Ein Plädoyer für den Anstand: SZ-Kolumnist Axel Hacke im Interview

Bernhard Amelung

Allen Menschen soll man mit Anstand begegnen. Wie das geht, erklärt Axel Hacke im Interview. Der SZ-Starkolumnist liest am Freitag am Theater Freiburg.

Herr Hacke, was ist Anstand?

Hacke: Das ist ja ein Begriff, der für viele Menschen erst mal verstaubt klingt. Vielleicht hat man ihn auch als Kind zu oft gehört. "Setz dich anständig hin" – das klingt ältlich und unsympathisch. Beschäftigt man sich mit dem Wort Anstand aber näher, stellt man fest, dass es viel zu tun hat mit Respekt vor anderen Menschen.

Wie werde ich ein anständiger Mensch?

Hacke: Ein Versuch könnte sein: allen Menschen zunächst einmal freundlich zu begegnen. Wenn es irgendwie geht. Man könnte es ja mal probieren.

Können Sie das weiter ausführen?

Hacke: Es geht um Respekt, wie gesagt, und zwar ganz grundsätzlich. Ich finde es gut, wenn man anderen Menschen mit einer gewissen Neugier und Offenheit gegenüber tritt. Das kommt meiner Ansicht nach gerade aus der Mode. Wir denken zu viel an uns selbst und zu wenig an andere. Ich finde es wichtig, wenn man weiß, dass der andere Mensch auch jemand ist, der sich genauso durchs Leben ackern muss wie ich.

Woran machen Sie fest, dass Neugier auf andere Menschen aus der Mode kommt?

Hacke: An Erfahrungen aus dem Alltag, zum Beispiel. Es gibt sehr viel schlechte Laune, und vor allem in den sozialen Medien wird es in den Kommentarspalten oft so grob, ja roh, dass man nach zwei Schritten am Rand der Beleidigung ist und darüber hinaus. Man hat den Gegenüber halt nicht vor sich und muss die Reaktion nicht aushalten. Die Gefahr liegt darin, dass man sich so sehr an diesen Umgangston gewöhnt, dass man denkt, er sei normal.

In welchen Situationen haben Sie das selbst erlebt?

Hacke: Ich nehme zum Beispiel in meinen Kolumnen Stellung zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen. Da passiert es schon, dass ich angegangen werde. Ich wundere mich vor allem über den Tonfall. Das betrifft aber viele andere Menschen auch. Menschen, die nichts Böses tun, die zum Beispiel ein Kunstwerk installieren, werden rüde attackiert. Leute, die politisch aktiv sind, können lange Lieder davon singen.

War das früher wirklich besser?

Hacke: Es war anders. Früher kamen solche Kommentare anonym, per Post. Heute erscheint das unter vollem Namen. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass sich etwas eingebürgert hat, und es macht niemandem etwas aus. So entsteht eine Atmosphäre der Gewalt, die sich irgendwann auch in physischer Aktion entlädt. Ein Beispiel ist die Messerattacke auf Andreas Hollstein, den Bürgermeister der Stadt Altena. Dem Angriff auf sein Leben ging monatelang verbale Gewalt voraus.

Wie gehen Sie damit um, wenn jemand Ihnen gegenüber die Fassung verliert?

Hacke: Bekomme ich so eine Art von Post, frage ich höflich zurück, was das solle. Ich will wissen, ob das nur mich betrifft oder der grundsätzliche Umgangston dieser Person ist. Ich erwarte eine Erklärung. Meistens kommt dann aber nichts mehr. Manche bitten auch um Entschuldigung, viele beruhigen sich wieder. Aber ich bin auch nicht der Pädagoge Deutschlands. Ich bin ab und zu auch wütend oder genervt, das ist doch klar. Man kann dem ja durchaus auch Ausdruck verleihen. Aber die Form, wie man das macht, kommt aus der Mode.

Inwiefern?

Hacke: Die ganze Welt ist formloser geworden, ob das in der Kleidung ist oder im Umgang miteinander. Wie man sich grüßt, zum Beispiel. Ich halte nichts von übertriebener Förmlichkeit. Ich halte aber auch nichts davon, wenn alles aus dem Leim geht. Wenn ich morgens in eine Bäckerei komme und von einem 18-Jährigen gleich geduzt werde, bin ich jedenfalls irritiert. Ich fange zwar keine Auseinandersetzung an, aber es gefällt mir nicht. Ich finde es respektlos.

In "Die Tage, die ich mit Gott verbrachte" hadert Gott selbst.

Hacke: Als Schöpfer kann man nicht zufrieden sein mit dem, was man da gemacht hat. Es gibt Grund genug, unzufrieden zu sein über so viel Leid, das jeden Tag geschieht.

Hadern ist eine sehr menschliche Eigenschaft und kein göttliches Attribut. Was ist das für ein Gott, der hadert?

Hacke: Dem Gott meines Buches liegt keine absolute Vorstellung von Gott zu Grunde. Er entspringt meiner Phantasie und reflektiert über den Sinn des Lebens. Er ist ein Gesprächspartner und entwickelt mit seinem Gegenüber ein gedankliches Hin und her über den Sinn des Lebens. Vielleicht ist es sinnvoll, sich Gott anders vorzustellen, als wir es bisher getan haben.

Wie soll man sich Gott vorstellen?

Hacke: Ich habe versucht, an ganz kindlichen Vorstellungen anzuknüpfen. Und daraus habe ich so eine Art Gedankenspiel über unsere Existenz gemacht.

Warum soll man sich überhaupt Gott vorstellen?

Hacke: Ich denke, dass der Mensch gar nicht anders kann. Er muss ja eine Erklärung für seine Existenz finden, vorausgesetzt, er ist daran interessiert. Der Mensch braucht einen Urgrund, eine Ursache für seine Existenz. Das macht jeder von uns in der einen oder anderen Form. Ich will ja mit meinem Buch niemandem etwas vorschreiben. Ich möchte eine Anregung bieten, manche Dinge für sich selbst weiter zu denken.

Gott wird oft als Stärke und Zuflucht beschrieben. Wo finden wir heute Zuflucht?

Hacke: Zum Beispiel im Gespräch mit anderen Menschen. Das möchte ich auch in meinem Anstandsbuch zum Ausdruck bringen. Der Mensch lebt heute oft in der Isolation, in den Wänden seines eigenen Ichs. Es ist jedoch wichtig, sich mit anderen zu beschäftigen, so konfliktreich und schwierig das auch immer sein mag. Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Das gibt auch Halt und Sicherheit.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Hacke: Man macht heute viele Dinge alleine, die man früher mit anderen Menschen gemacht hat. Viele gehen ins Fitnesscenter, ackern alleine vor sich hin und gestalten ihren Körper. Das hat man früher im Sportverein mit anderen zusammen gemacht. Ich finde das besser für jeden Einzelnen.

Der Mensch bewegt sich im Spannungsfeld von Egoismus und Altruismus. Wie können wir dieses ausgleichen?

Hacke: In dem wir uns dessen bewusst werden. Wenn unser Umgang mit anderen Menschen verlottert, zeigt das, dass wir uns nicht mit anderen Menschen beschäftigen.
  • Was: Axel Hacke liest
  • Wann: Freitag, 15. Dezember, 19.30 Uhr
  • Wo: Theater Freiburg, Großes Haus
  • Eintritt: 18 Euro

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