Ein Schnitt durchs Hirn

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, was man so alles findet, wenn man seinen redaktionellen Nicknamen im Internet sucht? Ich stieß neulich bei der Durchforstung der Onlinewelt nach meinem Namen auf ein Lobomobil, das in den 40er und 50er Jahren durch die USA unterwegs war. Was der darin logierende Arzt Walter Freeman verbreiten wollte, war noch weit schrecklicher, als alles, was je aus einem Guidomobil kam.

Walter Freeman war ein Verfechter der Lobotomie. Diese Gehirnoperationsmethode wurde 1936 erstmals von einem portugiesischen Chirurgen durchgeführt, der später dafür sogar den Medizinnobelpreis verliehen bekam.


Dieser drastische Einschnitt im Gehirn, bei dem die Nervenbahnen zwischen Thalamus und Stirnhirn durchtrennt werden, führt bei dem Patienten zu einer extremen Antriebslosigkeit und dem Abhandenkommen jeglicher Emotionen. Beliebt war dieser Eingriff besonders in den 40er Jahren, als psychisch verhaltensauffällige Menschen damit sehr einfach ruhig zu stellen waren. Damals gab es noch keine einsatzfähigen Psychopharmaka.

Als diese jedoch in den 50er Jahren auf den Markt kamen, schwörten die meisten Psychiater und Neurologen dieser irreversiblen Operation ab. Nur Walter Freeman machte weiterhin Werbung für diesen Eingriff, unter anderem mit Eingriffen im Fließband-Modus, Vorträgen und Live-Operationen in Universitäten und im Fernsehen. Dazu reiste er mit seinem Wohnmobil umher, das er, angelehnt an die Lobotomie, Lobomobil taufte.

Eine schwedische Studie aus den 1980er Jahren zählte über 4500 lobotomierte Menschen in der westlichen Welt, auch in der UdSSR und in Indien gab es diverse Fälle. Der bekannteste wurde sogar verfilmt: Wer wissen will, wie sehr dieser Eingriff das Verhalten eines Menschen ändert, sollte sich den Film "Einer flog über das Kuckucksnest" mit Jack Nicholson ansehen.