plätzen in Städten überall auf der Welt aus. Nach dem Einsatz in Freiburg wird die Box nach Vancouver (Kanada) transportiert.













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[Foto: dpa/Martin Herceg]