Ein Punkt in Fessenheim

David Weigend

Meist redet man nur über Fessenheim, weil dort ein Kernkraftwerk steht. Wie engstirnig. Fessenheim ist der Top-Spot, um sich Frankreichspiele während der WM reinzuziehen. Wir haben uns überzeugt, beim enttäuschenden 0:0 gegen Uruguay. Folgt uns ins Hardt Café.



Wir befinden uns in einem merkwürdigen Ensemble aus Plastikstühlen, windschiefen Sonnenschirmen, einer Neonröhre und einem mittelgroßen Flachbildschirm, der anfängt zu flackern, wenn man eine SMS verschickt. Willkommen im Hardt Café. Also dem einzigen Café von Fessenheim, der ersten Ortschaft, wenn man von Krozingen aus über den Rhein fährt. Gehört es sich nicht, unsere Nachbarn zu besuchen, wenn sie gegen Uruguay antreten müssen? Haben wir uns gedacht.




Man ist unter Freunden. Das wird schnell klar. Wir schauen uns um, wer außer uns kurz vor Anpfiff sonst noch alles auf der Terrasse des Hardt Café abhängt: Ein junger Mann im weißen Zidane-Trikot (Adidas), ein junger Mann im blauen Frankreich-Trikot (Carrefour), ein dritter junger Mann, dessen Initialen der Tätowierung an seinem Hals nach zu schließen M.D. lauten müssen, ein vierter junger Mann, der gut Deutsch spricht und uns gleich nach guten Public Viewing Spots in Freiburg fragt. Und ein Introvertierter mit Ferrari-Hemd, der etwas abseits sitzt.

Sieben Männer, acht Gläser und ein lauer Kick. Was kann es Schönres geben. Ein Phänomen, das wir schon öfters im Elsass beobachtet haben: Sobald ein neuer Gast das Lokal betritt, werden wir Fremden von ihm genauso wie die Einheimischen per Handschlag begrüßt, als würden wir schon lang gemeinsam Schicht schieben im Atomkraftwerk. Sehr kollegial.

Die meisten (auch wir) tragen ehrliche Kurzhaarschnitte, wie sie in den 80er Jahren in der Vaubankaserne modern waren. Willkommen in Fessenheim. Ein "Hard Rock Café" braucht hier jedenfalls keiner. Ist doch Schnickschnack.



Die Betrachtung des Fußballspiels auf TF1 erfolgt zur ersten Halbzeit mit nur vereinzelten Anfeuerungen und ohne Leidenschaft. Allein, als ein Fahnenschwenker im TV seine Alsace-Sympathie bekundet, brandet Applaus auf. Auch die Terrortröten aus dem Fernseher werden übertönt vom Prol-Hip-Hop aus den vorbeifahrenden Elsässerkarossen. Um 21 Uhr hört man die Glocke von Sainte Colombe gegenüber. Es riecht nach Kirscharoma und Kronenbourg. Tradition meets YouTube.

"Attention a Forlan!", warnt der französische Kommentator. Die Zuschauer amüsieren sich eher über Forlans Backenpickel, die man in Nahaufnahme zu sehen bekommt.



Zur Halbzeit füllt sich der Garten des Hardt Cafés mit einem Schlag. Plötzlich ist es voll, auch Frauen sind anwesend. Freilich nicht in der Herren-Toilette. Wir bringen den Leuten an den Pissoirs rechts und links spontan SCF- und St. Pauli-Fangesänge bei. Die Quittung: "Bal-lack est un Homosexuel!..."

Abfpiff. Die Urus waren Rohrkrepierer, die Franzosen, na ja. Wir gehen hinein in die gute Stube. Yoan Jenard, 35, der Wirt vom Hardt Café, ist mit dem Punkt zufrieden. Mehr noch, er zeigt uns stolz sein Tattoo und trinkt mit uns ein letztes Bier.



"Argentinien wird Weltmeister. Ja, daran werdet ihr euch noch erinnern", sagt er. Zum Abschied schenkt er uns eine Trillerpfeife und einen Kugelschreiber. "Kommt bald wieder und kommt gut heim!" Gern. War prima mit Euch.