Ein Mann lagert in der Unterwiehre - wie geht es jetzt weiter?

Adrian Hoffmann

Der Obdachlose Alf H. campiert seit Wochen auf einer Wiese an der Merzhauser Straße in der Unterwiehre. Er ist alkoholabhängig und psychisch krank, die Nachbarn sind ratlos. Wie soll es weitergehen?



Die Polizei schaut oft vorbei, die Feuerwehr war auch schon da. Die Nachbarn sind mit den Nerven am Ende. Eine Situation, die an das Geschehen in der Kaiser-Joseph-Straße Ende 2014 erinnert, wo eine Frau wochenlang campierte und zusehend verwahrloste – trotz diverser Hilfsangebote.


Günther Rohrbach und seine Frau wohnen etwa 20 Meter entfernt von dem Lager, das sich der 49-jährige Alf H. errichtet hat, in einem frei stehenden Haus. Am Anfang hatten sie gehofft, ihr neuer Nachbar würde weiterziehen, doch sie wurden eines besseren belehrt. "Wir reden hier über einen freundlichen Menschen, der sagt, er sei völlig harmlos", erklärt Rohrbach. "Aber er stellt meine Toleranz auf eine harte Probe."

Plötzlich stand Alf H. in der Küche der Rohrbachs

Jede Nacht offenes Feuer. "Das macht mich nervös. Er hat sich schon komplett abgefackelt, die Feuerwehr musste kommen", sagt Rohrbach. Jede Nacht laute Musik, zu später Stunde fängt Alf H. auch noch an herumzuschreien. Zweimal schon sei Alf H. plötzlich vor seiner Frau in der Küche ihrer Wohnung gestanden, sie sei sehr erschrocken. "Meine Frau hat Angst", so Günther Rohrbach – und hier fange das Problem an: Seine Frau und er würden in ihrer Freiheit beschnitten. Seine Frau traue sich nicht einmal mehr allein in den Garten, wenn er nicht zu Hause sei. Und dann der ganze Unrat und Dreck. "Also ein Dauerzustand kann das alles nicht sein."

Doch was kann man tun, wenn sich der Betroffene nicht helfen lässt? Willibert Bongartz, Leiter der Pflasterstube, kennt Alf H. seit vielen Jahren. "Vielleicht kann man ihm gar nicht mehr helfen", sagt Bongartz. "So hat er mir das jedenfalls mal gesagt. Er praktiziert ein öffentliches Sterben, auch wenn sich das hart anhört." Alf H. leidet an Morbus Crohn, einer chronischen Darmerkrankung. Es stehe Alf H. natürlich eine Unterstützung offen, die Möglichkeit auf eine Wohnung. Er nimmt sie nur nicht wahr. In die Obdachlosenunterkunft Oase will er nicht, sagt Alf H. selbst. Dort gebe es Diebe und Gewalttäter. Das "Recht auf Krankheit" habe einen Preis, so Bongartz von der Pflasterstube. Man müsse das Leid anderer mit anschauen und ertragen.

Von städtischem Grund ist Alf H. die vergangenen Jahre immer wieder verwiesen worden. Die Wiese an der Merzhauser Straße ist allerdings im Besitz der Stiftungsverwaltung, deren stellvertretender Direktor Günther Rohrbach ist. Ein Sachbearbeiter der Immobilienabteilung hatte mit Alf H. gesprochen, doch der ist nur von der Mitte der Wiese höher an den Rand umgezogen. Rohrbach selbst will sich nicht einmischen und Anzeige erstatten – er hatte stets die Hoffnung, dass sich die Entwicklung ohne Polizei und einvernehmlich lösen lässt.

Und für die Polizei ist der Fall eigentlich klar: Aufenthalt auf fremden Grundstücken gegen den Willen des Eigentümers bedeutet Hausfriedensbruch. "Der Betreffende kann vom Eigentümer ohne Angabe von Gründen von der Örtlichkeit verwiesen werden", sagt Polizeisprecher Walter Roth. Aber dann? "Ich wüsste nicht, was die Stiftungsverwaltung machen sollte", sagt Günther Rohrbach. "Ich fürchte, den Mann kann man so oft räumen wie man will, er kommt immer wieder." Bongartz von der Pflasterstube dagegen meint, vielleicht tue das einem Obdachlosen wie Alf H. sogar gut, wenn er wegen Hausfriedensbruchs angezeigt würde.

Alf H. will jetzt eine Entziehungskur anfangen

Vor zwei Wochen ist die Situation eskaliert. Alf H. wurde von der Polizei aufgegriffen, weil er Steine auf Autos und Passanten geworfen haben soll. Als die Polizei ihn festnehmen wollte, hat er sich mit einem Spiegelstück ins Gesicht und in die Arme geritzt. Die verkrusteten Wunden sind noch heute zu sehen. Wer mit Alf H. das Gespräch sucht, wird feststellen, dass er ein netter Kerl sein kann. "Ich möchte mal etwas anderes, als immer hin- und hergetrieben zu werden", sagt er. Unter er Leo-Wohleb-Brücke sei es nicht recht gewesen, am Essenstreff nicht – und auch jetzt wieder. "Man könnte mich einfach mal in Ruhe lassen." Er wäre ja gerne in den Pyrenäen geblieben, wo er Anfang des Jahres noch gewesen sei. Da bekomme er aber keine Grundsicherung in Höhe von 399 Euro ausgezahlt.

Alf H. meint, er wisse, dass er es in den letzten Tagen und Wochen übertrieben habe. "Ich bin eigentlich Pazifist." Aber eben auch Alkoholiker, gesteht er ein. Ständig nippt er an einer Wodka-Flasche, sein Pegel ist unentwegt hoch. Er werde jetzt wahrscheinlich machen, was ihm in der Psychiatrie Emmendingen angeraten wurde: eine dreiwöchige Entziehungskur. Am heutigen Donnerstag soll sie beginnen. Er befürchte, dass er zwangseingewiesen werde, wenn er ablehne. "Vielleicht ist es wirklich gut, wenn ich das mal mache."

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[Foto: Ingo Schneider]