Ein Emoji sagt mehr als 1000 Worte

Sacha Szabo

Bilder statt Worte! Auf Smartphones und in sozialen Netzwerken kommunizieren wir immer mehr mit Hilfe von Emojis. Der Freiburger Unterhaltungswissenschaftler Sacha Szabo formuliert fünf Thesen über die Bildersprache aus Japan.

Emoticons sind durch ein Missverständnis entstanden. Informatiker an der Carnegie Mellon Universität spotteten über ein Experiment der Physiker, doch die verstanden den ironische Unterton ihrer Nachricht nicht. So bestimmte Scott Fahlmann am 19. September 1982, dass ab nun die Zeichenfolge :-) als Zeichen für einen Witz stehen solle.


Das Zeichen hat sich etabliert und ist so geläufig, dass es als authentisches Lächeln verstanden wird und positive Gefühle hervorruft, wie eine Untersuchung des australischen Professors Owen Churches ergab. Ist das der einzige Grund, warum alle heutzutage so verrückt nach Emoticons und Emojis sind und kaum ein Text-Interface ohne sie auskommt? 

Emojis sind eine neue Schrift

Die Nähe der Emoticons und Emojis zu den interaktiven Massenmedien lassen diese zu deren ureigenster Sprache werden. Wer also über soziale Netzwerke kommuniziert, nutzt andere Ausrücke, die inzwischen allgemein bekannt sind. So sehr, dass selbst die Smiley-Zeichenfolge von Fahlmann inzwischen von Word anstandslos in einen Smiley verändert wird. Vor allem ist es aber die spezifische Funktionalität der Interfaces, die den Spieltrieb anspricht. Das Text nicht selten schlecht darin ist, die Zwischentöne zu treffen, grenzt an der Grenze zur Belanglosigkeit. Es ist ein Dilettieren an Wittgensteins Diktum: Das Unsagbare zu bedeuten, „indem man das Sagbare klar darstellt“.

Kürzer und wesentlich spielerischer geht das mit einem Emoticon. Das könnte im Übrigen auch Wittgenstein raten: „Der Satz sagt nur insoweit etwas aus, als er ein Bild ist“. Also wird aus hunderten Bildern ein passendes in den Text hineinkopiert. Weniger als Aussage, sondern als Hinweis auf die eigene Medienkompetenz. Schau her was ich da tolles hab! Das Gegenüber antwortet nun, wie in einem Spiel, mit einem anderen Bild oder gar einer ganzen Bildfolge. Ein Wettbewerb über die witzigste Emoticon-Reihe entsteht. Neue Aussagen entstehen. Und wir erleben die Geburt einer neuen Schrift.

Emojis sind eine Universalsprache

Kommunikation, so lernt man mühevoll im geisteswissenschaftlichen Studium, besteht aus einem festgelegten Verhältnis von Bezeichnendem (Signifikant) und dem Bezeichneten (Signifikat). Aber dann wird es verwirrend. Diese Verbindung hat sich aufgelöst. Kein Wunder, dass larmoyant aus der Soziologie attestiert wird, dass Kommunikation eh nicht möglich sei und jeder nur das versteht, was er will. Kommunikation ist nur noch ein weißes Rauschen.

Wie aber kommunizieren, wenn keiner mehr versteht, was ich sagen will? Das Emoji hilft! Es ist eine zeitgemäße Hieroglyphe. Gemeintes und Gesagtes sind in einem Bildzeichen zusammengefasst. Jeder sieht sofort, was ich meine. Es ist eine universelle Sprache. Man hat sogar im Crowdfunding-Projekt „Emoji Dick“ Geld gesammelt, um Moby Dick in Emoticons zu übersetzen, sodass er weltweit gelesen werden kann.

Emojis sind Mainstream gewordene Subkultur

Ursprünglich war das querstehende Smiley eine Konvention innerhalb einer kleinen Gruppe von Nerds. Außer Murrey Bozinsky aus „Trio mit Vier Fäusten“ benutzten die wenigsten 1982 einen Computer. In dem Maße, wie nun der Computer in die Mitte der Gesellschaft wanderte, veränderten sich auch die Zuschreibungen.

Mit Bill Gates, spätestens aber mit Sheldon Cooper, wurden nun auch die Nerds cool und werden als „Digital Natives“ klassifiziert. Mit den Nerds wanderten nun die Emoticons in die Mitte der Gesellschaft. Die Emoticons sind die Bildmarke der „Digital Natives“.

Emojis entschärfen Aussagen

Die Texte im Netz, nimmt man einmal die Auslassungen von Kommentartrollen davon aus, zeichnen sich durch Kürze und Prägnanz aus. Der Siegeszug von Twitter liegt darin, in 140 Zeichen eine Botschaft zu konzentrieren. Es sind Sätze, die straight sind. Nun liegt das Direkte nicht jedem. Wir in Südbaden kennen unsere Vorliebe für das Indirekte und die hohe Kunst der sublimen Andeutungen. Dies hat etwas damit zu tun, nicht grob oder verletzend zu wirken. Selbst in den Beurteilungen von schulischen Leistungstests findet sich inzwischen nicht selten ein Smiley am Rand. Sodass die Gewalt, die von der Schlussnote ausgeht, nun ein freundliches Gesicht bekommt  „Sei mir nicht böse“, soll das Smiley sagen - und ist doch nur eine unfaire Maskierung

Genau dies leisten nun auch die Emojis. Mir fehlt die innere Stärke, zu dem zu stehen, was ich sagen will. Also wird die präzise Aussage mit einem bunten Bilderreigen eingenebelt. Auch wenn es unzählige Emoticons gibt, so gibt es keinesfalls für jeden Gemütszustand eines. In der Mehrzahl sind es humorvolle Nettigkeiten, sodass jetzt selbst Kritik fröhlich erscheint.

Emojis verzaubern die entzauberte Sprache

Jeder versteht das querstehende Smiley, so wie auch jeder die Männchen versteht, die die Wege zu den Toiletten in Kaufhäusern markieren. Dies alles wäre auch im Netz möglich, wenn wir bei den Emoticons nicht einen Prozess erleben würden, der mit unserer funktional-differenzierten Gesellschaft einhergeht: die Individualisierung.

Man moddet nicht nur seinen Computer und individualisiert sein Handy, sondern sucht beständig nach neuen exklusiven Emoticons, die einen von der Masse abgrenzen. Der Text wird nun höchst individuell. Er wird nun schöner, aber damit unverständlicher und der Charakter der Universalsprache der Emoticons geht nun verloren. Kein Wunder, dass sich der Erfinder des querstehenden Smileys weigert, Smartphones und Emojis zu nutzen und stattdessen standhaft beim Old-School-Emoticon bleibt.

Bei den Emoticons siegt die Form über die Funktion. Die sachliche Funktionalität wird mythisch. Sprache wird nun zu etwas Geheimnisvollem. Die versachlichte entzauberte Sprache wird wieder verzaubert. So müssen sich die Ägyptologen gefühlt haben, bevor Jean-Francois Champollion die Hieroglyphen entschlüsselte. Hübsche bunte Bilder, die wohl etwas Wichtiges bedeuten. Nur was, das ist nicht klar. Heute ist es genauso mit den Emoticons: Man versteht sie nicht, aber sie machen gute Laune.

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[Illustration: Nils Oettlin]