Ein Missverständnis? Grandmaster Flash im Kagan

Manuel Lorenz

Bis zuletzt wollte es keiner glauben: Grandmaster Flash kommt ins Kagan. Dann war er aber doch da - und legte unter anderem Nirvana auf. Schräg, findet Manuel und sucht nach einer Erklärung für diesen mutmaßlichen Betriebsunfall.



Das Kagan flippt aus: Im 18. Stockwerk des Freiburger Solar Towers herrschen Zustände, wie man sie sonst nur von großen Open Air Festivals wie dem Southside kennt. Das gesamte Publikum drängt sich um das DJ-Pult, wirft die Arme in die Luft und den Kopf in den Nacken, schwitzt und verschüttet Alkohol – in wenigen Worten: lässt sich gehen. Fehlt nur noch, dass Mädels auf die Schultern ihrer Macker klettern und Typen anfangen, rumzupogen.

Grund dieses Freak-Outs ist der 53-jährige Schwarze hinter dem DJ-Pult: die Hiphop-Legende Joseph Saddler a.k.a. Grandmaster Flash. Mitte der 1970er Jahre funktionierte er den Plattenspieler zum Musikinstrument um, erfand Techniken wie das Cutting, Backspinning und Phasing und landete gemeinsam mit den Furious Five einen der ersten Hiphop-Hits überhaupt: „The Message“.

The Message“ wird heute natürlich alle halbe Stunde angespielt und vom Publikum jedes Mal lautstark kommentiert. Keine Ahnung, wie oft Flash den Track in seinem Leben schon bringen musste. Wahrscheinlich genauso oft wie die Scorpions „Wind Of Change“ und David Hasselhoff „Looking For Freedom“. Hängt einem das nicht irgendwann zum Halse raus? Die Scheiße, die man in seiner Jugend gebaut hat und die einem unablösbar am Schuh klebt?



Scheinbar nicht, und Grandmaster Flash zieht natürlich. So sind auch Leute da, die sonst nicht ins Kagan kommen: drei Hiphopster, zwei auffällig Tätowierte und Gepiercte, ein Metaller und ein paar bekannte Freiburger Nachtmacher. Im Wesentlichen ändert der Special Act aber nichts an der Zusammensetzung des alldonnerstäglichen Student’s Bounce Club. Und wer also dachte, der Laden würde heute von Basecaps, Baggys und Turnschuhen geflutet, liegt falsch: Das Donnerstagspublikum hat das Kagan voll im Griff. Der Dresscode in den Worten der Geschäftsleitung: „studentisch, leger, gepflegt.“

Schwer zu sagen, ob die Playlist deshalb so nach Studi-Party klingt. Klar spielt Flash auch Hiphop-Klassiker wie Gang Starrs „Full Clip“ oder KRS-Ones „Sound Of Da Police“. Ansonsten gibt’s aber in wilder Abfolge WG-Fetenhits wie Folgende auf die Ohren: Bee Gees' „Stayin' Alive“, Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“, Daft Punks „One More Time“, Chics „Le Freak“, Black Eyed Peas' „Let’s Get It Started“, Queens „Another One Bites The Dust“, Jennifer Lopez' „Jenny From The Block“. Da freut man sich geradewegs, wenn zwischen drinnen mal Gruselsounds wie Ushers „Yeah“ oder 50 Cents „In Da Club“ aus den Lautsprechern dringen.



Aber was hat man erwartet? Grandmaster Flash war musikalisch schon immer sehr offen. Auf seiner 1981 veröffentlichten Single „The Adventures Of Grandmaster Flash On The Wheels Of Steel“ mixte er sich erfolgreich durch verschiedenste Genres; im selben Jahr fabrizierte er mit der New-Wave-Band Blondie die Hitsingle „Rapture“. Keine Ahnung, ob das Kagan ihm vorher eine Playlist hat zukommen lassen: „Herr Saddler, donnerstags ist bei uns immer Studententag, da hört man dieses und jenes, hier haben Sie 100 Songs, aus denen Sie 50 aussuchen dürfen, kreuzen Sie einfach an, wir stellen Ihnen dann unsere Festplatte mit den von Ihnen ausgewählten Songs zur Verfügung.“ Wäre es Verrat am Hiphop, sich auf einen solchen Deal einzulassen? Oder einfach nur Professionalität? Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte Grandmaster Flash 2007: „Große DJs sind immer Diener ihres Publikums.“

Auch legt Flash kein Vinyl mehr auf, sondern MP3s. Traktor Scratch heißt das Zauberwort – für viele Hiphop-Heads die Entzauberung ihrer schwarzen, gerillten Scheibenwelt. Seltsam, schrieb er sich in den 1990ern doch noch den Slogan „Save the Vinyl“ auf die Fahne und galt er doch seit jeher als „Paganini des Plattentellers“. Allein, schon damals pushte Flash den musiktechnologischen Fortschritt und schon immer interessierten ihn Computer. Und will man einem alten Mann wirklich zumuten, bierkästen-schwere Plattenkisten durch die Welt zu tragen? Vielleicht ging ihm das ja all die Jahre sowohl aufs Kreuz als auch auf die Nerven! Schon mal was von Bandscheibenvorfall gehört?

Sowieso ist Flash heute primär hier, um Stimmung zu machen, und nicht, um einen Vaterschaftstest in Sachen Hiphop zu bestehen. Und das funzt, wenngleich - oder gerade weil? - sein Repertoire an Animationsphrasen überschaubar ist: „Somebody scream!“, „Freiburg!“ (er weiß, wo er ist!) und „Hände hoch!“ (auf Deutsch!). Höflich fragt er ab und an, ob sich auch alle recht gut amüsieren; die Crowd nimmt dies jeweils zum Anlass, ihm lautstark ihre gute Laune zu versichern.

Irgendwie schräg, heute Abend, im Kagan. Cool, die Legende mal live zu sehen, aber Enttäuschung darüber, dass er so fugenlos in den Mainstream passt. Immerhin: Ein Missverständnis weniger.

[Fotos: Kagan]

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