Ein Medienforscher über Hans Entertainment: Vielleicht ist er in fünf Jahren im Dschungelcamp

Patrik Müller

Jan-Hinrik Schmidt ist Soziologe und Medienforscher am Hans-Bredow-Institut in Hamburg. Fachgebiet des 42-Jährigen sind soziale Netzwerke und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft. Patrik Müller hat mit ihm telefoniert – und ihn auf Hans-Entertainment hingewiesen. Der Kenzinger hat mittlerweile mehr als 75.000 Facebook-Likes.



Haben Sie ein Phänomen wie "Hans Entertainment" schon mal gesehen?


Jan-Hinrik Schmidt: In dieser Form nicht. Ein bisschen erinnert es mich an Twitter: Er teilt Dinge mit, die ihm gerade durch den Kopf gehen – kurze Beobachtungen, Eindrücke und Gedankensplitter. Das hat er perfektioniert, Hans hat buchstäblich eine eigene Sprache gefunden. Ich gehöre nicht zu seiner Zielgruppe, weder vom Humor her noch vom Alter, aber ich kann nachvollziehen, dass seine Videos etwas treffen – gerade weil sie nicht den Anspruch haben, gut produziert zu sein, sondern weil sie aus dem Moment heraus entstehen.


Was bewegt 70.000 Menschen, auf den Gefällt-Mir-Button zu klicken?

So ein Klick erfüllt verschiedene Funktionen. Er sagt zum einen das, was drauf steht: Etwas gefällt mir. Man klickt das aber auch an, wenn man etwas nur interessant findet, wenn man auf dem Laufenden bleiben will, was Hans als nächstes veröffentlicht. Es gibt auch eine dritte Facette: Je nach Privatsphäre-Einstellungen sehen die eigenen Freunde, dass man auf Gefällt-Mir geklickt hat – so empfiehlt man die Seite weiter. Warum jeder Einzelne geklickt hat, kann man nicht sagen. Die Formulierung Gefällt-Mir sollte man aber nicht zu wörtlich nehmen.

Was sagt sein Erfolg über die Gesellschaft aus?

Dass es noch leichter als in der Vergangenheit ist, die berühmten 15 Minuten Ruhm zu bekommen, die Andy Warhol in den 70ern vorausgesagt hat. Das hat auch technische Gründe: Es ist heute sehr leicht, kreativ zu sein und seine Kreativität zu verbreiten – und Hans ist auf seine Art durchaus kreativ. Er braucht keinen Sendemast und keine Druckerpresse, er braucht nur ein Smartphone – und bekommt durch Netzwerkeffekte eine enorme Reichweite.

Es gibt ein Video mit Hans und Schauspieler-Sohn Jimi Blue Ochsenknecht.

Momentan passiert etwas, das oft passiert: Die Tatsache, dass er Erfolg hat, generiert eine weitere Berichterstattung – dieses Interview zum Beispiel. Das lenkt neue Aufmerksamkeit auf ihn und es kommt zum Phänomen, dass sich Prominente in seinem Ruhm mitfeiern lassen wollen. Man kann darüber streiten, wer von wem profitiert.

Was sagen Sie Eltern, die sich Sorgen machen, wenn ihre Kinder Hans Entertainment gut finden und jeden Satz mit "so true" beenden?

Solche Kulturphänomene gibt es in jeder Generation. Bei mir in den 80er-Jahren waren es Serien wie "Ein Colt für alle Fälle" und Bud-Spencer-Filme. Meine Eltern haben gerne "Zur Sache, Schätzchen" mit Uschi Glas gesehen und Sprüche daraus zitiert. Dass Jugendliche sich durch Medien beeinflussen lassen, gibt es nicht erst sein Hans Entertainment – Technologien wie Youtube oder Facebook heizen die Zirkulation aber extrem an. Gefährlich ist das nicht. Wo ist der tiefere kulturelle Wert, wenn die Großeltern Traumschiff gucken und die Eltern Duran Duran hören?

Wie geht es weiter mit Hans?

Das ist absolut offen und hängt nur zum Teil von ihm und seiner Qualität ab. Es kann sein, dass er keine Lust mehr hat oder dass sein Publikum das Interesse verliert – das kann passieren, wenn er nur sein Schema beibehält, irgendwas zu erzählen und ab und zu "so true" zu sagen. Es gibt ein anderes Extremszenario: Er wird populärer. Noch mehr Medien berichten über ihn, auf einmal ist er kein südbadisches Phänomen mehr. Wenn er richtig Glück hat, lädt ihn Stefan Raab in eine seiner letzten Sendungen ein – dann kann es sogar sein, dass wir ihn in fünf Jahren in einer Neuauflage des Dschungelcamps sehen. Prognostizieren kann man das aber nicht. Es könnte auch sein, dass er irgendwann sagt: Ich will für andere Dinge bekannt sein als "so true" zu sagen und "Amina Koy" zu rufen.

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[Bild 1: Daniel Laufer, Bild 2: Privat]