Ein Leben hinterm Tresen: Freiburgs ältester Wirt ist gleichzeitig Freiburgs bester Geschichtenerzähler

Julia Dreier

Mit 84 Jahren ist Rudi Kuhni Freiburgs ältester Wirt – und ein Quell abstrus-lustiger Geschichten. Egal ob über Volker Finke, den Justizminister, Mirabellenschnaps oder einen Rekorder auf dem Damenklo - Rudi kann 2 Stunden am Stück Witze erzählen. Warum er seine Möslestube aber nur noch mithilfe seiner Stammgäste betreiben kann:



"Gib mir mal das Glas da drüben!" Wenn der 84-jährige Rudi Kuhni um einen Gefallen bittet, hilft man gerne. Ein beherzter Griff – das leere Bierglas lässt sich nicht heben. Und hinter dem Tresen bekommt Freiburgs ältester Wirt einen Lachanfall.


Das ans Tablett geschraubte Glas ist einer seiner Lieblingsscherze – eine von vielen versteckten Tücken in der Möslestube an der Schwarzwaldstraße, womit der Wirt am "Kommandobalken" hinterm Tresen seine Gäste reinlegt. Hier zieht Rudi Kuhni im wahrsten Sinne des Wortes die Fäden – und lässt riesige Spinnen auf Schultern landen oder Holzbretter nur knapp Nasen verfehlen.

Ältester Wirt – und härtester Türsteher der Stadt

Doch manchmal braucht Rudi Kuhni tatsächlich Hilfe. Das liegt an seinem Alter. 84 Jahre. Seit 45 Jahren Wirt der Möslestube. Jetzt zahlen sich seine strenge Regeln aus, was die Auswahl seiner Gäste betrifft – denn die greifen ihm nun unter die Arme. "Ich habe nur anständige Gäste", sagt Rudi Kuhni, der nicht nur Freiburgs ältester Wirt ist, sondern vielleicht auch der härteste Türsteher der Stadt.

Betrunkene Fußballfans? Nicht bei Rudi. Auch wenn er seit dem Bau des Stadttunnels und dem Wegzug der Freiburger Messe sehr viel weniger Gäste hat, ist er wahrscheinlich der einzige Wirt, der seine Kneipe schließt, wenn der SC Freiburg einige hundert Meter entfernt spielt – und Scharen trinkfreudiger Fußballfans in Richtung Stadion und zurück pendeln. "Nur der Volker, der ist ein feiner Kerl", erinnert sich Rudi Kuhni. Der ehemalige SC-Trainer Volker Finke war früher oft Gast in der Möslestube und hat Mirabellen-Schnaps getrunken: natürlich mit Rudi, wie ihn seine Gäste nennen.

Es ist 20 Uhr, ein Sonntag, die Abendsonne taucht die Möslestube in ein orange-rotes glühendes Licht. Wer regelmäßig durch die Schwarzwaldstraße fährt, sieht Rudi oft in der Tür unter dem leuchtenden Schriftzug der Möslestube stehen – so wie heute. Ein bisschen wartet er auf Gäste, ein bisschen bewacht er seine Gaststätte.



Sonntag ist der Tag, an dem Stammgast Anastasia Braun zur Aushilfe kommt. Doch außer ihr wird am heute kein anderer Gast mehr kommen. Solche Tage gibt es auch. Dann spielen die beiden gemeinsam Würfelspiele – und hoffen, dass doch noch Einer auf ein Pils mit der perfekten Schaumkrone vorbeikommt.

Die Jukebox spielt Bruce Low in der Dauerschleife

Und dann gibt es Tage, an denen ist die Kneipe gerammelt voll. An denen der Wirt froh ist über seine Stammgäste, die ihm beim Servieren, Bier zapfen, Tragen oder Einkaufen helfen. Zwar hat Kuhni Bedienungen, die ab und zu kommen. Aber es kommt nicht genug Geld rein, um sie täglich zu beschäftigen.

Bis drei Uhr nachts ist die 50-jährige Anastasia Braun manchmal da – für 30 Euro plus Trinkgeld. "Eigentlich habe ich das Bedienen gar nicht richtig gelernt", sagt sie. Aber die Freiburgerin hilft dem Wirt gerne: "Du bist die pure Unterhaltung, Rudi", sagt Anastasia Braun und lächelt ihm zu.

Plötzlich hängt die alte Jukebox, die nur noch mit Markstücken zum Spielen gebracht werden kann, und spielt Bruce Lows "Soviel Wind und keine Segel" in Endlosschleife. Mit einem starkem Ruckeln bringt die Aushilfsbedienung sie wieder in Gang.

"Ich kann zwei Stunden lang Witze erzählen!"

An anderen Tagen helfen andere Stammgäste aus: Einer kommt montags aus Denzlingen und fährt mit Rudi Kuhni zum Einkaufen – denn der hat seinen Führerschein schon vor einer Weile abgegeben.

Praktisch auch, wenn man Gäste hat wie den Herzchirurgen Friedhelm Beyersdorf. "Immer im Sommer hab’ ich’s am Herz", sagt Rudi und greift sich an die Brust. Gut, wenn man Gäste hat, die einem nicht nur unter die Arme greifen, sondern auch eine Herz-OP machen können. Eine Altersvorsorge, sagt der älteste Wirt der Stadt, habe er nicht. Er wird solange hinter dem Tresen stehen, bis es nicht mehr geht.

Dafür sind ihm unter anderem die Studenten von der Musikhochschule nebenan dankbar – sie kommen oft zum Mittagessen. Empfehlenswert ist der selbstgemachte Kartoffelsalat. Rudi Kuhni macht ihn mit gedämpften Zwiebeln an und verwendet nur gelbe Kartoffeln: Die sind aromatischer.

Als Rudi den Justizminister überredete, die Sperrstunde zu kippen

In die Möslestube kommen die Gäste aber vor allem wegen Rudi selbst: "Ich kann zwei Stunden lang Witze erzählen!" Und Geschichten noch und nöcher, im breitesten Alemannisch. Zum Beispiel wie er den früheren Justizminister von Baden-Württemberg, Heinz Eyrich, dazu brachte, die Sperrstunde ab 24 Uhr abzuschaffen.



Oder wie er früher seine weiblichen Gäste verschreckt hat: "Ich hatte einen Kassettenrekorder auf der Toilette versteckt. Darauf hatte ich Sprüche aufgenommen wie: Gehen Sie doch zur Seite, Sie scheißen mir ja auf den Kopf! Eine ist mal schreiend rausgerannt und hat noch im Rennen das Höschen hochgezogen", erzählt Rudi und lacht laut. Den Rekorder gibt’s heute nicht mehr, verspricht er. Trotzdem: Jugendfrei ist’s in der Kneipe immer noch nicht, warnt der Gastronom.

"Seit Jahrzehnten habe ich an Heiligabend auf, wegen meiner Gäste ohne Familie, die nicht wissen wohin."

Die Möslestube ist sein Leben. "Ich war das letzte Mal vor 25 Jahren im Urlaub, in Österreich", erinnert sich das waschechte Bobbele. Bereut hat Rudi Kuhni nichts. "Seit Jahrzehnten habe ich an Heiligabend auf", erzählt der Wirt, "wegen meiner Gäste ohne Familie, die nicht wissen wohin." Und das trotz seiner eigenen Familie mit zwei Kindern und mehreren Urenkeln. Die Möslestube hat jeden Tag ab 18 Uhr geöffnet.



In Gastro-Jahren ist die Möslestube eine alte Dame, und man sieht ihr die bald 45 Jahre an: Wo andere auf helles und klares Ambiente setzen, ist es hier dunkel, verwinkelt und – voll. Der 84-Jährige ist ein Sammler. Miniatur-Schnapsflaschen, Militärmützen und Modellautos hat er, aber auch eine argentinische Rinderpeitsche, die ihm ein Kapitän mitbrachte, und mehr als 1000 Schallplatten – "alles Singles aus der Jukebox aus den 60er bis 80er Jahren!"

Seine Stammgäste hatten die Idee, dass Rudi mit seiner Sammelleidenschaft noch etwas Geld verdienen könnte. So verkauft er die gesammelten Werke der Möslestube nun im hauseigenen Flohmarkt. Öffnungszeiten: immer.

Mehr dazu:

fudder-Serie: Wer spricht das schönste Alemannisch? [Foto1: Rita Eggstein, Foto 2&3: Fabian Tetzlau]