Ein Satz mit ohne Toleranz

Dirk Philippi

"Man kann nicht immer funktionieren, wie man es sollte, sondern muss seinen Gefühlen auch mal freien Lauf lassen", pflegte Dirks Bezirksliga-Trainer, der dicke Gerhard von der Post, der mit den weißen Socken in den Deichmann-Sandalen und dem von einer Hasenscharte gepeinigten Schnauzer, immer zu sagen – ein Vorsatz, den sich der fudder-Kolumnist im längsten seiner Sätze zu Herzen genommen hat. (P.S.: Wer den Satz am Stück liest, darf ihn behalten!!!)



Wenn ich so friedlich auf meinem Ikea-Bett liege, die Hast und den Stress des Alltags auf der Straße gelassen habe und mir – so irgendwo zwischen dem 3. und 4. Ring - eine große Leere antwortet, ich ganz nah bei mir bin und die Hohlräume unter der Brust und im Kopf wahrnehme und über das Leben meiner Mitmenschen sinniere, dann scheiße ich sehr oft auf die Grenzen meiner Toleranz und denke mir als Strafe für manche Furzknoten meiner Tagtraumgefährten gerechte Strafen aus, wie etwa drei Wochen ZDF-Fernsehgarten schauen, eine Zwangsduschorgie mit der Kelly-Family, eine lyrische Lesenacht mit Paris Hilton oder einfach auch nur ein gepflegter Wumms auf die Zahnhaltevorrichtung, die Menschen wie dem Zwei-Meter-Riesen mit Bischofsmütze, der sich im viertelvollen Kino auf den Platz vor mich gesetzt hat, oder dem Fußpilz-Züchter in meinem Rücken, der seine schuhlosen Schweinemauken auf meine ICE-Armlehne platziert, alles andere als Unrecht geschehen würden, weil sie nämlich keinen Deut besser sind als etwa diese ach so verständnisvollen und von Jasmintee geschwängerten Super-Mütter, die ihre Kinder überall stillen, wo ich meine Augen hinwerfe, weil es ja auch was total Natürliches ist, wenn ich an der Kasse im Aldi mit zwei Pfund Hackfleisch auf dem Arm von einer angezapften bleichen Titte gestreift werde, oder die politisch so super interessierten Aknefelder, die das, was im Osten passiert, gerade „so unglaublich spannend“ finden, die aber Böhse Onkelz hören, weil die ja „gar nicht mehr rechts“ sind, oder die Golf-Cabrio-Kollegen von der Kreativ-Agentur im Glottertal, die New York im September so zwischen drei und halb fünf Uhr „wirklich unerträglich“ finden und heimlich mit diesen grünhaarigen und intimgepiercten Call-In-Game-Show-Moderatoren um den Gehirntod als Hauptpreis telefonieren, und dann sehe ich bei der öffentlichen Urteilsverkündung, die live von irgendeinem dieser „Ich mach was in Medien“-Arschkrampen mit Motoröl im Haar und Siegelring um die Wurstgreifer, der sich täglich sein „favourite designer pülverchen“ säckeweise durch jede nur erdenkliche Körperöffnung jagt und irgendwann mit einem Strohhalm im Hintern beim „Anwalt seines Vertrauens“ auftaucht, für RTL DOOF moderiert wird, die Zuschauer der Szenerie leiblich vor meinem Auge, während zuhause die Typen mit „Frustrierter Soziologiedoktorant mit Einbauküche und eigener Cordhose sucht junge, selbstbewusste Thailänderin"- Anzeige, die einem mit Mofahelm auf dem Fahrrad die Vorfahrt nehmen, weil sie während der Fahrt ihr Fußkettchen richten müssen, Bedenken am Zustand unserer Mediengesellschaft äußern, und im Geiste mit dem D&G-umhäkelten Gebrauchtwagenhändler mit den Bundfaltenjeans, die sie selbst im Rot-Kreuz-Sack im Mecklenburg-Vorpommern der 80er Jahre verschmäht hätten, anprostet, und auch nicht weniger bescheuert sind als diejenigen Erziehungsberechtigten, die beim Fernsehglotzen maximal zwölf der zehn Milliarden Nervenzellen, die in ihren Hirnlappen elektrochemischen Sex haben, brauchen, um mal wieder so richtig herzhaft lachen können, wenn bei Pups, der Pannenshow, ein Neunjähriger vom Karussell geworfen wird und so richtig dämlich auf seinen offenen Schienbeinbruch starrt, oder als die deutschen Staatswürger, die im Intercity von Basel nach Köln den Japaner am Vierertischchen, den sie mit ihren Leberwurstwecken okkupieren, ein „Ich aus Freiburg – Wo du her?“ an den Kopf werfen, um dann spätestens ab Mannheim und dem siebten Underberg anfangen den Asiaten zwangsweise mit stakkatoartigen „Ha, jetzz chumm, jetzz nimmsch halt no Eina mit ma!“ zum Alemannischen zu missionieren, und diese Zuschauer die sehen alle so aus wie der Berufsschwabe, der sich zwar in sein Höschen pullert, wenn er drei Euro Eintritt im Museum zahlen muss, aber zur Statussicherung seiner lieben Kleinen hübsch freiwillig einen Fünfziger in die freiwillige Elternabend-Sammeltüte steckt, oder der Schriftsteller, der auf 3217 Seiten keinen einzigen Austausch von Körpersäften unterbringt, dafür aber weit über 1500 Personen auf und nur selten wieder abtreten lässt, manchmal auch wie die olle Tante, die einem diese homöopathische Wunderdroge (rein pflanzlich!) in die Hand drückt, von der man bitteschön beim ersten leichten Anzeichen für Schnupfhusten 3000 Tropfen alle zehn Minuten auf die Zungenunterseite tröpfeln muss, und die natürlich Programmkinogängerin ist, mit Vorliebe für Erstlingswerke von Filmhochschulstudenten – weil das so frisch ist –, in denen vorwiegend Kaffeetassen in Großaufnahme gezeigt werden und Laienschauspieler mitspielen, die nicht wie Laien spielen, sondern wie Laien, die erst vor Kurzem das Alphabet gelernt haben, und alle Hypochonder dieser Welt in ihr fettes Herz geschlossen hat, wenn diese in ausgelassener Partyrunde von ihren langwierigen Pilzinfektionen an der Mundschleimhaut oder nässenden Stellen zwischen den Zehen berichten, und während ich das alles so vor mich hin denke, da klingelt das Telefon und ich frage meinen besten Freund, ob die Zehen noch jucken, wie denn noch mal der Name der Wunderkügelchen seiner Mutter ist und erzähle ihm von meinem Treffen mit dem japanischen Studenten auf der Fahrt von Köln nach Freiburg, wo ich gleich Kevin von der Kreativ-Agentur treffen werde, um endlich mal wieder unter lieben Menschen zu sein.


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