Ein Festival für Rothaarige: So war es auf den Redhead Days 2013 in Holland

Jule Markwald

Auf den Redhead Days treffen sich jeden September Rothaarige aus aller Welt, um ein Wochenende lang bei Musik, Tanz und Vorträgen ihre Haarfarbe zu feiern. Tausende Rothaarige reisten dieses Jahr zum Festival ins holländische Breda, darunter auch fudder-Autorin Jule Markwald. Wie es war, mit ihrer Haarfarbe ausnahmsweise eine unter vielen zu sein.



Vor einigen Monaten schickte mir ein Bekannter einen Link. Seit 2005 findet jedes Jahr in einer holländischen Kleinstadt namens Breda ein internationales Treffen von Rothaarigen statt. Ich rief meine kleine Schwester an – die einzige in meiner Familie, die genauso rote Haare hat wie ich – und fragte sie, ob wir zu den Red Head Days fahren sollen. Bis zu unserer Abreise sollten wir einen todsicheren Gesprächsstarter unser Eigen nennen können: „Ich fahre demnächst auf ein internationales Rothaarigenfestival!“

Es ist später Samstagnachmittag, als meine kleine Schwester und ich endlich auf dem Marktplatz von Breda stehen. Schon im Hotel sind wir an den ersten Rotschöpfen vorbeigelaufen. Man grinst sich an, noch ein wenig unsicher, wie man sich so verhält auf einem Rothaarigentreffen.

Auf dem Marktplatz finden wir sie dann – die ersten Roten in freier Wildbahn! Ungefähr zwei Minuten stehen wir unsicher in der Gegend rum, bis uns der Erste anspricht. Toni ist aus Italien und seine Haare sind meiner Meinung nach eher braun, aber man will ja nicht so sein. Er fragt uns, ob wir mit auf ein Foto wollen, und so posieren wir mit einer Gruppe rothaariger Menschen, die wir nicht kennen, für einen rothaarigen Fotografen, den wir auch nicht kennen.

„Bisschen schräg“, konstatiert meine Schwester, und ich nicke. Als wir wenig später beim Abendessen sitzen, läuft eine geführte, rothaarige „Pub Crawl“-Gruppe an unserem Tisch vorbei. 20 Menschen, die uns zuwinken, lachen und uns fragen, was wir da machen, wir sollen gefälligst mitkommen! Müde grinsen wir zurück, und schon macht der Nächste ein Foto von uns. Die Rothaarige vom Nebentisch lächelt verständnisvoll in unsere vom Blitzlicht geblendeten Gesichter.

Der darauffolgende Sonntag ist der Haupttag des insgesamt dreitägigen Festivals. Schon am Frühstücksbuffet im Hotel ist ein Großteil des Raumes rothaarig. Wir tragen – wie alle anderen – blaue Kleidung, weil das für das große Gruppenfoto so vorgegeben ist. Zwischen all den blaugekleideten Rothaarigen sitzt verloren eine Gruppe Japaner und sieht sich verwirrt um. Wie absurd das Ganze auf sie wirken muss, will ich mir lieber nicht vorstellen.

Auch meine Schwester und ich fühlen uns merkwürdig, als wir wenig später durch Bredas wunderschöne Innenstadt laufen. Überall rote Haare, überall Sommersprossen. Ein älterer Herr hat einen Aufkleber mit der Aufschrift „Keep pale and freckle on“ am Revers kleben. „Tausende Rothaarige aus aller Welt“ stand auf der Homepage des Festivals und wie immer, wenn irgendwo „aus aller Welt“ draufsteht, ist das Publikum zu mindestens 50 Prozent deutsch. Die anderen 50 Prozent setzen sich aus Holländern, Briten, ein paar Iren und Belgiern, überraschend vielen Italienern, vereinzelt Amerikanern und Neuseeländern zusammen. Sogar das Gerücht über ein paar extra angereiste Brasilianer macht die Runde.

Wir laufen durch die Meute und versuchen, nicht zu doll zu starren. Kaum zu fassen, wie seltsam es ist, plötzlich einer von vielen zu sein. Noch auf der Fahrt nach Holland haben meine Schwester und ich uns gefragt, ob es nun etwas positives oder negatives sein würde, nicht mehr herauszustechen mit seiner Haarfarbe, sondern einer von vielen zu sein. Normalerweise fallen wir positiv mit unseren Haaren auf. Schon öfter haben mich fremde Menschen auf der Straße angesprochen und mir gesagt, wie schön sie meine Haarfarbe finden. Hier sind wir zwei unter vielen. Nichts Besonderes mehr. Das dachten wir zumindest.

Stattdessen fühlen wir uns nach einigen Stunden wie Superstars. Wir können keine zwei Meter gehen, ohne nicht von irgendjemandem fotografiert zu werden. Ein professioneller Fotograf spricht uns an, als wir einmal kurz fünf Minuten auf einer Mauer verschnaufen und lässt uns posieren. Als wir weitergehen, laufen wir direkt einem unsympathischen Interviewfritzen von RTL in die Arme. „Rothaarigen werden ja besondere Persönlichkeitsaspekte zugesprochen. Könnt ihr das bestätigen?“, lautet seine erste Frage. Als wir nach einigen weiteren Fragen weiterlaufen, schicke ich ein Stoßgebet zum Himmel, dass der Blödsinn nicht ausgestrahlt wird.

Das Festival ist von vorne bis hinten reibungslos organisiert. Es gibt einen Infostand, ein Zelt, in dem Merchandiseartikel verkauft werden, eine Art Minijahrmarkt und eine kleine Bühne, auf der unter anderem eine Modenschau für Rothaarige stattfinden soll. Auch Vorlesungen zum Ursprung roter Haare und Rothaarigkeit in der Populärkultur werden angeboten.



Nur ein Prozent der gesamten Weltbevölkerung haben diese bestimmte Abweichung auf dem sechzehnten Chromosom, die das Protein MC1R so verändert, dass anstatt Melanin das hellere Phäomelanin in Haut, Augen und Haaren vorhanden ist. Dies führt zu der typisch hellen Haut, häufig blauen Augen und Sommersprossen. Und eben den roten Haaren. Die meisten Rothaarigen weltweit gibt es in Nordeuropa, aber selbst in Afrika und Asien gibt es Gegenden mit außergewöhnlich vielen Rothaarigen. In einigen Kulturen sind rote Haare positiv belegt, in anderen eher weniger. So gibt es im englischen Sprachraum zum Beispiel den Begriff „gingerism“, der den Hass auf rothaarige Menschen beschreibt. Es gibt hunderte Websites mit Witzen über „Gingers“, also Rothaarige, und der 20. November ist in Großbritannien der offizielle „Kick a Ginger Day“.

2011 beschloss sogar eine der größten Samenbanken der Welt, Cryos International, keine Samenspenden von rothaarigen Männern mehr anzunehmen, da die Nachfrage danach so gut wie nicht vorhanden war. Rothaarige Männer haben es in der Tat schwerer als rothaarige Frauen, das muss ich nach diesem Festival zugeben. „Ich will mal eine rothaarige Tochter und einen nicht rothaarigen Sohn", sagt meine rothaarige Schwester und blickt sich um. „Prinz Harry scheint eine positive Ausnahme zu sein.“

Auch wenn man „ginger“ bei der Google Bildersuche eingibt, bekommt man zwei Sorten Bilder zu sehen. Entweder sexy rothaarige Frauen in Reizunterwäsche, die unter Überschriften wie „Once you’ve tasted red, you’re not going back“ lasziv in der Gegend herumlümmeln, oder rothaarige Jungs mit großen Schneidezähnen und Sommersprossen, über die sich hemmungslos lustig gemacht wird. Die Herren der Schöpfung haben hier eindeutig den Kürzeren gezogen, da kann Ed Sheeran mit Taylor Swift Duette singen wie er will.

Während mein Blick über das Publikum schweift, frage ich mich, ob es wohl ein vergleichbares Treffen für andere rein physische Aspekte gibt. Zu einem Blondenfestival oder einem Treffen für grünäugige Menschen würde kein Mensch gehen, dafür sind beide Dinge nicht exotisch genug. Zwar gibt es Treffen und Conventions für Menschen mit besonders ausgefallenen Bärten oder Körpermodifikationen wie Piercings oder Tattoos, aber all das sind Dinge, für die sich Leute frei entscheiden. Für naturrote Haare kann man sich nicht entscheiden. Dagegen genauso wenig.

Auf dem Festival wird mehrmals der Dokumentarfilm „Being Ginger“ von Scott Harris gezeigt. Er zeigt dokumentarisch die emotionale Reise eines rothaarigen Mannes, der sich aufgrund seiner Haarfarbe selbst hasst und als eine Form der Selbsttherapie zum Rothaarigenfestival 2012 nach Breda fährt. Für ihn war dieses Festival eine Möglichkeit, seine Haare nicht als Bürde, sondern als etwas Positives zu begreifen. Ein körperlicher Aspekt, auf den man stolz sein kann. Und das sind hier augenscheinlich die allermeisten. „Ginger with attitude“ oder „Ginger and proud“ steht auf vielen der T-Shirts, die in der Menschenmenge an uns vorbeiziehen.

Wir laufen ziellos durch die Gegend, denn das Programm, das auf der kleinen Bühne des Festivals vor sich hinplätschert, lässt noch deutlich Luft nach oben übrig. Das Festival ist weitestgehend durch crowdfunding finanziert und das Budget eher überschaubar. Das ist deutlich zu spüren. Als wir an der Bühne vorbei in Richtung Park laufen, spielt ein funkiges Damentrio Mitte vierzig ein Medley aus „Hit the Road Jack“ und „We are Family“. Im Park selbst schwebt eine dicke Marihuanawolke über einer Gruppe rothaariger Hippies, die im Kreis stehen und Tai Chi praktizieren. Nebenan ist unter einem Pavillon ein provisorisches Fotostudio eingerichtet, in dem man für nur 5 Euro professionelle Bilder machen kann. Aus der Ferne hört man Dudelsackmusik.

In Kontakt mit den anderen Rothaarigen zu kommen, ist auf einem solchen Festival eigentlich leicht. Allerdings ist das Publikum enorm gemischt und außer unserer Haarfarbe haben wir mit diesen Menschen nichts gemeinsam. Und genau das ist dann auch die Achillesferse dieses Festivals. Dass uns außer diesem einen, kleinen physikalischen Aspekt wenig bis gar nichts vereint. Auf einem Musikfestival vereint uns die Liebe zur Musik, auf einem Filmfestival die Liebe zum Film. Doch hier ist es kein geteiltes Interesse, das uns zusammenführt, sondern ein einziger physischer Aspekt, den wir alle teilen. Und das ist nicht wirklich genug, um das Ganze für mehr als ein paar Stunden interessant zu machen.

Als wir den Park verlassen, setzt das Damentrio vollkommen ironiefrei an, „Blurred Lines“ zu interpretieren. Wir laufen zurück zu unserem Auto und versuchen Bilanz zu ziehen. Was hat dieses Festival für uns gebracht? Hat sich unsere Einstellung zu unserer Haarfarbe geändert? Ich hatte schon vor dem Festival eigentlich kein Problem mit meiner Haarfarbe. Aber es hat schon einen besonderen Effekt auf das eigene Selbstbewusstsein, zwei Tage lang als außergewöhnlich und besonders und fantastisch betrachtet zu werden. Gleichzeitig wurden wir hier nur auf unser Äußeres und auch nur auf einen Aspekt unserer Erscheinung reduziert, ohne dass wir das Ganze kritisch hinterfragt haben.

Wir einigen uns letztendlich darauf, dass es eine interessante Erfahrung war, aber unsere Einstellung zu roten Haaren nicht signifikant verändert hat. Wir biegen um eine Ecke und uns läuft ein rothaariges Mädchen entgegen. Wir grinsen uns gegenseitig an. Und all die braunhaarigen und blonden Menschen, die uns danach entgegenkommen, sehen seltsam farblos aus.

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Fotogalerie: Jule Markwald

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