Ein Nachfahre des Hipsters von einst: Gregory Porter im ZMF-Zirkuszelt

Manuel Lorenz

Warum trägt der Jazz-Sänger Gregory Porter immer diese seltsame Kopfbedeckung? Und was ist eigentlich Lyrik? Um diese und andere Fragen zum Eröffnungskonzert des ZMF zu beantworten, erinnert sich fudder-Redakteur Manuel Lorenz zuerst an einen Venedig-Aufenthalt, um dann über den Hipster von einst zu sinnieren. Am Ende ist er zutiefst bewegt:



Das letzte Mal, dass mich Lyrik beschäftigt hatte, war fünf Jahre her. Damals lag ich auf einem Divano im Salotto des Palazzo Barbarigo della Terrazza in Venedig, lauschte den Klängen meines Freundes Franz Julius, der am Bechstein Chopins b-Moll-Nocturne spielte, und versuchte, Baudelaires "Fleurs du Mal" zu lesen:


Le vin sait revêtir le plus sordide bouge d'un luxe miraculeux, et fait surgir plus d'un portique fabuleux dans l'or de sa vapeur rouge, comme un soleil couchant dans un ciel nébuleux.

Ich verstand kein Wort, war aber berührt.

Dann, vor fünf Monaten, schenkte mir jemand das Album "Liquid Spirit" von Gregory Porter. Ich legte die CD ein, drückte auf Play und hörte zu:

Four flowers is my aging faces, not a sign within, I payed for three a sweet old lady gave me four instead. There's some doubt that's out about this love, but I wont let it be.

Wieder verstand ich kein Wort, wieder war ich berührt. Nicht, dass Gregory Porter für mich zum Black Baudelaire wurde. Dazu ist der hühnenhafte Ex-Footballspieler viel zu vital, allzu sehr dem Leben zugewandt. Aber ohne den einen hätte der andere mir kaum weiß machen können, worum es bei Dichtung geht.

Das Keinwortverstehen und Aberberührtsein trifft auch auf Porters Garderobe zu. "Warum trägt er diese seltsame Kopfbedeckung?", fragt ein Herr neben mir im Zirkuszelt. So was habe er mal bei einem koptischen Priester in Äthiopien gesehen. Sei der Mann etwa religiös?



Und tatsächlich lässt Porters "Jazz Hat, wie er selbst ihn nennt, den Sänger aussehen wie das Mitglied einer religiösen Bruderschaft. Um seinen Kopf trägt er ein schwarzes Tuch, das nur sein Gesicht und seinen dichten, krausen, schwarzen Bart ausspart, obenauf sitzt eine dunkle Ballonmütze.

Warum? Die Erklärung fällt leicht. Gregory Porter ist ein Nachfahre des Hipsters. Des eigentlichen, ursprünglichen, echten und wahren. Des schwarzen, der dem Dandytum näher steht als den Subkulturen. Den gängigen, heutigen, blutleeren, ausverkauften. Er, jene Person der 40er und 50er Jahre, ist erwachsen, trägt Anzug und Herrenschuhe, nicht Sneakers. Hört Jazz - Bebop -, macht Jazz - Bebop -, und ist eigentlich heute längst ausgestorben. In seiner Ahnengalerie hängen: Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Cannonball Adderley, Miles Davis, Thelonious Monk.

Monk damals: ebenfalls Hühne, ebenfalls seltsame Mütze und Bart.

Porter heute: rosafarbenes Polohemd, beigefarbenes Leinensakko, rosafarbenes Einstecktuch.

Ein Bebopper? Nein. Ein Jazzer? Vielleicht. Zu gefällig sind seine anrührenden Balladen, zu massentauglich seine mitreißenden Up-tempo-Stücke. Zu viel Soul und Blues steckt in seiner Musik. Zu angenehm und unsperrig ist seine Person. Wenn er die Augen zusammenkneift, ein breites Grinsen aufsetzt, sein mächtiges Hepcat-Haupt durch die Songs schüttelt, die Brust rausstreckt und mit vollem Körpereinsatz den Gospel-Train anpeitscht - mit Schnippen, Pumpen und Klatschen sowie anderen Finger-, Hand- und Armgesten. Norddeutschen Protestanten und süddeutschen Katholiken muss sein Gebahren an ein heidnisches Ritual erinnern.



Wenn er so dasteht, aufrecht, den rechten Arm herunderhängen lässt, den linken in der Manier eines vollendeten Gentleman angewinkelt oberhalb des Gürtels positioniert: Der Freiherr von Knigge wäre Stolz auf ihn.

Ein paar männliche Konzertbesucher haben’s ihm gleich getan und sich rausgeputzt. Sie tragen Schiebermützen und Hüte aus Stroh, schicke Hemden und schicke Hosen. Einer ist ganz in Weiß gekleidet und wertet den schlichten Look mit Goldschmuck auf. Ein anderer dunkel gewandet, trägt seine Haare als angedeuteten Afro und seinen Bart schön voll und kraus. Ein dritter peacockt mit seinen Hosenträgern, ein vierter mit seiner adretten Pochette. Die Damen fallen mir nicht weiter auf.

Hingegen: Alles, was in Freiburg Rang und Namen hat. Oberbürgermeister, Touristikchef, Baulöwe, Fußballtrainer, Festivalmacher, Chefredakteur, Stadtsprecher, Tratschjournalistin. Heute wird das ZMF eröffnet!, und da darf man auf keinen Fall fehlen. Entsprechend groß ist der Wille, unbedingt Stimmung zu machen - vom Anfang bis zum Ende. Bei der Mitklatschnummer "Liquid Spirit", bei der Durchschnaufnummer "Hey Laura", bei der Schmusenummer "Water Under Bridges". Es wird gestadelt, herumgestanden, geschunkelt.

Zwischendrinnen checke ich Facebook. Ein Freund, Musikkenner, Klangnerd, muss hier auch irgendwo herumstehen. Er postet ein Foto der Veranstaltung und eine Bildunterschrift: "Auf der Suche nach dem Bass." Ich kommentiere: "Hab ihn auch noch nicht gefunden." Jemand anderes schreibt: "Viel Spass!!!!"

Den habe ich anderthalb Stunden lang. Dann geht der große, bärtige Mann mit der seltsamen Kopfbedeckung und dem schönen Anzug von der Bühne. Ich bleibe zurück und habe kein Wort verstanden. Dank Porter weiß ich aber: Es muss Lyrik gewesen sein. Denn immer noch höre ich seine Stimme. Und gleichzeitig bin ich zutiefst bewegt.