Ein Schuljahr mittwochs Praktikum: "Das Praktische ist für viele der richtige Weg"

Carolin Buchheim

Mittwochs gehen die Schülerinnen und Schüler der achten Klasse der Grund- und Hauptschule Winden im Elztal nicht zur Schule. Doch hier wird nicht routinemäßig geschwänzt: Stattdessen wird gearbeitet. "Praxiszug" nennt man diese Berufsförderungsmaßnahme, die es in Winden bereits seit zehn Jahren gibt und die nun landesweit in Hauptschulen eingeführt werden soll. fudder hat mit Schulleiter Michael Lichtenegger über den Praxiszug gesprochen.

  

Herr Lichtenegger, was ist an ihrer Schule anders als an anderen Hauptschulen?

Den so genannten Praxiszug, den das Kultusministerium gerade landesweit in allen Hauptschulen einführt, gibt es an unserer Schule bereits seit mehr als zehn Jahren. Damals habe ich über das vierzehntägige Praktikum in der achten Klasse nachgedacht, das seit über zwanzig Jahren der Standard war, und ich fand, das sei einfach zu wenig. Ich habe dann mit den zuständigen Berufsschulen und einigen Firmen gesprochen und angefangen, Kontakte zu knüpfen. Und so haben wir bei uns eine Form des Praxiszugs eingeführt, bei der unsere Achtklässler mittwochs nie in der Schule sind. Am Anfang war das eine Versuchsphase, jetzt ist das bei uns fest installiert und die Schülerinnen und Schüler sind das gesamte Schuljahr über jeden Mittwoch in Betrieben.

Welche Betriebe sind das typischerweise?

Das sind vor allem Betriebe hier im Tal, allerdings ganz unterschiedliche, quer durch alle Sparten. Alle Schüler müssen über das Schuljahr zu vier Betrieben unterschiedlicher Fachrichtungen, in denen es Lehrberufe gibt. Sie können also nicht vier Mal zum Schreiner gehen. Die Schülerinnen und Schüler suchen sich die Stellen normalerweise selber, das gehört zu unserem Projekt dazu. Sollte das mal nicht klappen, dann können wir auf unsere bisherigen Kontakte zurückgreifen und für den Schüler oder die Schülerin eine Verbindung herstellen. Inzwischen läuft das alles aber längst automatisch. Die Eltern bekommen in der siebten Klasse einen kleinen Vortrag vom Klassenlehrer, der eigentlich gar nicht mehr nötig ist, denn die Eltern unserer Schülerinnen und Schülern wissen natürlich, was da kommt und sind sehr interessiert daran.

Wie viele Unternehmen nehmen Schüler auf?

Im Moment haben wir 17 Achtklässer, und wenn jeder vier Betriebe über das Jahr besucht, braucht man einige, selbst wenn manche Schüler das Gleiche machen. Es ist uns übrigens sehr wichtig, dass die Betriebe unseren Schülern nichts bezahlen, denn sobald ein Schüler hört, dass es irgendwo Geld gibt, dann geht er dort hin, nicht aus Interesse, sondern allein wegen des Geldes.

Was sind die beliebtesten Berufe?

Bei den Jungs kommen KFZ-Mechatroniker und Schreiner gut an, bei den Mädchen ist der Kindergarten gefragt. Wir müssen natürlich auch aufpassen, dass sie sich keine Betriebe aussuchen, die mittwochsnachmittags geschlossen haben.

Also keine Arztpraxen?

Arztpraxen haben wir auch dabei, doch, aber das gehört nicht zu den beliebtesten Berufen, denn das Problem ist natürlich für die Hauptschüler, dass sie da in der Regel nicht direkt hinkommen, sondern einen Umweg über ein oder zwei weitere Jahre Schule nehmen müssen, um erst einen Realschulabschluss zu bekommen. Das gilt für den Kindergarten übrigens auch.

Wie profitieren ihre Schülerinnen und Schüler vom Praxiszug?

Der Praxiszug hat natürlich den riesigen Vorteil, dass sich im Laufe des Schuljahrs sehr enge Kontakte zwischen den Schülerinnen und Schülern und den Betrieben entwickeln. In den ausführlichen Bescheinigungen, welche die Betriebe den Schülern nach dem Ende ihrer Zeit ausstellen, kann man oft lesen, dass sie sich doch bitte melden sollen, wenn sie mit der Schule fertig sind. Und das ist natürlich toll. Auch Schüler, die in der Schule eher schwierig sind, kommen im Betrieb oftmals total super klar.

Woran liegt das?

Ganz genau weiß ich das nicht. Es besteht natürlich ein großer Unterschied zwischen der überwiegend theoretischen Instruktion, die sie hier bei uns an der Schule erhalten, und dem, was sie in einem Betrieb praktisch machen können. Die praktische Tätigkeit an sich, etwas mit Händen und Füßen schaffen, das ist für viele, die mit Theorie überfordert sind, der richtige Weg. Und nach diesem Erfolgserlebnis läuft es plötzlich auch in der Schule besser.



Im Bildungsbericht von Bund und Ländern wird aufgezeigt, dass Schülerinnen und Schülern sich nach dem Hauptschulabschluss häufig von einem berufsvorbereitenden Jahr ins nächste hangeln, aber auch danach keinen Ausbildungsplatz finden und dann ins Nichts entlassen werden. Wie viele von ihren Schülern haben am Ende des Schuljahrs einen Ausbildungsplatz sicher?

Bei uns bleibt normalerweise keiner auf der Strecke, in der Regel sind bei uns am Ende der neunten Klasse alle verteilt. Entweder auf weiterführende Schulen, meistens die zweijährige Berufsfachschule in Waldkirch, oder auf Ausbildungsbetriebe. Wie viele die Berufsfachschule besuchen und wie viele eine Ausbildung machen, hängt davon ab, wie groß das Angebot an Ausbildungsstellen ist. Die letzten Jahre waren die Lehrstellenangebote eher schlecht, da hatten wir sehr viele Schülerinnen und Schüler, die auf weiterführende Schulen gingen, ungefähr im Verhältnis zwei Drittel zu ein Drittel; normalerweise ist es so etwa Halbe-Halbe. Die schlimme Situation, dass jemand ins Nichts entlassen wird, kommt bei uns alle paar Jahre vielleicht einmal vor.

Damit stehen sie im Vergleich mit anderen Hauptschulen doch sicher ziemlich gut da, oder?

Hier bei uns im Tal ist es überall ähnlich. Ich glaube, wir haben durch den Praxiszug mit dem intensiven Praktikum einen kleinen Vorteil, weil die Schüler sich deswegen sowohl betriebsmäßig als auch schulmäßig frühzeitig festlegen. Wenn der Betriebsleiter sagt ‚Du bist super, ich nehm’ Dich, aber geh' noch ein oder zwei Jahre auf die Schule, dann kannst Du bei mir anfangen’, das ist genau so wertvoll wie ein Ausbildungsplatz direkt nach dem Abschluss.

Haben Hauptschulen in einer eher dörflichen Lage einen Vorteil gegenüber Hauptschulen in der Stadt, weil die Nähe zu den Betrieben einfach größer ist und weil man sich im Dorf kennt? Hat ein Hauptschüler bei ihnen es also leichter als ein Hauptschüler in Freiburg?

Richtig. Zum einen kennt man sich hier bei uns noch; die Betriebe wollen die Schulen hier im Tal gerne unterstützen. Zum anderen wissen die Betriebe es sehr wohl einzuschätzen, woher ein Schüler kommt. Die Leistungsbereitschaft der Schülerinnen und Schüler im Elztal ist sicher noch größer als in der Stadt. Die Betriebe hier vor Ort nehmen gerne unsere Schülern, weil sie wissen, dass man mit ihnen wenig Probleme hat.