Ein erstes und ein letztes Mal

Christian Deker

Rosenstolz in Freiburg: Eine fast ausverkaufte Stadthalle erlebt ihr letztes großes Konzert - Katharina und Alfons dagegen zum ersten Mal einen Auftritt ihrer Lieblingsgruppe. Noch einmal hat die Stadthalle ihre mausgrauen Vorhänge zugezogen, um notdürftig das Tageslicht auszusperren. Ein letztes Mal Dampf, Hitze und beschlagene Fenster.



Bevor sie als Ersatz-Universitätsbibliothek dienen darf und dann abgerissen werden soll, erlebt die Stadthalle mit einem Stopp der Rosenstolz-Tour "Das große Leben" den vorerst letzten Hauch der großen Auftritte. Die Kassiererin an der Abendkasse murmelt fünf Minuten vor Konzertbeginn, als sie gerade eine der verbliebenen 100 Karten verkauft hat: “Ach, was hatten wir hier für schöne Konzerte.” Ein bisschen Wehmut und Melancholie sind in ihrer Stimme nicht zu überhören.


Ganz anders dagegen die 23-jährige Katharina aus Freiburg, die sich zusammen mit ihrem Freund Alfons (41) schon vor Weihnachten Karten für das Konzert gesichert hat: “Seit etwa sechs Jahren bin ich ein großer Rosenstolz-Fan und bin auf mein erstes Livekonzert heute sehr gespannt.”



Kennen gelernt hat sie die Berliner Popgruppe im schwul-lesbischen Club “Sitis” in Freiburg, dem heutigen F-Club. Die Lieder von Rosenstolz liefen dort bei den Partys; damals war das Popduo noch recht unbekannt und eine Art Geheimtipp in der schwul-lesbischen Szene. Die erste CD hat Katharina von einer lesbischen Freundin geschenkt bekommen, seither hat sie das Fieber rund um AnNa R und Peter Plate nicht mehr losgelassen.

Was ist das Tolle an Rosenstolz? “AnNa hat einfach eine gigantische Stimme ? insgesamt gefällt mir die Mischung aus der Musik und den Texten sehr gut”, sagt die PH-Studentin. Alfons schätzt es, dass Rosenstolz keine künstlich erzeugte Popgruppe ist: “Die kommen schon sehr authentisch rüber.”



Und dann starten AnNa und Peter vor den knapp 5000 Zuschauern auch richtig durch. Peter sitzt am Klavier wie eine kleine Dampfmaschine: Bei jedem Schlag der Musik stampft er mit dem Fuß auf den Boden, sein ganzer Oberkörper hebt sich kurz vom Klavierhocker in die Höhe. AnNa variiert gekonnt je nach Song zwischen rauer rockiger und märchenhaft melodiöser Stimme.

Zum 15-jährigen Jubiläum haben die beiden ein paar alte Lieder ausgegraben. Sie singen “Die Schlampen sind müde” und “Schlampenfieber”. Letzteres in ihrer Lieblingsversion, der so genannten “Megapower-Version”. Die Fans sind begeistert.

Vor den Zugaben schafft es Rosenstolz mit dem Song “Ich bin ich (wir sind wir)” sogar, die notorischen Sitzer auf der Empore zum Aufstehen zu bewegen. Eine Tochter im zarten Teeniealter blickt ungläubig ihre Mutter an, die gerade voller Begeisterung im Takt der Musik einen Cowboy mit Lasso imitiert.



Nach gut zweieinhalb Stunden und 25 Liedern ist das Spektakel vorbei. Die Luft ist zum Schneiden und zum letzten Mal drängt sich die Masse durch die Glastüren ins Freie.

Katharina und Alfons sind hin und weg. Ihre Begeisterung hört sich an der frischen Luft so an: “Geil! Morz schön, einfach nur morz schön!” Die Stadthalle selbst steht in der lauen Frühlingsnacht völlig unbewegt an ihrem Platz und harrt der Dinge, die da kommen werden.