Ein Nachmittag mit Romakindern

Nadja Röll

Das Asylbewerberheim in Waldsee ist eine kleine, abgeschottete Welt, aus der viele Kinder kaum herauskommen. Jeden zweiten Sonntag nehmen Studenten eine Gruppe junger Roma an die Hand und führen sie durch Freiburg. Am Sonntag stand Stockbrotbacken auf dem Programm. Wir waren dabei.



Hochgewachsene Hecken rahmen das malerische Bild von Villen und hübsch frisierten Gärten. Unauffällig treten kleine Kinder in die Pedale und umrunden spielend die teuren Autos.


Zwanzig Meter weiter, auf der anderen Seite der Brücke, grenzt ein verbogener Drahtzaun eine andere Welt ab: Alte Teppiche und Decken hängen aus den kleinen Fenstern, Satellitenschüsseln sind ein Zeichen für den größtmöglichen Luxus.

150 Roma leben derzeit in dem Asylbewerberheim in der Hammerschmiedstraße. Als verfolgte Ethnie genießen sie im Freiburger Osten vorläufiges Bleiberecht auf 4,5 Quadratmetern pro Person. Viele der Kinder wurden in Freiburg geboren und kennen die Welt außerhalb des Drahtzauns kaum.



Die älteren Geschwister geben mit ihren laut hip-hopenden MP3-Playern den Ton im Hof an, die Kleinen springen wild um sie herum. Auf einmal geht ein Ruck durchs Grüppchen. „Da sind sie!“, schreit ein Fünfjähriger aus vollem Halse und rennt durchs Tor auf die Straße.

Schon hängen zehn Kinderarme an den ankommenden Studenten: „Ich will schwimmen!“, „Ich will Fußball spielen!“, „Ich will auch mit!“ Jeden zweiten Sonntag holen zwei bis drei junge Ehrenamtliche eine sechsköpfige Gruppe von Kindern im Alter von drei bis elf Jahren ab, um mit ihnen etwas zu unternehmen.



Die Initiatorin und Leiterin des Projekts, Beate Campe, weiß aus zweijähriger Erfahrung, wie wichtig das für die Kleinen ist: „Ausflüge sind für die Kinder was ganz Besonderes, so etwas kennen die sonst gar nicht. Während der Woche werden die meisten zwar von der Caritas betreut, ansonsten spielt sich aber alles hier im Heim ab“, sagt die 45-jährige ehemalige Realschullehrerin.

Finanziert wird das Projekt durch Spenden, die Eltern zahlen jeweils einen Euro, als Zeichen der Wertschätzung.



„Bitte sagen Sie Mohammed, dass er brav sein soll“, sagt Frau Campe zu einem Vater. „Zahlen?“, fragt dieser unverständig, worauf die Projektleiterin mit Händen und Füßen antwortet: „Mohammed soll hören“, sagt sie und zeigt mit dem Zeigefinger von ihren Ohren auf die umstehenden Studenten. „Die Eltern sprechen ausgesprochen schlecht Deutsch, obwohl sie teilweise seit sieben oder acht Jahre hier leben“, erklärt Beate Campe von dem Vater abgewandt und spürbar enttäuscht. „Als Roma waren sie im Kosovo eine unterdrückte Minderheit, vor allem die Frauen. Die sind nie zur Schule gegangen.“



Christiane Kaiser, eine der teilnehmenden Studentinnen, ist heute zum ersten Mal als Betreuerin dabei. Beim Anblick des Heims an der Hammerschmiedstraße ist sie sichtlich geschockt: „Wie abgeschottet die Menschen hier leben. Und so zusammengestopft!“ Ihre Komillitonin Judith Eiche macht schon seit einem Jahr Sonntagsausflüge mit den Kindern, sie bewegt sich viel freier auf dem abgezäunten Gelände: „Wir wollen die Kinder hier ein Stück weit rausholen“, fügt sie hinzu.

An ihren beiden Händen hängt jeweils ein Kind und redet munter auf sie ein, während sich die kleine Gruppe Richtung Spielplatz auf den Weg macht.



Die 20-jährige Judith ist in der überkonfessionellen Studentengruppe Campus für Christus und der Glaube ihr größter Antrieb, sich ehrenamtlich zu engagieren: „Ich möchte meinen Mitmenschen dienen und Jesus Liebe weiter tragen“, sagt Judith Eiche, die schon in ihrer Heimatstadt Lörrach eine Jugendgruppe geleitet hat. Dass die Arbeit mit Asylantenkindern aber etwas anderes ist, das merke sie immer am Abend, wenn sie von einem Ausflug Zuhause angekommen sei: „Die Kinder gehen ganz anders miteinander um, irgendwie härter und sie benutzen andere Wörter.“



Auf dem Spielplatz angekommen, haben die beiden Studentinnen alle Hände voll damit zu tun, Feuer zu machen und dabei die kleine Rasselbande von den Flammen fern zu halten. „Guck mal, was der Mohammed da macht, das ist eklig!“, ruft ein fünfjähriges Mädchen mit blonden Strähnchen und zeigt auf einen kleinen Jungen, der einen Stock ins Feuer hält und ihn dann wie eine Zigarette zum Mund führt. „Der spielt Rauchen, da kann nichts passieren“, antwortet Beate Campe ruhig.

Christiane Kaiser, die mit Judith an der PH, zeigt sich beeindruckt von dem Umgang, den Frau Campe zu den Kindern pflegt: „Sie macht ganz klare Ansagen und bleibt dabei immer so freundlich.“



Die 23-Jährige hat vor dem Beginn ihres Studiums eine Ausbildung zur Kinderreferentin gemacht, trotzdem kommt sie hier ins Schwitzen: „Mit Asylantenkindern muss man noch strikter sein, die probieren sich viel mehr aus“, findet Christine und zieht kurze Zeit später ein Kind mit einem festen Ruck an beiden Armen aus einem kleinen Abgrund hoch.

Spätestens beim Stockbrotmachen sitzt die ganze Gruppe dann aber friedlich ums Feuer. Alle halten mehr oder weniger geduldig einen Stock mit Teig über die Flammen und freuen sich dann mit kindlichem Übermut darüber, dass Judith und Christiane ihnen Nutella in das fertig gebackene Brot schmieren. Obwohl der Spielplatz nur 15 Minuten Fußmarsch vom Heim entfernt ist, kommen sie mit ihren Eltern nie hierhin.

Um noch mehr Kindern aus dem Heim Sonntagsausflüge zu ermöglichen, sucht Beate Campe nach Unterstützung. Wer Lust hat, an dem Projekt mitzuarbeiten und mit den Kleinen einen Nachmittagsausflug zu machen, der kann sich direkt bei ihr melden. Telefon: 0761/ 6965516.