Interview

Ein Freiburger Projekt will Geflüchteten beim Start in die Ausbildung helfen

Stefan Mertlik

Ende Oktober startet das Projekt "Fit für die Ausbildung", das Auszubildenden mit Sprachbarrieren helfen soll. Gerd Schneider von "Bildung für alle" hat das Projekt mitgestaltet.

"Fit für die Ausbildung" soll Auszubildenden mit Sprachbarrieren dabei helfen, Berufsschulinhalte zu wiederholen und Fachsprachen zu erlernen. Zudem sollen individuelle Lernstrategien erarbeitet werden, um den Auszubildenden auch über sprachliche Probleme hinaus zu helfen. Gerd Schneider von "Bildung für alle" sprach mit Stefan Mertlik darüber, wie die Idee für das Projekt entstanden ist und welche Probleme es zu lösen gab.


Wen möchten Sie mit dem Projekt "Fit für die Ausbildung" ansprechen?

Schneider: Ganz konkret möchten wir Neuzugewanderte ansprechen, die große Hemmnisse haben, eine duale Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Das sind in allererster Linie geflüchtete Menschen, die in eine Ausbildung gekommen sind und dabei feststellen, dass sie diese ohne massive Unterstützung nicht erfolgreich abschließen werden.
"Wir möchten den Azubis einen sicheren Raum geben, in dem sie sich wohlfühlen und über sich selbst Gedanken machen können."

Wie kann man sich den Ablauf des Projekts vorstellen?

Schneider: Wir lehnen das Projekt an die "SchlaU-Schule" in München an, die seit 2001 geflüchteten Menschen bei einem Schulabschluss hilft. Die "SchlaU-Schule" hat die Erfahrung gemacht, dass bei jungen Geflüchteten nicht zu wenig Mathe- oder Deutschunterricht, sondern andere Probleme die größten Lernhemmnisse sind. Acht bis zwölf Azubis können bei uns an diesen Problemen arbeiten. Dafür ist die Psychosozialbegleitung da. Wenn ein Azubi zum Beispiel in einer Gemeinschaftsunterkunft lebt und nicht schlafen kann, überlegen wir uns, wie wir helfen können. Wir möchten den Azubis einen sicheren Raum geben, in dem sie sich wohlfühlen und über sich selbst Gedanken machen können. "Fit für die Ausbildung" soll jeden Freitag stattfinden. Die Betriebe sollen ihre Azubis hierfür freistellen. Unsere Erfahrung zeigt nämlich, dass Angebote zusätzlich zur Ausbildung oft nicht funktionieren, sondern überfordern.

Wie reagieren Betriebe darauf, wenn sie ihre Azubis für einen Tag pro Woche freistellen sollen?

Schneider: Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Im ersten Lehrjahr ist es schwer zu erkennen, dass der Azubi das braucht, um die Ausbildung zu bestehen. Im zweiten oder dritten Lehrjahr ist diese Sensibilität viel größer. Aus meiner Sicht ist es unheimlich wichtig, dass die Schulen den Betrieben nach jedem Schuljahr deutlich signalisieren, wo die Azubis stehen. Geschieht das, dann besteht auch ein Bereitschaft bei den Betrieben.

Welche Qualifikationen müssen die Lehrer mitbringen?

Schneider: Eine Sprachsensibilität ist das Allerwichtigste für die Lernbegleitung. Die müssen nicht genau wissen, wie eine Kreissäge funktioniert. Dieses Wissen eignen sie sich zusammen mit den Auszubildenden an. Es geht darum, dass den Azubis erklärt wird, was ein Satz in einer Schulaufgabe überhaupt bedeutet. Wir haben oft die Erfahrung gemacht, dass die Noten besser sind, wenn man Matheaufgaben ins Englische übersetzt.

Wie finanzieren Sie das Angebot?

Schneider: Das Geld stammt aus dem Europäischen Sozialfonds. Die Handwerkskammer Freiburg ist Träger von "Fit für die Ausbildung" und hat diese Mittel beantragt, um das Projekt zu finanzieren.

Sie beschäftigen selbst Auszubildende mit Fluchthintergrund. Wie viele eigene Erfahrungen stecken in dem Projekt?

Schneider: Ich habe "Bildung für alle" damals gestartet, indem ich ein paar Freunde gefragt habe, ob sie einem Mitarbeiter von mir Deutsch beibringen können. Dieser Mitarbeiter hat später eine Ausbildung begonnen. Dabei habe ich gemerkt, wie herausfordernd die duale Ausbildung für neuzugewanderte Menschen ist. Wir befinden uns in einer Situation, in der sich zwei Bedürfnisse gegenüberstehen, die eigentlich wunderbar zusammenpassen. Auf der einen Seite gibt es viele Betriebe, die Stellen offen haben. Auf der anderen Seite gibt es viele neuzugewanderte Menschen, die ein großes Interesse daran haben, einen Beruf zu erlernen. Den Hemmnissen, die dazwischen stehen, möchten wir mit "Fit für die Ausbildung" begegnen.
Gerd Schneider, 41, ist selbstständiger Schreiner. Er gründete 2015 "Bildung für alle". Anfang 2019 erhielt der Verein den Freiburger Integrationspreis und die Auszeichnung für bürgerschaftliches Engagement.

"Bildung für alle" ist für den Publikumspreis des Deutschen Engagementpreises nominiert. Online-Abstimmung: deutscher-engagementpreis.de/publikumspreis