Ein Schirm als tödliche Waffe

Lorenz Bockisch

Dass ein regnerischer Tag sehr gefährlich sein kann, wissen nicht nur Radfahrer, die auf gitschigem Pflaster Bodenkontakt bekommen. Auch für Fußgänger kann es sehr gefährlich sein, anderen Menschen mit Schirmen zu begegnen: Besonders die langen, edlen Schirme mit Spitze sind gefährlich für Beine, Unterleib, und in einem besonderen Falle sogar für das Leben.

Bei einem Gang durch die regennassen Straßen hat man oft sehr unangenehme Kontakte: Meist ältere Menschen, die ihren Regenschirm zugeklappt in der Hand tragen, schwingen beim Gehen diesen hin und her, ohne auf die in gefährliche Gegenden weisende Schirmspitze zu achten; wenn diese nur unsanft ein Knie trifft, ist das zwar schmerzhaft, aber noch angehem im Vergleich zu "höheren Regionen".


Vor fast dreißig Jahren jedoch endete eine solche unsanfte Begegnung tödlich: In London wurde der bulgarische Schriftsteller und ausgewanderte Dissident Georgi Markov von einer Schirmspitze am Bein getroffen. Was er nicht wusste – und auch erst bei seiner Obduktion festgestellt werden konnte – war, dass ihm mit dieser manipulierten Schirmspitze ein etwa 1,5 mm großes Platinkügelchen injiziert wurde, das mit einem Toxin gefüllt war.

Diese winzige Menge des Giftes Rizin wurde langsam freigesetzt und er verstarb innerhalb von drei Tagen. Es wurde vermutet, dass hinter diesem "Regenschirmattentat" der bulgarische Geheimdienst steckte. Ein Täter konnte aber nie zweifelsfrei festgestellt werden.

Das Rizin – eines der stärksten bekannten Gifte überhaupt – wird aus dem Samen des Rizinusbaumes gewonnen, genauso wie das Rizinusöl. Darin ist das Toxin aber nicht vorhanden, da es nicht fettlöslich ist. Die abführende Wirkung kann also ohne Vergiftungsängste genossen werden.