Ein Jahr Säule der Toleranz: Fünf Antworten von Ulrich von Kirchbach

David Weigend

Morgen wird die Säule der Toleranz auf dem Augustinerplatz ein Jahr alt. Wir haben mit Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach gesprochen, der die Aufstellung der Säule von Anfang an forcierte. Jetzt resümiert er, inwiefern diese Anschaffung das Lärmproblem auf dem August lösen konnte.



Herr von Kirchbach, in die Säule der Toleranz wurden in Zeiten leerer Kassen stolze 18.000 Euro investiert. Hat sich die Maßnahme bezahlt gemacht?

Diese einmaligen Kosten beziehen sich ja aufs Gesamtkonzept, die Säule selbst hat davon noch am wenigsten gekostet. Es ging auch um die personelle Besetzung der Toiletten am Augustinerplatz und ums Infoteam. Wenn man all das auf fünf Jahre runterrechnet, sind das ein paar tausend Euro pro Jahr. Jeder größere Polizeieinsatz würde schon in einer Nacht mehr kosten als diese Maßnahmen. Natürlich könnte man jetzt sagen: auch ein anderes optisches Signal hätte es getan, was Kleineres. Aber wir sind immer noch der Auffassung, dass alles andere verpufft wäre, ein akustisches Signal sowieso. Es musste schon was Robustes sein. Andernfalls hätte es schon die erste Nacht gar nicht überstanden.

Wie schätzt der Gemeinderat den Erfolg der Säule ein?

Die Säule hat noch nicht alle Probleme auf dem Augustinerplatz gelöst. Vor 2009 haben die Eskalationen zugenommen, die Säule hat die Situation etwas verbessert. Wir wollen erreichen, dass Leute den Platz nutzen können, ohne, dass die Anwohner davon gestört werden. Für letztere ist die Situation noch nicht optimal. Die ersten warmen Nächte dieses Jahr sind durchwachsen gewesen: Nach Mitternacht gibt es schon einige Treppenhocker, die übers Ziel hinausschießen. Das gilt auch für diejenigen, die erst nach 24 Uhr zum Platz kommen. Es ist nach wie vor nicht ganz einfach.



Es gab mitunter Spott und Kritik für die Säule. Wie sehr hat Sie das verletzt?

Überhaupt nicht. Wenn man was anpackt, muss man auch Kritik aushalten. Bis auf die Handgreiflichkeiten am ersten Tag fand ich die Kritik auch gar nicht so schlimm. Der Spott hat sich auch bald gelegt, die Säule ist ja schon eine Art Kultsäule geworden. Unser Infoteam, das inzwischen wieder auf dem Platz aktiv ist, sagt, dass etwa 90 Prozent der Platznutzer unser Konzept befürworten.

Wie Sie eben erwähnten, hat Sie ein Platznutzer am Eröffnungsabend an der Krawatte gezogen und beleidigt. War dies eigentlich der Auslöser für Ihre Boxkarriere?

Nein, das hatte einen ganz anderen Hintergrund. Aber ich hätte mich auch damals schon zu wehren gewusst. Allerdings bin ich eine Amtsperson und werde mich hüten, eine Schlägerei vom Zaun zu brechen, besonders mit einem Betrunkenen. Wenn er mich körperlich attackiert hätte, hätte ich auch körperlich reagieren müssen. Klar lasse ich mich nicht zusammenschlagen. Aber solange er mich nur an der Krawatte zupft, wäre eine körperliche Reaktion von meiner Seite aus unverhältnismäßig gewesen. Dann hätten Sie wahrscheinlich getitelt: „Bürgermeister schlägt Platznutzer“ oder so ähnlich.



Sie sagen, die Säule der Toleranz habe die Situation auf dem Augustinerplatz zwar verbessert, aber noch nicht optimiert. Wie wollen Sie den Konflikt zwischen Anwohnern und Platznutzern dauerhaft lösen?

Wir müssen erreichen, dass der Lärmpegel nach 24 Uhr deutlich abnimmt: Musikdarbietungen, lautes Hundegebell, Schreie, Flaschenwerfen und so weiter, all das muss nach Mitternacht einfach aufhören. Mann soll sich auf dem Platz natürlich aufhalten und sich unterhalten können. Aber mit Rücksicht. Das klappt ja auch meistens. Doch es reicht, wenn sich einige wenige nicht daran halten und die anderen zum Lautsein anstacheln. Das ist dann sehr kontraproduktiv. Wir sind jedoch auf gutem Wege. Solche Situationen lassen sich nicht von einem Jahr aufs andere lösen. Wir haben einen positiven Prozess in Gang gesetzt, ohne den Platz zu sperren, große Polizeiaktionen zu fahren oder um 0.30 Uhr den Platz mit dem Spritzenwagen zu säubern. Gleichwohl betone ich: Wohnen in der Innenstadt muss möglich sein. Wir können die Innenstadt nicht der Anarchie preisgeben und die City zur Partymeile machen. Viele haben das schon verstanden.

[Fotos: Ingo Schneider, Thomas Kunz]

Mehr dazu: