Ein Fußballbuch über die Theater der Träume

Adrian Hoffmann

Rudi Raschke (36) steht auf Stadien. Schon während seines Soziologiestudiums in seiner Heimatstadt Freiburg hat der Playboy-Redakteur in einer wissenschaftlichen Hausarbeit beschrieben, wie sich der Stadionbau im Laufe der vergangenen 20 Jahre gewandelt hat. "Früher waren es drei Betontreppen, heute kann ein Stadion eine ganze Stadt prägen", sagt er. Jetzt hat er ein Buch dazu geschrieben. Es heißt, wer hätte es gedacht: Stadion.



Eigentlich sei die Stadionarchitektur ein zeitloses Thema, sagt Rudi Raschke, aber das WM-Jahr hat natürlich auch ihm als Zeitpunkt für die Veröffentlichung ganz gut gepasst. Danach wäre es problematisch gewesen, denn die WM wird sättigend auf die Fußballlust der Menschheit wirken. Also kommt es eben jetzt raus, und zwar mit zehn Kapiteln rund um das Thema Stadion und dazu wunderschönen 150 Fotos - und charmanten Zitaten, hier als Ankündigung auf Kapitel 1, von Eduardo Galeano, Journalist und Schriftsteller aus Uruguay:


"Sind Sie schon einmal in einem leeren Stadion gewesen? Machen Sie einmal die Probe. Stellen Sie sich mitten auf den Platz und lauschen Sie genau. Es gibt nicht Volleres als ein leeres Stadion. Es gibt nichts Lauteres als die Ränge, auf denen niemand steht."


Und genau so scheint es auch Rudi Raschke zu gehen. Er ist fasziniert von den Stadien dieser Welt. Selbst im Urlaub klappert er sie ab, zum Leidwesen seiner Freundin. "Es ist ein Sport von mir", sagt er. Rudi Raschke hat sich auch schon ein drittklassiges Spiel in Siena angeschaut, man hätte stattdessen auch durch die Toskana gondeln können, aber nein, er muss ins Stadion. Und das ist es auch, worüber er schreibt: "Im Theater der Träume - das Stadion als Sehnsuchtsort". Er beschreibt das Stadion als Theater, bei dem die Zuschauerränge die eigentliche Bühne auf dem Rasen so umgeben, dass die Zuschauer selbst zu Darstellern auf einer zweiten Bühne werden. Auszug: "Für den Fan ist das Stadion Inbegriff von Heimat."

Rudi Raschke zeigt in seinem Buch, wie vielseitig das Stadion an sich thematisiert werden kann. Er geht darauf ein, dass Städte und ihre Stadien ein frühes geografisches Raster für viele Kinder bilden, dem manche sogar ihre ersten Landkarten-Kenntnisse verdanken würden. Er schreibt über die neue Nähe zum Spielfeld, über steile Ränge und über den engen Platz um das Spielfeld herum. Und er schreibt davon, wie fernsehgerecht die heutigen Stadien konzipiert sind. "Trainerleid und Torjubel müssen dem 800 Kilometer entfernten TV-Fan ebenso nahe gebracht werden wie dem einheimischen Anhänger im Stadion."

In einem Kapitel geht Rudi Raschke auch auf den SC Freiburg ein, von dem er leidgeprüfter Fan sei, wie in seiner Autorenbeschreibung zu lesen ist. Er thematisiert nicht das Stadion (im Telefonat sagt er: "Architektonisch ist es keiner großer Wurf, ein Patchwork"), sondern die Fan-Kultur, die beim SC in den Neunzigerjahren eine "Kreativität von den Rändern" gewesen sei. "Durch die Bauweise des Stadion begünstigt [?] suchten sich die unterschiedlichsten Fan-Milieus ihre Standorte, um einen eigenen Beitrag zur Gesamtstimmung zu leisten: Studenten und Dozenten waren ebenso darunter wie hippieske Sambafreaks. Die Stammgäste im Rentenalter fanden sich auf der Haupttribüne im mittelständischen VIP-Auftrieb ein."

Im zehnten und letzten Kapitel listet Rudi Raschke alles auf, was Menschen mit einem Hang zu Zahlen und Daten interessiert, für die Größe der Videotafeln und das Gewicht der Dachkonstruktion. Unter anderem mit der Münchner Allianz Arena, übrigens Raschkes Lieblingsstadion ("Das ist ein Adrenalinkick, wenn du durch die engen Flure auf deinen Platz gehst, durch dieses Nadelöhr, da flattern dir echt die Hosenbeine").

Es ist auch wieder mal typisch, dass ausgerechnet ein Playboy-Redakteur ein Buch über Fußballstadien schreibt, oder? Das Klischee ist bestätigt: Männer interessieren sich nur für Sex und Fußball. "Auf unserem nächsten Cover titeln wir ?Die beiden schönsten Nebensachen der Welt’", sagt Rudi Raschke, "aber mit meinem Architektur-Faible bin ich beim Playboy schon ein wenig allein."

Mehr dazu:

Rudi Raschke: Stadion, Collection Rolf Heyne
Preis: 58 Euro
288 Seiten, 150 Fotografien, 12 Baupläne, Gewicht: zwei Kilo, Format: 25 mal 29 Zentimeter, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 3-89910-303-3