Feuerzeug

Ein Freiburger Porno-Start-Up will mit feministischen Sexfilmen durchstarten

Gina Kutkat

Zwei Freiburger Studierende möchten Filme produzieren, die nicht den gängigen Porno-Klischees entsprechen. Dafür haben sie das Start-Up Feuerzeug gegründet. Jetzt haben sie ihren ersten Film gedreht.

Millionen Pornos sind über Portale wie Youporn oder Pornhub jederzeit und kostenfrei zugänglich. Inhaltlich und visuell orientieren sich diese Filme meist an den Bedürfnissen von Männern. Kann Porno auch anders ein? Diese Frage stellen Kira Kurz und Leon Schmalstieg.


Zwei Menschen lernen sich beim Trampen kennen, finden sich sympathisch und landen im Bett. Das ist – sehr verkürzt – der Plot des ersten feministischen Pornos aus Freiburg. Gedreht wurde er an vier Tagen Anfang Oktober, aktuell befindet sich der Film in der Postproduktion. Hinter dem noch namenlosen Porno steckt Feuerzeug, ein studentisches Porno-Start-Up aus Freiburg.

Die Idee feministischer Pornos gibt es schon länger

Die Idee, Pornos mit feministischem Anspruch zu produzieren, ist nicht neu. Die bekannteste Vertreterin ästhetischer Erotikfilme ist die Schwedin Erika Lust. Seit 2004 dreht sie Filme für ihre Firma "Lust Films", die mit internationalen Preisen ausgezeichnet wurden. Ihre Darsteller sind sexy, die Sexszenen lebendig und anturnend. Auf ihrer Website legt sie offen, unter welchen Bedingungen ihre Filme entstehen. In Erika Lusts Pornos soll die Frau bekommen, was sie möchte – ihre Lust steht im Mittelpunkt.

Auch Kira Kurz, 24, und Leon Schmalstieg, 23, sind es leid, dass Frauen in Standardpornos immer nur Objekt sind, denen Sex angetan wird. "An herkömmlichen Pornos stört uns unter anderem die Objektivierung der Frauen, das Herabwürdigen aller Darsteller und die genormten Körperbilder, die vermittelt werden", sagt Leon. Kira kritisiert, dass den Darstellern bestimmte Label auferlegt werden: "Insbesondere rassistisches und diskriminierendes Labelling wie exotisch und ähnliches."

"Das, was man auf Youporn oder Pornhub sieht, hat nichts mit der Realität zu tun." Leon Schmalstieg

Kira und Leon, die an der Uni Freiburg Global Studies und Medienkulturwissenschaft studieren, haben sich über Freunde kennengelernt und in einem Gespräch über Pornos schnell eine Basis gefunden. Sie haben sich vorgenommen, bessere Pornos unter fairen Bedingungen zu drehen und eine Alternative zu den Mainstream-Pornos zu schaffen. Inhaltlich sollen ihre Filme nah an der Lebenswelt junger Menschen sein. "Denn das, was man auf Youporn oder Pornhub sieht, hat nichts mit der Realität zu tun", sagt Leon.

Ende November 2017 bewarben sich die Studierenden mit Feuerzeug beim Förderprogramm Smart Green Accelerator des Grünhofs Freiburg und durchliefen zwei Monate, in denen sie alle unternehmerischen Grundlagen über die Start-Up-Gründung lernten. Sie erweiterten ihr Team um Sophie Glawe, die ihnen unter anderem dabei half, die Filmcrew zusammenzutrommeln. Unter dem Slogan "Fair.Feminist.Freiburg-based" tüfteln sie seit Wochen an ihrem ersten Film.

Safer Sex spielt in diesem Porno eine wichtige Rolle

Sie haben das Drehbuch geschrieben, Verträge aufgesetzt, Genehmigungen eingeholt und Darsteller gecastet. Diese fanden sie per Instagram-Aufruf. 800 Euro standen ihnen zur Verfügung, die sie durch eine Förderung der Studierendenvertretung der Uni Freiburg bekamen. Geld verdienen sie mit ihrem Start-Up noch keines. Den Dreh absolvierten alle Beteiligten ohne Bezahlung – das Geld ging fürs Catering, Fahrtkosten und die Technik drauf.



"Uns ist es wichtig, dass sich alle Crew-Mitglieder am Set wohlfühlen", erklärt Leon das Prinzip einer fairen Produktion. "Wir haben niemanden zu etwas gedrängt oder die Darsteller wegen der Sexszene gestresst." Alles, was später im Porno zu sehen sein wird, wollen sie vorher mit den Darstellern absprechen. Erst dann wird der Film freigegeben. Das Risiko, das dieses Mitspracherecht birgt, halten sie für überschaubar. Das Feuerzeug-Team hatte außerdem einen Sorgenbeauftragten am Set, der als Ansprechpartner fungierte. Die oberste Maxime der Produktion: "Safer Sex, Verhütung, Gendervielfalt und Consent", sagt Kira. "Und bei expliziten Sexszenen sind neben den Darstellern nur die Regisseurin und die Kameramänner im Raum", ergänzt Leon.

In ihren Pornos wollen sie wahre Geschichten erzählen

Leon hat sich schon zu Schulzeiten mit dem Thema Pornographie auseinandergesetzt. Privat, aber auch wissenschaftlich. "Ich habe einen richtig schlechten Porno im Internet gesehen und mich entschieden, eine Arbeit darüber zu schreiben." Es ging um die Auswirkungen von Internetpornos auf das Frauenbild männlicher Jugendlicher – die Antworten seiner Mitschüler schockten ihn. Auch Kira machte ähnliche Erfahrungen, als sie für eine Bildungsinitiative Sexualaufklärung in Vorbereitungsklassen durchführte und feststellte, dass manche Jugendliche nicht zwischen Realität und Fiktion differenzieren können. "Wenn in Pornos Gangbang oder ein Blowjob als Dankeschön gezeigt wird, kann das bei jungen Menschen falsche Erwartungen wecken", sagt sie. Ihr eigener Porno soll immer einer Regel folgen: Wahre Geschichten erzählen. Inspiration dafür suchen sie im Freundeskreis.



Während in Mainstream-Pornos oft billige Dialoge auf pralle Geschlechtsteile treffen, zeigen feministische Pornos normale Körper, mit denen sich jeder identifizieren kann. Sex soll in all seinen Formen und Facetten als erotische Art der menschlichen Begegnung gezeigt werden. "Wir legen viel Wert auf die Beziehung zwischen den beiden Menschen", sagt Leon. Die Sexszenen drehten sie unter anderem in einer herkömmlichen Freiburger Studierenden-WG. "Im Mainstreamporno passiert alles immer an unrealistischen Settings", sagt Kira.

Maximal drei Euro soll der etwa 15-minütige Film kosten

Das Drehbuch besprachen sie mit einem Sexualwissenschaftler, damit alle Szenen sexualpädagogisch fundiert sind. In ihrem Porno spielt Safer Sex eine wichtige Rolle: "Der männliche Darsteller trägt ein Kondom und wenn mal keine sichtbaren Safer-Sex-Utensilien zu sehen sind, wird das über die Geschichte erklärt", sagt Leon. "Uns ist bewusst, dass ein Film im Netz durch illegale Verbreitung auch für jüngere Menschen sichtbar werden könnte. Daher bemühen wir uns um eine verantwortungsvolle Darstellung von Sexualität, um möglichen negativen Auswirkungen entgegenzuwirken", sagt Kira. Ihren etwa 15-minütigen Film wollen sie über eine Seite für feministische Pornographie vertreiben bis sie ihre eigene streamingfähige Website haben. Maximal drei Euro soll er kosten.

Ihre Ziele sind hoch: Der Porno soll mitreißend, schön, intelligent, anturnend und bedeutungsvoll werden. Er soll nicht nur Frauen oder Männer ansprechen, sondern alle, die über 18 Jahre alt sind. Die öffentliche Premiere des ersten Feuerzeug-Films ist für Dezember geplant.

Diese Frauen verändern die Pornowelt

Seit den 1970er Jahren konzipieren, drehen und produzieren Frauen Pornos abseits herkömmlicher Sehgewohnheiten und Klischees. Eine Mini-Übersicht über die wichtigsten Filmemacherinnen.

Annie Sprinkle
Sie ist die Mutter des feministischen Pornos: Annie Sprinkle war 20 Jahre Prostituierte und Pornodarstellerin. Seit 2002 hat sie einen Doktor in Human Sexuality. Sprinkle war eine der schillerndsten Figuren des sexpositiven Feminismus der 80er Jahre, führte bei Pornofilmen Regie und war selbst in mehr als 200 Sexfilmen zu sehen.

Erika Lust
Die Schwedin ist die prominenteste Vertreterin des zeitgenössischen feministischen Porno. Für ihre "Xconfessions" verfilmt Lust Fantasien, die Nutzerinnen und Nutzer anonym einsenden – von Sex mit dem Skilehrer über BDSM-Szenen, in denen die Frau zugleich selbstbestimmt und trotzdem unterwürfig ist, bis hin zu Gruppenaktivitäten, bei denen alle Beteiligte so tun, als seien sie Kätzchen. Auch der Freiburger DJ Jan Ehret hat schon für die Serie vor der Kamera gestanden.

Lucie Blush
Um Fragen zu Sex zu klären, startete die Französin Lucie Blush ihr Blog welovegoodsex.com und drehte kurz darauf ihren ersten Film "Alice inside". Blush konzentriert sich auf künstlerische, bedeutungsvolle Sexfilme, die oft in hippen Berliner Altbauwohnungen spielen – dort lebt sie zur Zeit.

Vex Ashley
"A four chambered heart" heißt das experimentelle Porno-Projekt von Vex Ashley alias @vextape. Ihre radikal inklusiven Filme werden komplett durch Fans finanziert – und beeindrucken mit ungewöhnlicher Optik und Elektro-Soundtrack. Ihre "Recursion"-Filme spielen etwa mit Aufnahmen, die die Beteiligten selbst drehen, die Serie "Proximity" kreiert durch ungewohnte Makro-Perspektive tatsächlich so etwas wie Intimität.

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