Ein Freiburger Start-up will das Wartezimmer digitalisieren

Marie Schächtele

Ärzte haben Zeitmangel. Daher entwickelt ein Freiburger Start-up eine Software, mit der Patienten Fragen zu ihrer Krankengeschichte im Wartezimmer auf dem Tablet beantworten. So sollen die Ärzte mehr Zeit für das persönliche Gespräch haben.

Das Produkt

Die Tatsache, dass Ärzte zu wenig Zeit für ihre Patienten haben, ist für Lucas Spohn (27) und Lilian Rettegi (27) ein Widerspruch. In Praktika und dem Praktischen Jahr haben die beiden Ärzte die unschöne Wirklichkeit des Heilberufs kennengelernt. Ärzte unterhalten sich oft kaum mit den Patienten und wenden schnell apparative Diagnostik an, zum Beispiel Röntgen, Blutabnahme oder Ultraschall.

Schuld daran seien die finanziellen Rahmenbedingungen der Ärzte. Die Gesprächsdauer werde nicht vergütet, bei Homöopathen ist das anders. Lucas nennt es eine "Schrotschussdiagnostik", wenn Ärzte viel untersuchen, ohne besonders zielgerichtet zu sein, bis sie auf das Passende stoßen.

Lucas und Lilian entwickeln deshalb seit September zusammen mit dem Informatiker Jérôme Meinke (26) die Software "Idana", mit der die Erhebung der Krankheitsvorgeschichte eines Patienten, die sogenannte Anamnese, digitalisiert ablaufen soll.

Die Anamnese sei für die medizinische Untersuchung sehr wichtig: "Der Patient kennt seine Krankengeschichte am besten und ist Experte für seine Krankheit." Lucas ist der Meinung: "Wenn die Zeit nun mal nicht existiert, dass der Arzt eine ausführliche Anamnese persönlich machen kann, dann soll das wenigstens die Software machen".

Lilian erklärt: "Wir wollen eine wirklich gute, ausführliche Vorab-Analyse mit Idana erheben, die so gut ist, dass der Arzt nur noch Detailfragen im Gespräch erfragen muss oder auf die individuellen Fragen des Patienten eingehen kann".

Je nachdem, mit welcher Vordiagnose ein Patient beim Arzt ist, füllt der Patient entweder auf dem Tablet im Wartezimmer oder noch daheim auf dem Smartphone einen digitalen Fragebogen mit Fragen aus, etwa: Seit wann hat der Patient die Krankheit? Ist sie zum wiederholten Mal aufgetreten? Welche Vorerkrankungen bringt der Patient mit sich? Welche Operationen wurden bei ihm durchgeführt?

Die Ergebnisse bekommt der Arzt auf seinem Computer angezeigt. So soll die Dokumentation der Anamnese für den Arzt unbürokratischer werden. Außerdem soll der Datenaustausch zwischen Arzt und Patienten und unter Ärzten mit der Software leichter möglich sein.

Die drei Gründer haben Idana Abteilungen der Uniklinik vorgestellt. Das Feedback war überwiegend positiv. Im dritten Quartal des Jahres soll die Software veröffentlicht werden.

Die Gründer

Lucas, Geschäftsführer von Idana, studierte in Freiburg Medizin. Er interessierte sich schon in der Schule für Informatik und Naturwissenschaften und studierte neben Medizin den Bachelor "Embedded Systems Engineering". Nach dem Medizinstudium kam ihm die Idee für Idana. Beim Startinsland-Wettbewerb im November 2015 pitchte Lucas die Idee und machte sich gleichzeitig auf die Suche nach Programmierern.

Im Publikum saß Jérôme, technischer Leiter von Idana. "Seitdem ich 16 bin, habe ich neben der Schule als Programmierer gearbeitet, ich war schon immer begeistert, von Technik, Computer und Programmieren", erzählt er. Er machte einen Informatik-Bachelor und arbeitete nebenher beim Softwareunternehmen Jedox. Weil er einen Ausgleich zur Informatik suchte, kam Lucas' Idee für ihn im richtigen Moment. Die beiden verabredeten sich zu einem Kaffee und entschieden, zusammen weiterzumachen.

Lucas und Jérôme fanden über eine Absolventengruppe für Mediziner auf Facebook Lilian, die medizinische Leiterin des Start-ups, die nach ihrem Studium überlegte, was sie machen wollte. "Nach meinem Examen im letzten Frühjahr war ich doch nicht so überzeugt von dem Weg, gleich in die Klinik zu gehen und habe nach anderen Möglichkeiten Ausschau gehalten, als Ärztin tätig zu werden", erinnert sich Lilian. Zu dritt gründeten sie Idana.

Die Finanzierung

Ein Jahr lang wird das Start-up durch das EXIST-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums unterstützt. "Es ist das absolute Topprogramm für Ausgründungen der Universität", erzählt Lucas. Weil sie eine wissenschafts- und universitätsnahe Idee entwickeln, konnten sie das Stipendium bekommen. "Wir sind an den Lehrstuhl für Versorgungs- und Rehabilitationsforschung der Uni angegliedert". Lucas ist froh, dass das finanzielle Risiko durch das Stipendium entfernt ist. "Ein Luxus für eine Gründung", sagt Lucas. Nun suchen die Gründer Wege der Finanzierung für danach.

Tipps für andere Gründer

Das Gründerbüro der Uni Freiburg halten die Gründer von Idana für eine sehr gute Einrichtung. "Vom Gründerbüro der Uni Freiburg haben wir sehr viel Hilfe und Unterstützung erhalten", erzählt Lucas. "Es ist richtig cool, selber entscheiden zu können und sich selber etwas aufbauen zu können", findet Lilian. "Oft macht man Dinge zum ersten Mal", sagt Jérôme. "Man liest sich ein und lernt dann by doing." Lucas hält die Teamwork für wertvoll. "Es gibt keinen anderen Bereich, in dem man so eng zusammenarbeiten kann."