Ein Jochbeinbruch und viel Alkohol

Eva Hartmann

Der Stühlinger Kirchplatz ist ein beliebter Treffpunkt für Alkoholabhängige und Obdachlose. Lautstarke Streitereien und körperliche Auseinandersetzungen sind hier nichts Besonderes. Ein Vorfall mit gefährlicher Körperverletzung kam heute im Amtsgericht zur Verhandlung.



Der Tathergang

Auf der Anklagebank sitzt Andrea B., eine ehemals heroin- und alkoholabhängige Frau Ende 30, die erst seit kurzer Zeit nicht mehr obdachlos ist. Im Frühsommer letzten Jahres nahm sie an einer der üblichen Trinkrunden am Stühlinger Kirchplatz teil. Vier bis fünf Flaschen Bier und etwa sieben Schlucke aus einer großen Flasche Jägermeister hat sie laut eigener Angabe getrunken, als ihre ehemalige Freundin Karin W. auftaucht und an der Runde teilnehmen möchte.

Zwischen den beiden Frauen schwelt seit einigen Wochen ein unterschwelliger Konflikt - beide sind nicht gut aufeinander zu sprechen. Karin W. will der deutlichen Aufforderung Andrea Bs., sich woanders zu betrinken, nicht Folge leisten; es kommt zu einer wüsten verbalen Auseinandersetzung zwischen den beiden bereits stark alkoholisierten Frauen. Die Sachverständige rechnet später vor, dass sich der Blutalkoholwert von Andrea B. irgendwo zwischen mindestens 2,0 und maximal 4,1 Promille befunden haben muss.

Irgendwann verliert Andrea B. die Kontrolle und geht körperlich auf Karin W. los. Laut Anklageschrift soll sie der Geschädigten derart mit dem Fuß ins Gesicht getreten haben, dass diese einen Jochbeinbruch und eine große Platzwunde an der Augenbraue erlitt und mehrere Tage stationär behandelt werden musste.



Die Verhandlung

Wie der Tathergang tatsächlich verlief, lässt sich während der Verhandlung nicht vollständig klären. Sowohl die Angeklagte, als auch die Geschädigte können sich durch den Alkoholeinfluss, unter dem beide während der Tat standen, nur noch bedingt an Einzelheiten erinnern. Vieles wissen sie nur noch bruchstückhaft, anderes gar nicht mehr. Widersprüche in den Aussagen der beiden beteiligten Frauen können so nicht geklärt werden.

Andrea B. zeigt sich im Nachhinein schockiert über ihr eigenes Verhalten: "Ich weiß wirklich nicht, was mich da geritten hat", beteuert sie mehrmals. Die Einladung des Richters, sich noch einmal die Fotos von den Verletzungen der Geschädigten anzusehen, lehnt sie ab. "Ich hab sie ja direkt danach gesehen, sie sah sehr schlimm aus", sagt sie und wirkt glaubhaft in ihrer Erschrockenheit über das eigene Verhalten.

Unmittelbar nach der Tat, so erzählt Andrea B. auf Aufforderung ihres Anwaltes, habe sie sich bei Karin W. entschuldigt, sich in eine Entzugsklinik begeben und sich anschließend um eine eigene Wohnung gekümmert. Heute sei sie froh darüber, nicht mehr so viel mit der Szene am Kirchplatz zu tun zu haben.

So wenig sie sich auch genau erinnern kann, in einem ist sie sicher: Keinesfalls habe sie Karin W. getreten; die massiven Gesichtsverletzungen habe sie der Geschädigten auf ihr sitzend durch Fausthiebe zugefügt, während diese auf dem Rücken lag. Die Geschädigte hingegen erinnert sich genau an einen eindeutigen Fußtritt: "In meiner Erinnerung sehe ich noch immer diesen Fuß mit dem roten Boxerstiefel auf mich zukommen", so beschreibt sie das letzte Bild, das sie sah, bevor ihr Jochbein brach und Blut in ihr Auge lief.



Während beide Optionen für gewöhnliche Ohren ähnlich brutal klingen, wiegt ein möglicher Fußtritt in dieser Situation juristisch offensichtlich schwerer, als ein Fausthieb. Da sich die genauen Umstände des Tathergangs ohnehin nicht klären lassen, konzentriert sich die Verhandlung zunehmend darauf, abzuwägen, welche dieser beiden Gewalteinwirkungen nun die wahrscheinlichere war.

Die Sachverständige des Rechtsmedizinischen Instituts kann hier trotz ausführlicher Untersuchung der Fotos und Arztbriefe und trotz detaillierter Nachfragen kein eindeutiges Urteil abgeben. "Beide Möglichkeiten sind plausibel", erklärt sie. Das Gericht entscheidet sich, für die Urteilsfindung von einem Fußtritt auszugehen.

Das Urteil

Der Rechtsanwalt von Andrea B. hebt in seinem Plädoyer noch einmal die Reue seiner Mandantin über deren eigenes Verhalten vor und untermauert ihre Bemühungen, sich bei Karin W. zu entschuldigen und ihren Weg aus der Szene heraus und zurück in ein einigermaßen geregeltes Leben zu finden. Aufgrund dieser Umstände und der durch Alkoholeinfluss eingeschränkten Schuldfähigkeit seiner Mandantin plädiert er für eine Aufhebung des Verfahrens.

Der Staatsanwalt möchte sich darauf nicht einlassen. Die Bemühungen Andrea B.s müsse man zwar bei der Urteilsfindung berücksichtigen, doch sei die begangene Körperverletzung trotz allem zu massiv und das Vorstrafenregister der Angeklagten zu gut gefüllt, um sie ohne Strafe aus der Sache zu entlassen. Eine Freiheitsstrafe von fünf Monaten hält er für tatangemessen.

Der Richter findet schließlich einen Kompromiss: Aufgrund der zahlreichen Vorstrafen der Geschädigten - ausschließlich Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz - und dem Umstand, dass sie zum Tatzeitpunkt dreifach unter Bewährung stand, hält auch er eine Aufhebung des Verfahrens für nicht vertretbar. Er verurteilt Andrea B. schließlich zu einer fünfmonatigen Bewährungsstrafe sowie 50 Stunden unentgeltlicher Arbeit in einer sozialen Einrichtung.



Der schönste Satz

Der Richter zur Angeklagten, als die sich nicht recht traut, die in der Auseinandersetzung gefallenen Schimpfwörter in aller Deutlichkeit wiederzugeben:

"Wir sind hier nicht im Mädchenpensionat, Sie müssen schon sagen, was Sache war."