Ein Freiburger macht Filme ohne Happy End – und trotzdem mit einem Funken Hoffnung

Christina Braun

Simon Schneckenburger macht Filme, kommt aus Kirchenzarten und lebt in Freiburg. Der 25-Jährige Regisseur und Autor wurde erst 2016 mit dem Deutschen Jugendfilmpreis ausgezeichnet. Warum seine Werke voller Neugierde, Fantasie und Empathie stecken.

"Ich will die Leute berühren", sagt Simon Schneckenburger. Er sitzt im Café Hermann und schaut in die Ferne. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Buch des amerikanischen Kult-Autors J.D. Sailinger. Film das ist für ihn die Symbiose seiner großen Leidenschaften der Literatur, Musik, Fotografie und des Geschichtenerzählens.


"Die Welt durch den Sucher zu sehen - das hat mich sofort fasziniert", sagt er. Mit seinen Filmen will er den Zuschauerinnen und Zuschauern seinen Blick auf die Welt zeigen. Die Begeisterung für den Film hat Schneckenburger schon ganz früh gepackt. Irgendwann fällt ihm die Kamera seines Vaters in die Hände und er beginnt damit herum zu probieren.

Alles began mit albernen Spaßfilmen

Als er 14 Jahre alt ist, dreht er seinen ersten Film, ein kleines Videos für die Schule, das er mit Freunden aufnimmt. Damals macht er viele dieser Spaßfilme, bei denen es einfach darum geht sich auszuprobieren. "Das war eigentlich völlig alberner Mist, aber man war für eine große Pause der Held", erzählt Schneckenburger. Mit dem Blick durch die Linse will er dem Kirchzartener Dorfkosmos aus Enge und Langweile entkommen.


Seine Liebe zur Literatur und zum Schreiben entdeckt er im Deutschkurs auf dem Gymnasium. "Ohne meinen Deutschlehrer von damals würde ich das heute vielleicht gar nicht machen", sagt Schneckenburger. Er beginnt mit dem Lesen, schreibt seine ersten Geschichten. "Das hat ein Feuer entfacht", sagt der junge Regisseur. Heute studiert er an der Hochschule Offenburg im zehnten Semester Medien, Gestaltung und Produktion. Im März wird er sein Studium beenden.

Simon möchte Geschichten erzählen

Neugierde, Fantasie und Empathie – das ist laut Schneckenburger das Rezept um gute Filme zu machen. Es geht ihm weniger darum zu unterhalten als vielmehr darum Geschichten zu erzählen. Geschichten, die Gefühle und Situationen aufgreifen, die ihn selbst berühren. Die Inspiration für seine Projekte kommt aus dem Leben um ihn herum. Das kann ein Gespräch, ein Zeitungsartikel oder ein besonderes Erlebnis sein.

Schneckenburgers Filme wirken nachdenklich, poetisch, ernst. Sie erzählen die Geschichten von jungen Menschen, die an einem schwierigen Punkt stehen. Traurige Filme mit Tiefgang, die zunächst fast schon schwarz-weiß erscheinen, aber bei genauerem Hinsehen immer auch Hoffnung auf etwas Neues geben. "Es gibt zwar nie ein Happy End aber immer ein Ende mit Hoffnung", sagt Schneckenburger.

Video: Herr Olsson und die Einsamkeit



So ist es auch bei dem Kurzfilm "Den Regen im Blick" mit dem er in diesem Jahr den Deutschen Jugendfilmpreis gewonnen hat und den er auch bei fudders Filmnacht gezeigt hat. Der Film, den er und sein Team schon vor zwei Jahren in Freiburg gedreht haben, erzählt die Geschichte des 20-Jährigen Felix, der auf der Suche nach dem eigenen Selbst ist.

Dabei schottet sich der junge Protagonist immer mehr von seinem Umfeld ab und droht sich in Orientierungslosigkeit zu verlieren. Der Film ist seit kurzem auch online in voller Länge zu sehen. Die Auszeichnung macht Schneckenburger stolz. Der Preis bringt viel Lob und die Aufmerksamkeit der Medien. Ihn stört aber, dass sein Team bei allem oft vergessen wird. "Hinter so einem Film stecken so viele Menschen, da ist es immer schade, wenn nur ein oder zwei Leute im Mittelpunkt stehen", sagt er. Denn ohne die richtig Kameraführung, einen guten Schnitt und eine funktionierende Organisation, könnte Schneckenburger seine Projekte so nicht umsetzten. Wichtiger als der Preis an sich ist für den Regisseur ohnehin, dass er die Leute mit seinen Filmen erreichen kann.

Sein Abschlussprojekt ist in Arbeit

Zur Zeit arbeitet er am Abschlussprojekt seines Studiums, dem Film "Am Tag die Sterne". Er erzählt die Geschichte von David, der vier Jahre nach dem Amoklauf seines älteren Bruders in die Kleinstadt zurückkommt, die einmal seine Heimat war. "Es geht darum was danach mit den Leuten passiert. Wie gehen sie mit Situationen um und wie reagieren sie auf Orte der Erinnerung?", erklärt Schneckenburger. Den jungen Filmemacher interessiert besonders warum Menschen zudem werden, was sie jetzt sind. "Mich faszinieren vor allem die Geschichten vor den Geschichten", erzählt er. Seine Filme zeigen das Danach, erzählen aber das Davor immer mit.

Video: Am Tag die Sterne - Soundtrack



Im Vorlauf sprach er mit einer Psychologin, las Bücher, schaute Dokus. Er ist überzeugt: "Man muss sich ein Thema erst erarbeiten, um es erzählen zu dürfen". Denn er berichtet aus der Perspektive der Betroffenen, ohne es selbst erlebt zu haben. "Das ist eine Riesenverantwortung - gerade gegenüber den Menschen, die das wirklich durchgemacht haben", weiß Schneckenburger. Den Film haben er und sein Team schon im Sommer gedreht, gerade läuft die Nachproduktion. Anfang nächsten Jahres soll Premiere gefeiert werden.

"Ich hab so viele Ideen im Kopf, dass mir manchmal schon ganz schwindlig ist" Simon Schneckenburger


Wenn der Regisseur über seine große Leidenschaft spricht, beginnen seine Augen zu leuchten. Er weiß, Filmemachen - das ist es. Das will ich machen. Und er hat auch schon konkret Pläne, wie es in Zukunft weitergehen soll. Schneckenburger will sich im Februar an der Filmhochschule in Ludwigsburg bewerben. Das war schon lange sein Traum. "Ich hab so viele Ideen im Kopf, dass mir manchmal schon ganz schwindlig ist", sagt er. Sein größtes Ziel ist es irgendwann mal sein Lieblingsbuch "Ist schon in Ordnung" vom norwegischen Autor Per Petterson zu verfilmen.

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