Kommunales Kino

Ein Freiburger Filmteam hat eine Dokumentation über Tschernobyl-Rücksiedler gedreht

Sina Gesell

Einen neuen Blickwinkel auf Tschernobyl wollen Moritz Schulz und Michael Sladek mit ihrem Film „Roadside Radiation“ eröffnen. Für den Regisseur und den Produzenten ist die Dokumentation eine „Herzensangelegenheit“. Sie erzählt von jenen Menschen, die in die Reaktorzone zurückgekehrt sind.

Nun läuft der Film im Test-Screening im Kommunalen Kino (Koki), bevor die beiden Filmemacher auf Festival- und Kinotour gehen wollen.
"Klar, Tschernobyl ist ein abgeschotteter Ort, man fühlt sich wie in einem Kokon", sagt Regisseur Schulz, "doch dort gibt es immer noch viel Leben." Genau dieses Leben versucht das Freiburger Filmteam mit der Dokumentation "Roadside Radiation" zu beschreiben – sei es jenes einer 83-Jährigen, die die Zone als ihre Heimat sieht; oder ein Mann, der während des Reaktorunglücks vor 30 Jahren in dem Kraftwerk arbeitete und heute noch dort arbeitet; oder seien es Touristen, die illegal durchs Sperrgebiet wandern. "Wir wollen zeigen, wie die Leute mit der Katastrophe umgehen", sagt Sladek.


Für den Produzenten sei die Arbeit an dem Film auch eine Reise in seine Kindheit gewesen, erzählt er. Der 34-Jährige ist Sohn des Ökostrom-Unternehmers Michael Sladek, der gemeinsam mit seiner Frau die Elektrizitätswerke Schönau gegründet hatte. "Zu Hause spielte Tschernobyl immer eine Rolle."

Als sein Kollege Moritz Schulz – die beiden arbeiten bei der Bad Krozinger Produktionsfirma "earlybirdpictures" – mit der Idee zum Film um die Ecke kam, "hat er bei mir offene Türen eingerannt". Also suchten sich die Filmemacher einen Kamera- und einen Tonmann sowie eine Übersetzerin und realisierten das Projekt innerhalb eines Jahres. Finanziert haben sie den No-Budget-Film laut Sladek über Crowdfunding und Sponsoren wie das Freiburger Kulturamt. Das Team selbst habe nichts verdient. Während Sladek in Freiburg blieb und sich unter anderem um die Finanzierung kümmerte, reisten die anderen für etwa vier Wochen nach Prypjat, das Zentrum des Sperrgebiets, ausgestattet mit einem Strahlenmessgerät.

Innerhalb eines Jahres war das No-Budget-Projekt realisiert

Der Bereich um Tschernobyl sei zwar noch immer ein gefährlicher Ort, "es war aber ein überschaubares Risiko", so Schulz. Ein Guide brachte das Team in die Zone, am Abend ging’s wieder raus.

Eigentlich. Denn einige Nächte schliefen die Vier dann doch im Sperrgebiet und zogen mit illegalen Touristen durch den "ultimativen Ground Zero", berichtet Schulz, der aus Berlin stammt und in Freiburg studiert hat. Auch das Team habe zu der Zeit keine Drehgenehmigung gehabt. "Wären wir erwischt worden, wäre das Filmprojekt gescheitert", ist sich Sladek sicher. "Ich war froh, als die Mail kam, dass sie wieder raus sind." Das war auch das Team vor Ort – allerdings wegen des anstrengenden Marschs, sagt Schulz. Die Nächte seien zu seinem Erstaunen nicht gruselig gewesen, sondern friedlich. "Eine eindrückliche Erfahrung", so der Regisseur.

Eindrücklich ist auch die Dokumentation geworden, die in der Reihe "Fluchtgrund Klimawandel" (die BZ berichtete) gezeigt wird. "Unser Film hat zwar nichts mit dem Klimawandel zu tun, aber mit Menschen, die ihre Heimat verloren haben", so Schulz. Auch für Festivals haben die beiden sich schon beworben, und sie planen eine Kinotour durch Deutschland. Auf der Dok Leipzig wurde der Film bereits vorgestellt. Dort sei er gut angekommen. Nun hoffen sie, dass sie auch das Freiburger Publikum begeistern können.

"Roadside Radiation": Test-Screening im Koki am Donnerstag, 17. November, 19.30 Uhr, sowie Sonntag, 20. September, 17.30 Uhr. Nach der Doku gibt’s ein Filmgespräch. Tickets 7 Euro, ermäßigt 5 Euro .