Ein Freiburger Professor erforscht, warum wir andere Menschen lieben können

Johanna Hasse

Als einer der Ersten untersuche Professor Markus Heinrichs, welche Rolle das sogenannte "Kuschelhormon" Oxytocin in Beziehungen spielt. Im Interview spricht er über einsame Forscherjahre, Hormon-Nasensprays und falsche Wunderdrogen.

Herr Heinrichs, Sie erforschen seit Jahren das Hormon Oxytocin, das gemeinhin als "Beziehungshormon" gilt. In den Medien kursieren Unmengen an überschwänglichen Begriffen wie "Elixier des Miteinanders", "Wunderdroge" oder "Chemie der Liebe". Was ist dran an der These, dass ein Hormon unser Bindung- und Nähebedürfnis steuert?

Als nach meinen allerersten Studien die Medienberichte kamen, wurde der Begriff "Kuschelhormon" direkt verwendet. Da habe ich mich anfangs geärgert, aber mit der Zeit habe ich es aufgegeben, dagegen vorzugehen. Weil es ja auch nicht ganz falsch ist. Jeder Aufbau von Nähe, Vertrauen und Bindung ist bei Menschen und Tieren nach unserem heutigen Wissenstand ohne das Hormon Oxytocin im Gehirn nicht vorstellbar. Es ist eine wichtige Substanz, um Angst- und Vermeidungsmechanismen gegenüber anderen zu reduzieren und es als angenehm zu erleben, sich anderen anzunähern.

In welchen Situationen und menschlichen Verhaltensweisen zeigt sich beispielsweise, dass Oxytocin am Werk ist?

Wir können Oxytocin nur bedingt direkt im Gehirn des Menschen messen. Aber was wir wissen ist, dass immer dann, wenn wir soziale Informationen oder emotionale Reaktionen bei anderen verstehen wollen, das Hormon eine große Rolle spielt. Außerdem bei der Kontaktaufnahme, speziell beim Blickkontakt; wenn wir Vertrauen aufbauen und Empathie empfinden; beim Zusammenhalt von Gruppen; in Paar-Bindungen, aber auch in Eltern-Kind-Beziehungen. Auch die Sexualität wird durch das Hormon gesteuert.

Sie gehören zu den weltweit am häufigsten zitierten Wissenschaftlern. Welche Ihrer Erkenntnisse waren bahnbrechend?

Als ich angefangen habe, mich im Rahmen meiner Doktorarbeit vor zwanzig Jahren für das Hormon zu interessieren, gab es lediglich Studien mit Tieren. Ich war also der erste Wissenschaftler, der die Wirkungsweisen des Hormons auf das menschliche Sozialverhalten untersuchte. Das waren am Anfang einsame Forscherjahre und manchmal wurde ich wegen der "Frauenhormonstudien" belächelt.

Im Jahr 2005 habe ich gemeinsam mit Ökonomen aus Zürich eine Studie in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlicht, die erstmals zeigte, dass das Oxytocin das messbare Vertrauen in andere signifikant erhöhen kann. Dieses Experiment hat den Bann gebrochen. Danach sind Hunderte andere Forscher auf das Thema aufgesprungen. Inzwischen vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine Studie zu Oxytocin veröffentlicht wird.

Oxytocin ist ja im Prinzip gar keine Neuheit. Es wird bereits seit Langem in der Geburtshilfe eingesetzt ...

Das stimmt. Seit etwa 60 Jahren wird es zur schnelleren Einleitung der Geburt oder auch als Nasenspray bei Stillschwierigkeiten wie Brustentzündungen oder Milchstau verwendet. Wir nutzen dieses Mittel, das eigentlich stillenden Müttern verabreicht wird, in unseren derzeitigen Studien. Die Erkenntnis, dass das gleiche Hormon nicht nur die Milch fließen lässt, sondern auch dafür sorgt, dass die Mutter eine mütterliche Bindung zum Kind aufbaut, ist im Grunde die spannende neue Entdeckung.

Es ist nun die Aufgabe der Biologischen Psychologie und der sozialen Neurowissenschaften herauszufinden, wie das Hormon im Gehirn wirkt. Wir können die Neurobiologie nicht von der Seele – also Verhalten, Emotionen und Denken – trennen. Eine solche psychobiologische Perspektive bietet uns vor allem völlig neue Möglichkeiten der Therapie.

Für welche Therapiekontexte wäre eine Behandlung mit Oxytocin denkbar?

Die größte Hoffnung liegt dort, wo wir von sogenannten sozialen Störungen sprechen: autistische Störungen, soziale Phobie oder Borderline-Persönlichkeitsstörung. Das sind Erkrankungen, die wir bis heute trotz aller Forschung gar nicht oder nicht ausreichend heilen können. Das Oxytocin spielt eine zentrale Rolle für angstfreien Kontakt und kompetenten Aufbau von Nähe zu anderen Menschen.

Dabei ist wichtig zu sagen, dass eine Oxytocingabe allein keine therapeutischen Effekte haben dürfte. Es ist eine kluge Kombination mit psychotherapeutisch angeleiteter Veränderung, die Therapieeffekte erhoffen lässt. Da laufen derzeit nicht nur in Freiburg, sondern weltweit viele klinische Studien, eine endgültige Antwort gibt es noch nicht.

In welcher Form wird das Oxytocin den Probanden denn verabreicht?

1955 hat Vincent du Vigneaud den Nobelpreis für Chemie erhalten, da es ihm erstmals gelang Oxytocin zu entschlüsseln und künstlich herzustellen. Das macht es für die heutige Forschung möglich, das Hormon den Probanden als Nasenspray applizieren.

Manche denken da jetzt vielleicht an eine Art modernen Liebestrank, eine Tablette für mehr Vertrauen und Mitgefühl – oder wohl eher ein Nasenspray. Science Fiction Szenario oder Realität?

Zu meinem Entsetzen habe ich gehört, dass es im Internet bereits Substanzen zu kaufen gibt, die – angeblich – Oxytocin beinhalten. Das ist natürlich kompletter Blödsinn. Es handelt sich um ein Hormon, das niemand aus Spaß oder als Freizeitdroge nehmen sollte. Zudem werden die Effekte grandios überschätzt. Von einer Einmalgabe wird man nichts spüren. Wer sich in eine soziale Stimmung bringen will, dem würde ich höchstens ein Glas badischen Wein empfehlen – und nicht ein Hormon-Nasenspray.

Damit ist die Hoffnung auf "Vertrauen per Nasenspray" wohl erstmal zerschlagen. Lässt sich die Oxytocin-Produktion denn selbst ankurbeln?

Theoretisch ja. Vorausgesetzt, das körpereigene Oxytocin-System funktioniert. Wir gehen davon aus, dass jede Form von angenehmer Berührung oder auch sexuelle Aktivität eine Stimulation von Oxytocin mit sich bringt. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass man ein Massage-Programm entwickeln kann für Menschen mit ernsthaften psychischen Erkrankungen.

Sie haben auch viel zum Thema Stress und Stressbewältigung geforscht, dazu ein Buch und zahlreiche Fachartikel veröffentlicht. Welcher Zusammenhang besteht denn zwischen Stress und Oxytocin?

In einer Studie haben wir rausgefunden, dass Oxytocin die Ausschüttung von Stresshormonen in einer sozial belastenden Prüfungssituation reduzieren kann. Sozialer Beistand von anderen hilft in der Vorbereitung auf kommende Stresssituation ebenfalls. Unter Oxytocineinfluss werden wir einerseits angst- und stressfreier, andererseits fällt es uns leichter, die soziale Unterstützung von anderen anzunehmen.

Woran forschen Sie derzeit?

In unseren aktuellen Projekten geht es um das Verstehen von Paarverhalten und sozialem Verhalten zwischen Gruppen. Wir haben echte Fußballfan-Gruppen ins Labor geholt, Stuttgarter und Freiburger beispielsweise. Da hat sich gezeigt, dass die Gabe von Oxytocin feindseliges oder eifersüchtiges Verhalten gegenüber der anderen Gruppe deutlich mildert.

Neben diesen Themen und der laufenden Therapieforschung, gibt es noch das faszinierende Phänomen des "sozialen Geruchsinns", wo es um Partnerschaft im Kontext von Stress geht. Mein Wunsch ist es seit zwanzig Jahren, die Bedeutung des menschlichen Geruchsinns in sozialen Situationen zu verstehen, etwa bei der Partnerwahl. Wir unterschätzen die Wirkung von Gerüchen auf soziale Beziehungen. Es geht eben nicht alles über visuelle Reize.

Es kommt nicht zur Partnerwahl, wenn man sich nicht "gut riechen" kann. Das beginnt schon viel früher als beim ersten Kuss. Der individuelle Körperduft bestimmt sehr stark, wie ich jemanden wahrnehme, ob ich jemandem näher kommen möchte oder nicht. Wir wollen in unserer Forschung verstehen, welche Rolle dabei auch Hormone spielen. Das sind zugegeben wichtige Fragestellung, die aber auch Spaß machen. Da suchen wir für die aktuelle Studie auch Paare, die Lust haben mitzumachen.
Was: "Immer der Nase nach...!" – Studienteilnehmer gesucht
Worum es geht: Stresserleben und Geruchssinn
Wer wird gesucht: Paare (mindestens 1 Jahr zusammen, gemeinsame Teilnahme an der Studie, Alter; 22-40 Jahre, Nichtraucher, keine hormonelle Verhütung)
Vergütung: Finanzielle Aufwandsentschädigung
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