Ein Minister als Hawaii-Toast-Weltmeister

Julian Schwizler

Vergangene Woche war Bundesfinanzminister Peer Steinbrück im Rotteck-Gymnasisum bei der Gesprächsreihe 'nachgefragt' zu Gast. Und er schien mächten Spaß dort gehabt zu haben.



Peer Steinbrücks Augen funkeln, als er, der Kassenwart der Bundesrepublik Deutschland, an der 'Angreifbar' sein Lieblingsgetränk Gin Tonic trinken durfte: "Selten so eine Veranstaltung gesehen – wirklich klasse hier."


Es war die verdiente Belohnung für den zuvor meisterhaft errungenen Sieg beim Hawaii-Toast-Backen, bei dem er die beiden Moderatoren Rebecca Dier und Lorenz Laubenberger regelrecht düpiert hatte. Zuvor noch recht siegesgewiss ("Wir gehen nicht davon aus, dass Sie gewinnen."), bekamen die beiden Schüler von Steinbrück gezeigt, was jahrelange Erfahrung als selbsternannter 'Turbo-Toast-Bäcker' in wilden WG-Zeiten ausmacht.

Toast um Toast brachte Steinbrück, mit einer extra hergestellten Schürze mit 'Peer'-Aufschrift bekleidet, auf das Blech, so dass Lorenz schon nach kurzer Zeit anmerken musste: "Sie ziehen uns ja vollkommen davon."

Vor diesem neu hinzugekommenen Programmteil, bei dem besondere Talente der prominenten Gäste gewürdigt werden, hatte sich Steinbrück den ernsthaften Fragen der beiden Moderatoren gestellt.

Dabei wurde nicht nur über seinem Durchmarsch durch 13 (oder waren es noch mehr?) Ministerien verschiedenster Aufgabenbereiche geredet sondern auch über die Mehrwertsteuererhöhung, Managergehälter und die Steinkohle-Problematik. Selbst über den Umzug von Bonn nach Berlin wurde geredet, und auch dass Steinbrück Hedge-Fonds gerne stärker reguliert sehen würde kam zur Sprache. Schließlich ging es noch um Steinbrücks Studienzeit und sein Vorbildern sowie um Anti-Terror-Maßnahmen und den Fall Kurnaz.

Steinbrück ging auf Schüler und Publikum ein, und stellte von Anfang an klar, dass er "kein Seminar" halten würde. Immer mit einem lockeren Spruch auf den Lippen, wusste der Finanzminister die knapp 75 Minuten kurzweilig zu gestalten. Dabei verwies er jedoch eindringlich auf die Sparzwänge, die man auf gar keinen Fall umgehen könne und dürfe, da damit jede Generationengerechtigkeit aufgehoben würde. Dass man "sich auch ins Koma sparen" kann, vergas er jedoch auch nicht zu erwähnen.

Trotzdem musste der Finanzminister eingestehen, dass er selbst nicht unbedingt ein Konsument ist, der der Binnenkonjunktur dienlich ist: Er komme einfach nicht dazu, den selbst ausgerechneten Nettostundenverdienst von 40 € auszugeben.

Auf Rebeccas Frage, ob er es ungerecht fände, dass Spitzenmanager das 100fache seines Verdienstes erhalten, antwortete Steinbrück kurz und knackig mit "Ja." Er könne sich zwar nicht vorstellen, wie die Politik Gehälter regulieren solle, appelliere aber an die Vorbildfunktion der Manager.

Dann wurden vier Vorbilder Steinbrücks auf die Leinwand hinter der Bühne geworfen: Willy Brandt, Winston Churchill, Helmut Schmidt... und Prinz Eisenherz.

"Der wird nie älter und hat nach 30 Jahren noch die gleiche Frisur." Bei einem Blick auf Steinbrücks rar gesätes Kopfhaar eine nicht unbedingt verwunderliche Begründung seiner Leidenschaft für den Comic-Helden, dessen Geschichten er auch heute noch liest.

Als dann jedoch Vorbilder der heutigen Jugend ins Spiel gebracht wurden, geriet der Minister in Erklärungsnöte.
Bushido? "Kenn ich nicht, sieht aus wie eine Horrorfilmfigur". Dann verwechselte er Lukas Podolski mit Bastian Schweinsteiger und Paris Hilton mit Jenny Elvers. "Da bin ich Ignorant", gestand er ein, merkte aber noch an, Frau Hilton habe "einen Nagel im Kopf" und diene "beileibe nicht als Vorbild".

Rebecca und Lorenz lenkten das Gespräch dann in Richtung Jugend und Politik. Liegt es an der Politik oder an der Jugend, dass sich immer weniger junge Leute für die Politik interessieren?

Steinbrück blieb eine klare Antwort schuldig und verwies vielmehr auf das Engagement bei zeitlich begrenzten Projekten, wie er es immer wieder mitbekomme. Sobald es jedoch um die längerfristige Bindung an eine Organisation ginge, bekämen die Jugendlichen "Pickel", wenn sie auch nur davon hörten. Dieses Risiko der Partei-Nicht-Anerkennung sieht Steinbrück als große Gefahr.

Banküberfall - Radikalenerlass – Verfassungsschutz – Terroristen. Was hat all' das mit Peer Steinbrück zu tun? Viel, wie Rebecca und Lorenz aus dem Finanzminister herauskitzeln konnten.
Während seiner Studienzeit in Kiel wurde dort eine Bank überfallen. Unglücklicherweise veranstaltete Steinbrücks Wohngemeinschaft am selben Abend eine Feier, die eine ältere Dame zu dem Schluss führte, ihre jungen Nachbarn seien Schwerkriminelle. Sie benachrichtigte die Polizei über die 'Beutefeier' und wenig später standen einige schwerbewaffnete Beamten vor der Tür, die "mir eine Heckler & Koch auf den Bauch hielten". Dabei habe man doch nur "Doppelkopf gespielt und die Karten an die Decke hochgeworfen", erzählte Steinbrück.

Diese Begegnung sollte nicht Steinbrücks einzige mit deutschen Ordnungshütern bleiben. Aus kaum ersichtlichen Gründen wurde er zu Zeiten des Radikalenerlasses vom Verfassungsschutz beobachtet und als Sicherheitsrisiko für die Bundesrepublik Deutschland eingestuft. Zur damaligen Zeit war Steinbrücks Frau Gertrud  mit dem ersten gemeinsamen Kind schwanger und die Anschuldigungen eine schwere Belastung für Steinbrück, der deshalb sogar kurzfristig arbeitslos war.

Dass WG-Zeiten jedoch nicht nur negative Auswirkungen auf den Lebenslauf haben, bewies Steinbrück dann beim Hawaii-Toast-Backen und nach der schweißtreibenden Aufgabe ging es zum letzten Programmpunkt, der 'Angreifbar'.
 

Die beiden Moderatoren reichten Steinbrück fünf Säcke, deren Inhalt er ertasten musste.

Zuerst ein Rechenschieber – Abakus nennt Steinbrück ihn, und den ganzen Bundeshaushalt regle er so, scherzte Steinbrück. Vielleicht gar keine so schlechte Idee, da ausgerechnet das Finanzministerium von einem Mann geführt wird, der in der achten Klasse wegen Mathematik sitzen blieb. Er erklärt seine Ehrenrunde aber lieber als "Rache an den Eltern", die den Sprössling auf ein humanistisches Gymnasium schickten, auf dem er Alt-Griechisch lernen musste, was dem 13-jährigen Peer gar nicht behagte.

Im zweite Säckchen: Ein Modellschiff. Steinbrück geriet ins Schwärmen, zählte Schiffsmodelle auf und gibt Tipps, wo es die besten Läden gibt; Natürlich in Hamburg, seiner Heimatstadt. Eines trübt seine Leidenschaft jedoch: Seine Frau hält nicht mehr viel von Schiffsmodellen, seitdem ihr Mann das erste Modell gleich im Schlafzimmer platziert hatte. Steinbrück baut jedoch nicht nur kleine Schiffe, er segelt auch auf großen. Mit seinem kleinen Bruder Birger, dem er bereitwillig das Kommando überlässt, kommt er dieser Leidenschaft nach. Allerdings ohne Frauen. "Segeln geht nur mit Männern, mit Frauen gibt’s Konversationsprobleme."

Im dritten Säckchen: Ein badisches Schimpfwörterbuch. Steinbrück frohlockte: "Das müssen Sie mir beibringen. Dann könnte ich gegen den Kauder im Bundestag mal ein Bisschen fluchen." Aber das ist in Zeiten der großen Koalition wahrscheinlich gar nicht so einfach, denn §das sind jetzt meine Freunde, ich muss da vorsichtig sein." Dass er selber hingegen oft Schimpfwörter benutze, hielt Steinbrück für unmöglich und holte sich noch einen Mitarbeiter zu Hilfe, der die seinem Chef gelegene Antwort findet. "Sehr korrekte Antwort, Ihrer Karriere steht nichts im Weg", ruft Steinbrück zurück, was Lorenz dazu veranlasste, die Antwort für 'gekauft' zu halten.

Im vierten Säckchen: Ein Tennisball, eine Anspielung auf Steinbrücks Aussage, jeder Politiker mache so Politik, wie er Tennis spiele.

Er selber? Immer am Netz mit Serve-and-Volley-Spiel. Friedrich Merz? Genauso. Kurt Beck? Umsichtig von Grundlinie. Und die Kanzlerin? Merkel spielt abwartend von der Grundlinie und wartet, bis der Gegner stolpert. Und wer würde als Erster das Schläger wegwerfen und aufgeben? "Wolfgang Clement" antwortete Steinbrück. "Nicht Friedrich Merz?", fragte Lorenz. "Sind Sie aber parteiisch!" entgegenete der Finanzminister und hatte wieder die Lacher auf seiner Seite.

Der Inhalt des letzten Säckchens spielte auf Steinbrücks Filmbegeisterung an. Er geriet ins Schwärmen, als er über den gerade bei der Berlinale gesehenen Film 'Vie en rose' über Edith Piaf erzählt. Schon mal bei einem Film eingeschlafen, Herr Steinbrück? "Nein, nie... Obwohl, bei französischen Problem-Konversationen frage ich mich manchmal schon: Worum geht es?"

Eine letzte Aufgabe musste Steinbrück noch bewältigen: Auf der 'Angreifbar
unterschreiben, und das war nicht so einfach, da sich nur in ca. 20 cm Höhe Platz fand.

"Da muss ich gucken, dass ich wieder hochkomme!" Doch auch das schaffte er bravourös und erntete noch einmal den Applaus des Publikums.

Rebecca und Lorenz bedankten sich beim hohen Gast, der nur Komplimente für die beiden Moderatoren übrig hatte und nach kurzem Smalltalk und dem Verzehr eines selbstgebackenen Hawaii-Toastes verließ Steinbrück sichtlich gut gelaunt das Gebäude, ausgerüstet mit 'Peer-Schürze', badischem Koch- und Schimpfwörterbuch und CDs des Freiburger Schüler-Jazzorchesters.

Mehr dazu:

Am Montag, dem 26. März wird das nächste Mal nachgefragt: Ab 9.30 Uhr wird sich Gesine Schwan, ehemalige Bundespräsidentschaftskandidatin und heutige Europa-Universitäts-Rektorin, im Rotteck-Gymnasium den Fragen von Lisa Brücher und Julian Jürgenmeyer stellen.